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Kelela - Raven

Kelela- Raven

Warp / Rough Trade
VÖ: 10.02.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

The way of water

Kelela hat ihr zweites Album "Raven" genannt, weil Raben mythologisch als Seelenfänger gelten und Zwischenwelten symbolisieren. Auf dem Cover taucht ihr ausdrucksloses Gesicht aus einer grauen Wassermasse auf, als wäre sie tief unten am Meeresboden gerade wach geworden. Klar ist: Hier weiß eine Künstlerin, welche Assoziationen ihre Musik weckt und wie sie diese verstärkt. Schon ihr Debüt "Take me apart" evozierte raumloses Schweben im dickflüssigen Limbus, strahlte eine Mystik aus, die sich außerhalb irdischer Gesetze bewegt. Sechs Jahre vergingen bis zum Nachfolger, was zum Teil einer Schreibblockade der selbsternannten Perfektionistin geschuldet war, sich allerdings auch reibungslos in das Gesamtbild ihrer Karriere einfügt: Die 39-Jährige lässt sich immer alle Zeit, die sie braucht. Und belohnt das Warten ihrer Fans wieder, indem sie ihnen 15 neue Skulpturen aus schmelzendem Stahl schenkt, die detailreich eingekerbt sind und sich doch jeder Form entziehen.

So bleibt Kelela auch stilistisch eine Grenzgängerin, schlingt Gesangsmelodien aus modernem R'n'B-Garn um reduziert-abenteuerlustige Elektro-Beats – die erneute Albumveröffentlichung auf Warp ist sicher kein Zufall. Der Opener "Washed away" materialisiert sich aus nebulösen Ambient-Echos, ehe das polyrhythmische Gezappel von "Happy ending" die letzten Rauchschwaden vertreibt. Nebst der wieder einmal kristallklaren Produktion ist es diese Dynamik, die "Raven" auszeichnet: Den einen Moment treiben wir sediert im Wasser, den anderen reißt uns eine Strömung mit, die den ganzen Körper zum Zucken bringt. Der Wellengang gibt den Rhythmus vor, Höhepunkte gibt es wenige, dafür bildet die Platte zu sehr ein in sich geschlossenes Ökosystem, das jedes Wort, jeden Bass, jeden Beat miteinander verbindet. Kelela hat ihre Hörer*innen konstant am Haken, obwohl sie in gewohnter Manier auf markante Hooks verzichtet.

Außerhalb der Musik ist die Frau aus Washington, D.C. oft weniger abstrakt, spricht viel über Politik und ihre Identität als "black femme" und hat im Vorfeld des Albums einige Verträge mit Kooperationspartnern gekündigt, weil diese ihre Vision nicht teilten. Textlich lässt sie die Parolen weg, weil sie weiß, dass ihre Stärken eher in der Beschreibung menschlicher Gravitationsfelder liegen. Zeilen wie "We're together now / It's just a stormy cloud / That's nowhere bound", aus "Let it go" sind auf dem Papier keine große Poesie, doch erzeugen sie zwischen warmem Bass und versetztem Piano eine Stimmung wie ein Dampfbad. Der Ibiza-House-Schweißtreiber "Contact" bräuchte eigentlich überhaupt keine Sprache, um seine titelgebende Sehnsucht zu artikulieren – an anderen Stellen sind die Lyrics jedoch essenziell. "Through all the labor / A raven is reborn / They tried to break her / There's nothing here to mourn", singt Kelela im Titeltrack und verleiht dessen Metamorphose von unheimlichen Drone-Seufzern zum gleißenden Two-Step-Rumpler damit Sinn.

Das Stück steht stellvertretend für eine zweite Albumhälfte, die sich noch mehr der Langsamkeit hingibt – nicht ganz Avantgarde, aber in einer auf der Stelle schwebenden Klagewolke wie "Divorce" auch keinen Kilometer weit von Kelelas Bewunderin Björk weg. Nicht nur hier fordert "Raven" sein Publikum heraus, was nicht zuletzt an der fast schon logischen Gleichförmigkeit liegt: Ein Rap-Part von RahRah Gabor in "Closure" reicht schon aus, um kurz zu glauben, es würde eine andere Platte laufen. Doch lässt man sich von der Rabenfrau in den Strudel ziehen, wird man immer wieder mit kaum kategorisierbaren Wunderwerken wie "Sorbet" belohnt. An der Schnittstelle von R'n'B und Elektro Zwischenwelten und Tauchgänge aller Art zu vertonen, kann eben kaum jemand so gut wie Kelela.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Happy ending
  • Raven
  • Sorbet

Tracklist

  1. Washed away
  2. Happy ending
  3. Let it go
  4. On the run
  5. Missed call
  6. Closure
  7. Contact
  8. Fooley
  9. Holier
  10. Raven
  11. Bruises
  12. Sorbet
  13. Divorce
  14. Enough for love
  15. Far away

Gesamtspielzeit: 62:33 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

AliBlaBla

Postings: 5726

Registriert seit 28.06.2020

2023-09-09 19:42:25 Uhr
Heute muss ich sagen: eines der Platten des (bisherigen) Jahres, die in Dauerschleife laufen, trotz oder gerade wegen der kontemplatitven Elemente, es braucht nur ihre Stimme zwischendurch, um mich zu kriegen!

ichreitepferd

Postings: 850

Registriert seit 22.04.2021

2023-02-15 23:06:47 Uhr
Fantano hier mit einer 6/10 xD

smrr

Postings: 432

Registriert seit 02.09.2019

2023-02-10 20:02:13 Uhr
Gutes Album, auch wenn's irgendwie alles bisschen verschwimmt. War aber auch bei den Alben davor auch schon so, dass ich echt nach fünf bis sieben Tracks irgendwann keine richtige Lust mehr auf den Style und die Ästhetik hab.

Favorit wohl #3 - und ich kann's noch nicht mal sagen, warum. Ist eher zurückgenommen und gar nicht auffällig.

AliBlaBla

Postings: 5726

Registriert seit 28.06.2020

2023-02-10 20:01:24 Uhr
Der erste Durchlauf... mal abwarten, wie die ruhigeren Stücke noch nachzünden, die Singles finde ich sensationell.

AliBlaBla

Postings: 5726

Registriert seit 28.06.2020

2023-02-10 19:59:21 Uhr
@ichreitepferd
Ihre EP davor wird heute rückwirkend sogar noch höher gewertet, als "groundbreaking",..bin mir da nicht so sicher, nicht exakt mein Metier - aber eine der größten Stimmen überhaupt, ohne Zweifel.
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