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VV - Neon noir

VV- Neon noir

Spinefarm / Universal
VÖ: 13.01.2023

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Herz verloren

Ach, Ville. Wenn man mal so darüber nachdenkt, war das doch insgesamt eine runde Sache mit Dir und HIM. Mehr als ein Vierteljahrhundert lang habt Ihr Herzen schmelzen, Chefs die weiße Fahne schwenken und ein verschrobenes musikalisches Denkmal im hohen Norden erwachsen lassen. Über die Qualität, insbesondere des späteren musikalischen Outputs, ließ sich dabei freilich streiten. Aber das habt Ihr ja offenbar selbst eingesehen: Nach den beiden Gurken "Screamworks: Love in theory and practice" und "Tears on tape" wurde dann anno 2017 der eigens proklamierte Abgesang eingeleitet. Seitdem – und hier darf man in heutigen Zeiten ernsthaft Respekt zollen – gab es auch konsequent kein Lebenszeichen, keine Teaser und keine Abkassier-Reunion zu vermelden. Angenehme Funkstille. Die R.E.M. des Love Metal sozusagen. Aber es war ja nur eine Frage der Zeit, bis das Heartagram im Herzen wieder anfängt zu lodern, gibt es doch auch in den 2020er Jahren so viel Liebe, Lust und Loneliness zu erörtern. "Neon noir" heißt also unter dem Pseudonym VV die Einladung zum musikalischen Solo-Festmahl des Ville Valo. Hereinspaziert, hereinspaziert.

Ach, Ville. Schon der Blick auf die Tracklist von "Neon noir" fühlt sich wie ein wohlig-warmes Nachhausekommen an. Wo sonst bekommt man Wortkreationen wie beispielsweise "The foreverlost" und "Baby lacrimarium" serviert? Köstlich, wie immer. Und auch musikalisch lässt "Neon noir" im Hinblick auf den Stilmix erstmal rein gar nichts anbrennen – hier wird der patentierte HIM-Sound konsequent aufgegriffen. Oder aufgewärmt, je nach Sichtweise. Das muss allerdings nicht zwangsläufig schlecht sein: Wenn das flotte, energische "Echolocate your love" seine Hörer*innen mit Lyrics wie "Let's take the scenic route through hell" auf bratzigen Gitarrenwänden und kitschigen Synth-Salven empfängt, muss man durchaus freudig schmunzeln. Und vielleicht sogar ein bisschen mitwippen. Währenddessen gibt sich der Titeltrack durchaus fetzig und galoppiert mit treibenden Drums durch die kargen, schneebedeckten Landschaften Lapplands. Und auf dem Vorboten "Loveletting" traust Du Dich gar was, lieber Ville. Etwas zurückgenommener, etwas sanfter präsentiert sich das Kernstück von "Neon noir" – und wirkt dabei samt inbrünstigem Vortrag von lyrischen Glanzlichtern frischer als die zahlreichen HIM-Blaupausen, die davor und danach zu finden sind. Auch wenn hier selbstredend der Kitsch regiert. "You're so beautiful in the light of the setting sun." Aber nicht doch, Ville. Da wird man ja ganz verlegen.

Aber sag mal, Ville: Was ist denn auf der zweiten Hälfte von "Neon noir" los? Als wäre sämtliche Leidenschaft verflogen, wird hier aus schummrigen Schunkelmomenten ein schmonziges Gruselkabinett der allerschlimmsten Sorte. Das geht schon mit dem gähnend langweiligen und peinlichen "The foreverlost" los und wird im Anschluss kaum besser. Ob nun bei "Salute the sanguine", "In Trenodia" oder auch dem abschließenden "Vertigo eyes": Die Songstrukturen lassen sich beinahe 1:1 über sämtliche Tracks kopieren, Innovation oder zumindest Inspiration finden sich so gut wie nirgends mehr – stattdessen traben die Songs im schludrigen Midtempo über unsägliche Längen in Richtung Zielgerade. Da helfen auch ein paar stimmungsvolle Intros hier und da nicht wirklich weiter. Warum muss ein Song wie "Vertigo eyes" beinahe acht Minuten lang sein, wenn nach 20 Sekunden bereits alles gesagt ist? Warum müssen die schleimigen Balladen "Baby lacrimarium" und "Heartful of ghosts" so einfältig und ideenlos daherkommen, dass selbst HIM-Songs aus "Screamworks"-Zeiten dagegen wie erfrischende Großtaten wirken? Fragen über Fragen, lieber Ville. Du hättest doch alle Freiheiten gehabt, Dich auf "Neon noir" mal so richtig auszutoben. Herausgekommen ist aber leider eine Werkschau, die neben der Qualität überraschenderweise auch vor allem eines vermissen lässt: die Hingabe.

(Hendrik Müller)

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Highlights

  • Echolocate your love
  • Loveletting

Tracklist

  1. Echolocate your love
  2. Run away from the sun
  3. Neon noir
  4. Loveletting
  5. The foreverlost
  6. Baby lacrimarium
  7. Salute the sanguine
  8. In Trenodia
  9. Heartful of ghosts
  10. Saturnine saturnalia
  11. Zener solitaire
  12. Vertigo eyes

Gesamtspielzeit: 56:38 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

smrr

Postings: 314

Registriert seit 02.09.2019

2023-01-21 22:20:23 Uhr
Vielen Dank für die Anmeldung und dieses Promo-Posting. Da zeigt sich dein Talent, Mittelmaß eine Positivität zu verleihen. Unverkennbar: FlorianHB. Es übertrifft alle Erwartungen an einen ersten Post. Großartig!

FlorianHB

Postings: 1

Registriert seit 21.01.2023

2023-01-21 15:59:00 Uhr
Großartiges Album!
Das komplette Album wurde von Ville selbstständig eingespielt, inkl. aller Instrumente. Soundtechnisch ein Stück sanfter als die meisten HIM Alben, Songtechnisch und stimmlich unverkennbar Ville Valo. Es fällt schwer 2-3 Lieblingssongs zu wählen, weil die ganze Platte in sich einfach unglaublich gut abgestimmt und trotzdem abwechslungsreich ist. Viel Mut zum Wohle der Songs sich hier und da zurückzunehmen, und das geht voll auf. Ich war schon immer begeistert von Villes Talent und seiner Fähigkeit Melancholie eine Positivität zu verleihen. Mit diesem Solo Debut übertrifft er jedoch alle Erwartungen. Großartig!

Unangemeldeter

Postings: 938

Registriert seit 15.06.2014

2023-01-15 23:45:00 Uhr
Solche Geständnisse gehören ja fast in den Guilty Pleasure-Thread, aber ich bin immer großer Fan der ersten 2 HIM-Alben geblieben (und auch das vierte höre ich ab und zu noch gern). Deswegen auch hier aus alter Verbundenheit mal reingehört, aber neeeeee geht leider gar nicht. Kein einziges Lied das mich nicht schon zur Hälfte nerven würde, ekelhaft pappig produziert - wie der Rezensent sehe ich das auch einfach als Fortführung der letzten grässlichen HIM-Alben.
Und Type O Negative ist da doch mal gar nichts...

Dan

Postings: 334

Registriert seit 12.09.2013

2023-01-15 20:45:03 Uhr
Ausgesprochen schönes, stimmiges Album ist Vile da geglückt. An die letzten paar HIM-Alben musste ich zum Glück gar nicht denken, sondern eher an eine Machart als Type O Negative.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 23874

Registriert seit 08.01.2012

2023-01-11 20:18:00 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
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