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Deichkind - Neues vom Dauerzustand

Deichkind- Neues vom Dauerzustand

Sultan Günther / Universal
VÖ: 17.02.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Commander in schief

Manchmal ist es wirklich schade, dass die Cover auf dieser sonst so gottgleichen Website doch relativ klein dargestellt sind. Manchmal muss man ein Artwork in voller Pracht sehen, um es bewundern zu können. Deichkind, bislang eher mit pragmatischer Gestaltung ihrer Alben aufgefallen, haben aber mit ihrer achten LP "Neues vom Dauerzustand" die beste Albumtitel-trifft-Cover-trifft-Musik-Kombination erschaffen, die man seit langem zu Gesicht und Gehör bekommen hat. Die Laterne hängt sicher nicht erst seit gestern schief. Und die "Delle am Helm", welche der schmissig pumpende Opener in mehrfacher Ausführung berappt, gehört bei dem Hamburger Kollektiv ohnehin zum guten Ton. "Ich hab' die Birne im Sud / Mir geht es relativ gut / Brösel im Kopf und Nutella im Hut." Und doch bleiben Deichkind nicht nur immer eine Spur schlagfertiger und cleverer als ähnliche Electroclasher. Die Songs haben auch die zwingendsten Beats jenseits von Pacha und Cocoon, sodass Wiederhören zunehmende Freude macht.

Das Durchdeklinieren eines Themenansatzes hat die Truppe schon öfters zur Perfektion gebracht. "Neues vom Dauerzustand" bringt genau das zur Meisterschaft. Wenn ein Song zu gewittrigem Beat mit "WM in Katar, merkste selber?" einsetzt, hat er ja eh schon gewonnen, bevor der irre Refrain die Synapsen auslöscht. Wann hat man zudem so lang über das Wort "Doppelhaushälfte" nachgedacht? Und wie viele Male kann man eigentlich stur auf "Nummer sicher" gehen? Höhepunkt dieser sportlichen Betätigung ist aber das dazwischen platzierte "Lecko mio". Es ist zu hoffen, dass findige DJs das beschwipst groovende Teil auf Malle & Co. zwischen "Coq au vin, Kokolores, 'Coco jamboo'" einschieben und die kulturlose Feiermasse gar nicht merkt, wie sie verballhornt wird. "Der Sand ist heiß und wir schreien nach mehr / No comprende and we just don't care". Natürlich memebar wie Sau, wie man es gewohnt ist.

Die Platte liegt jedoch mit Herzenslust vor allem neben der Spur. Weniger "Bück Dich hoch", mehr "Richtig gutes Zeug". "Neues vom Dauerzustand" geht in Sachen Publikumsverprellung und Gagaismus so weit wie mindestens "Aufstand im Schlaraffenland" nicht mehr. Dazu gehört auch, dass ein paar Minuten faul zum nächstbesten Keyboard-Preset sinniert wird, dass man nun wirklich "Kein Bock" hat. "Ne, komm ... das is' doch irgendwo in Schleswig-Holstein / Kann da nich' Dein Bruder hingehen?" Oder dass Philipp Grütering sich über "Kids in meinem Alter" die Sleaford-Mods-Klamotte anzieht und im längsten Song des Albums zu nöligem Beat den Assoziationsblaster anwirft. "Kids in meinem Alter wollen befehlen / Haben Ideen und stehlen wie Frank Thelen / Hören Wu und Prince, Boomer-Cringe." Das kann mit der durchaus vorhandenen Penetranz im falschen Moment absolut entnerven, zieht im richtigen aber auch mit in den Stream of Consciousness hinein.

Alles also schwieriger diesmal? Nicht ganz. Im Gegensatz zu minimalistischen Weirdo-Exkursen wie "War nicht wahr" finden sich auch zugängliche Momente. Mit "In der Natur" schickte die Band schon lange vorher ein auch videotechnisch meisterhaftes Signal vorneweg. "Geradeaus" kramt den Rap der frühen Platten wieder hervor, "Wie denn?" swingt in einer poppigeren Gangart zum etwas seichteren Abschluss und Clueso setzt sich in "Auch im Bentley wird geweint" mit in den Learjet. Es sind die kleinen Details, wie der "Rich!"-Backingvocal, die den Unterschied machen. Auch Fettes Brot müssen sich herzlich bedanken, dass sie nicht nur mit "Mehr davon" einen Nineties-House-Beat abbekommen, der Beyoncé auf "Renaissance" gefallen hätte, sondern ebenfalls dass hier ihr bester Song seit gefühlt 35 Jahren rausspringt. Auch wenn es lyrisch nicht allzu deep wird: Treten die Texte in den Hintergrund, klatscht das Instrumental dafür meist richtig.

"Neues vom Dauerzustand" braucht seine Zeit, bis alles klickt. Was angesichts eines vordergründig repetitiven und meist humorig gemeinten Albums erst mal weit hergeholt scheint. Aber ein Track wie "Fete verpennt" amüsiert zunächst nur mild, während man beim zehnten Mal quer durch die Bude springt und im Stakkato skandiert: "Er ist nicht hier / Sie ist nicht hier / Sie ha'm mal wieder die Party verpennt / Damit das mir ja nicht passiert / Schlucke ich das Guarana-Getränk." Oder sich das Ding gleich vom Killerbeat von "Wutboy" kaputtschlagen lässt. Auf seine Art schief ist "Neues vom Dauerzustand" auf jeden Fall, wirkt wenig konstruiert, Dinge scheinen zufällig zu passieren. Gerade deshalb ist erstaunlich, dass am Ende fast alles an seinen Platz fällt. Oder wie man eben doch irgendwann Laternen im 45-Grad-Winkel feiert.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Delle am Helm
  • In der Natur
  • Merkste selber
  • Lecko mio

Tracklist

  1. Delle am Helm
  2. Geradeaus
  3. Fete verpennt
  4. In der Natur
  5. Kids in meinem Alter
  6. Auch im Bentley wird geweint (feat. Clueso)
  7. Merkste selber
  8. Lecko mio
  9. Nummer sicher
  10. Kein Bock
  11. Wutboy
  12. Mehr davon (feat. Fettes Brot)
  13. War nicht wahr
  14. Wie denn?

Gesamtspielzeit: 43:30 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

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2023-10-25 10:10:22 Uhr - Newsbeitrag
Yaaaaay!

The MACHINA of God

User und Moderator

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2023-10-25 10:09:18 Uhr

The MACHINA of God

User und Moderator

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Registriert seit 07.06.2013

2023-06-23 19:28:18 Uhr
Es dürfte pünktlich yu Konyertbeginn aufhören. Ist die Frage, wie der Rasen aussieht. :D

Ansonsten erwarte ich in den nächsten paar Wochen ein Release von "Lecko Mio". Ihc verwette meinen Hintern, dass die das Ding zur Urlaubssaison irgendwie unters "Volk" bringen.

Lateralis84skleinerBruder

Postings: 776

Registriert seit 03.03.2019

2023-06-23 16:53:42 Uhr
Ein Wochenende kann man auch schlechter einläuten :)
Viel Spaß

The MACHINA of God

User und Moderator

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Registriert seit 07.06.2013

2023-06-23 11:18:52 Uhr
So, sehe sie heute Abend auf der Festwiese. Leider ist so Regen von 17-22 angesagt. Naja, das geht schon irgendwie. Freu mich drauf. Mein drittes DK-Konzert, aber mein erstes als richtiger Fan.
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