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Quasi - Breaking the balls of history

Quasi- Breaking the balls of history

Sub Pop / Cargo
VÖ: 10.02.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

DIY-Geschichte

Wenn es anerkanntermaßen so etwas wie Songwriter für Songwriter gibt, deren sekundärer Einfluss ihren primären (kommerziellen) Erfolg weit übersteigt, müssen auch Bands für Bands existieren. Quasi aus Portland sind so ein Fall. Immer wieder verblüfft es, wie viele Fäden der ruhmreichen Indie-Kultur des Pacific Northwest bei ihnen zusammenlaufen: So spielten Sam Coomes und Janet Weiss bereits in den Neunzigern als Live-Band für Elliott Smith, der in Interviews gerne seine freundschaftliche Bewunderung für das Duo kundtat. Gar noch früher erlebten Coomes und Smith als Kollegen bei Heatmiser einen gemeinsamen Durchbruch, den die Trennung dann doch im Keim erstickte. Weiss hat sich als langjährige Schlagzeugerin für Sleater-Kinney ohnehin längst den Status einer Legende in der Szene erworben, wechselt mit müheloser Virtuosität zwischen feinen Math-Rock-Rhythmen und brachialen Grooves. Ungefähr jedes renommierte Indie-Label haben Quasi seit ihrer Gründung vor knapp 30 Jahren abgegrast, mit Built To Spill, Stephen Malkmus und etlichen anderen kollaboriert, ohne je selbst in der ersten Reihe zu stehen. "Breaking the balls of history" markiert nun drei kleinere Zäsuren in dieser Erzählung: Es ist das erste Album seit einer Dekade, das tatsächlich erste auf Sub Pop und Janet Weiss' erste Veröffentlichung seit dem für viele überraschenden Ausstieg bei Sleater-Kinney. Alles neu also?

Wie der kecke Albumtitel und das verspielte Cover andeuten, verpassen Quasi anno 2023 ihrem etablierten Sound eine Frischzellenkur, konzentrieren sich nach dem etwas zerfaserten "Mole city" auf gegen den Strich gebürsteten Power-Pop. Vom Opener "Last long laugh" an dabei: Weiss' wuchtiges Schlagzeug mit episch nachhallenden Snares und Coomes' prägendes Rocksichord – eine Art verzerrtes Keyboard, das häufig eher nach verfremdeten Fuzz-Gitarren klingt. "I was a teenage porcupine", bekennt Coomes eingangs und schließt mit einem "last long laugh at the edge of death". Munter pendeln seine Lyrics zwischen surrealen Vignetten und beißender Gesellschaftskritik. Auch in der ersten Single "Queen of ears" schmeicheln sich dabei Weiss' Beatles-Harmonien ins Gehör, verleihen den Songs weitere Melodieseligkeit. Nach dem energischen Auftakt-Trio inklusive in schiefe Leads driftender Synthies die bei "Back in your tree" von treibenden Gitarren aufgefangen werden, verschiebt "Gravity" erstmals das Tempo. Mellotron-ähnliche Streicher gesellen sich hier zu einem zunächst instrumentalen Refrain, driften sinnierend durchs All.

Da Quasi mit kleiner Palette und einem gewissen Minimalismus arbeiten, geraten solche Verrückungen wichtig fürs Album und sind durchgehend an den richtigen Stellen platziert. Nach charmant-punkigen Einlagen wie "Shitty is pretty / No need for quality, baby" – so etwas wie Coomes' "Keine Meisterwerke mehr" – nickt "Riots & jokes" mit seinem ausgedehnt-jammigen Intro länger vergangenen Jahrzehnten zu. Auf schriller Hammond-Orgel jongliert der Song mit seinem Pop-Appeal, lässt kein gutes Haar am US-Patriotismus: "Uncle Sam, sick old man / Whats the plan, baby? / Obliteration!" "Inbetweenness", das einzige gänzlich von Weiss gesungene Stück, entpuppt sich als Dream-Pop mit elektronischem Beat und psychedelischen Schlieren, an alle und jede gerichtet, deren Identität zwischen den Stühlen sitzt. Im Dazwischen befindet es sich selbst. Flankiert einerseits von "Doomscrolling", einer giftigen Satire auf die Vereinzelung und Digitalisierung der Corona-Jahre, die mit hymnischer Hook garniert wird, andererseits von "Nowheresville", einem digital verfremdeten Blues-Rock, der bei Jack White nicht fehl am Platz wäre und selbstverständlich lossprudelnde Noise-Gitarren an Bord hat.

"Rotten wrock" kontrastiert noch schwerer stampfende Rocksichord-Riffs mit Weiss' zartem Antwortgesang, um dann von scheppernden Störgeräuschen heimgesucht und letztlich ertränkt zu werden. Dann beendet das Duo infernale sein Comeback-Album mit einer optimistischen, leicht verspulten Ballade. "The losers win" deutet schelmisch zurück auf den Albumtitel: Quasi haben eben immer noch Spaß daran, alternative Geschichte zu schreiben.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Last long laugh
  • Gravity
  • Riots & jokes
  • Nowheresville

Tracklist

  1. Last long laugh
  2. Back in your tree
  3. Queen of ears
  4. Gravity
  5. Shitty is pretty
  6. Riots & jokes
  7. Breaking the balls of history
  8. Doomscrollers
  9. Inbetweenness
  10. Nowheresville
  11. Rotten wrock
  12. The losers win

Gesamtspielzeit: 36:59 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Ralph mit F

Postings: 525

Registriert seit 10.03.2021

2023-02-04 14:49:57 Uhr
"Janet Weiss' erste Veröffentlichung seit dem für viele überraschenden Ausstieg bei Sleater-Kinney"

Nope! Siehe hier: https://www.plattentests.de/rezi.php?show=18584

Peacetrail

Postings: 3933

Registriert seit 21.07.2019

2023-02-01 17:40:44 Uhr
Die drei Vorab-Tracks sind grandios, und nur einer davon ist in den Highlights. Bin gespannt.
Vom Gesang her müssten bei den Referenzen noch The Thrills auftauchen (habe gerade mal geguckt, ob das nicht vielleicht der identische Sänger ist).

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26414

Registriert seit 08.01.2012

2023-01-31 20:35:58 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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