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Margo Price - Strays

Margo Price- Strays

Loma Vista / Concord / Universal
VÖ: 13.01.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Im Kreis, zurück und nach vorn

Armut und Alkohol, das unstete Leben on the road und ein kurzer Ausflug hinter Gittern, der tragische Tod des Kindes und der unwahrscheinliche Erfolg im scheinbar letzten Moment. Wenn Margo Price im April ihren vierzigsten Geburtstag feiert, kann die Singer-Songwriterin bereits auf bewegte Jahre mit einigen Höhen und manchen drastischen Tiefen zurückblicken. Was diese Person eigentlich ausmacht, wie sie wurde, was sie ist, wo Herkunft und Wurzeln liegen, Prägungen und Einflüsse, diesen Fragen geht Price in ihrem jüngst erschienen Memoir "Maybe we'll make it" nach. Spuren und Fragmente des eigenen Lebens finden sich aber vor allem, und wie sollte es anders sein, auch im Musikalischen. In einem Song wie "Hands of time" vom Album "Midwest farmer's daughter", der davon erzählt, wie die Familie ihre Farm im ländlichen Illinois verlor, der erzählt vom holprigen Start der Karriere in Nashville, Tennessee, von zu viel Whiskey und den falschen Männern. Ihr Debütalbum von 2016, erschienen auf Jack Whites Label Third Man Records, machte Margot Price auf einen Schlag bekannt, heimste positive Kritiken ein – und endete doch wenig optimistisch: "So don't you try to sell me back what's mine / I'll be desperate and depressed until I die." Und das ist sicherlich ein Teil der Geschichte, aber sie ist damit zum Glück noch lange nicht zu Ende erzählt.

Album Nummer vier heißt schlicht "Strays", was man mit "Streuner" übersetzen würde, und der Titel ist durchaus programmatisch zu verstehen. Der Opener "Been to the mountain" versucht erst gar nicht, auf einen Nenner zu kommen, sondern verfährt nach dem Äquivalenzprinzip. "I've been a child and I've been a mother / I've been a victim and I've been a tumor / Used to bе a waitress, but now I'm a consumer / I've been on food stamps, I'vе been out of my mind / I rolled in dirty dollars, stood in the welfare line." Die kreisende Selbstverortung ist unterlegt mit einem Riff, das ein bisschen so klingt, als würde Tom Petty im Drogenrausch halluzinieren. Dem Vernehmen nach waren Price und ihr Ehemann, der Musiker Jeremy Ivey, auf einem mehrtägigen Trip mit Magic Mushrooms, als erste Teile des Materials entstanden, das später gemeinsam mit Produzent Jonathan Wilson (unter anderem Angel Olsen und Father John Misty) aufgenommen wurde. Verwundern würde das nicht. Einen psychedelischen Einschlag tragen auch die Strophen von "Change of heart", das sich, wie der Titel schon andeutet, ebenfalls nicht festlegen möchte, sondern sich in der Unbeständigkeit behaglich einrichtet.

Offenheit als Prinzip also. Zumindest für die erste Albumhälfte gilt dies ohne Einschränkungen. Zwischen den beiden bereits erwähnten Songs steht mit "Light me up" zunächst eine einwandfreie Country-Rock-Nummer, an der Gitarre Ex-Heartbreaker Mike Campbell. Im Kontrast ist "Radio" zu Anfang von einem elektronischen Beat unterlegt, wodurch das Duett mit Sharon van Etten an den für eine Country-Musikerin wie Price schon recht untypischen Song "Heartless mind" vom Vorgängeralbum "That's how rumors get started" erinnert. Das balladeske "Country road" wird dagegen von Pianoklängen getragen und bringt erstmals eine melancholische Note ein. Für frühmorgendliche Autofahrten durch verlassene Landstriche mutmaßlich der perfekte Begleiter. Und die gedämpfte Stimmung setzt sich fort, sieht man von dem eher entbehrlichen Ausreißer "Time machine" ab. Sowohl das von Echos und Hall durchzogene "Hell in the heartland" als auch das keineswegs unpathetische "Anytime you call" mit Gospel-Chören und Slide-Gitarren-Solo sind geglückte Beispiele für gleichsam traditionsbewussten wie modernen, von einer gewissen Schwermut zehrenden Americana.

Ungeachtet aller persönlichen Bezüge ist "Strays" wie auch die Vorgänger weit davon entfernt, in eine reine Nabelschau zu verfallen. Subtil verbindet Price Biografisches mit Gesellschaftlichem und Politischem. Fand sich auf dem Album "All american made" ein beschwingter Countrysong mit dem vielsagenden Titel "Pay gap" und bitter-sarkastischen Lyrics, ist die Herangehensweise bei "Lydia" hingegen eine ganz andere, um nicht zu sagen direktere. Der längste Song auf "Strays" reiht Strophe an Strophe, weder unterbrochen von Bridge noch Refrain. Dazu begleitet sich Margo Price auf der Westerngitarre, fiebrige Streicher erzeugen im Untergrund eine beklemmende Atmosphäre. "Lydia" handelt von weiblicher Selbstbestimmung und von dem Recht auf den eigenen Körper, ein eindringlicher Bewusstseinsstrom zwischen Beobachtung und Reflexion. Bilder einer Klinik für Drogensüchtige tauchen auf, benutzte Nadeln am Rande des Gehwegs, eine ungewollte Schwangerschaft wird thematisiert, fehlende Krankenversicherung. "White trash, trailer trash, they said you'd always be it / And you said, 'One day you'll see'/ But lately, you start to wonder if maybe they were right." Margo Price hat mit "Strays" neue Wege eingeschlagen, ohne dass das Ziel am Horizont klar erkennbar wäre. Aber bei dieser Reise ist man gerade deshalb gern dabei.

(Markus Huber)

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Highlights

  • Change of heart
  • Country road
  • Lydia

Tracklist

  1. Been to the montain
  2. Light me up (feat. Mike Campbell)
  3. Radio (feat. Sharon van Etten)
  4. Change of heart
  5. Country road
  6. Time machine
  7. Hell in the heartland
  8. Anytime you call (feat. Lucius)
  9. Lydia
  10. Landfill

Gesamtspielzeit: 46:25 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

saihttam

Postings: 2353

Registriert seit 15.06.2013

2023-01-19 01:35:46 Uhr
Folk hab ich auch nur untergeordnet rausgehört. Eher etwas modernerer Alt-Country bzw. Americana. Gefiel mir aber ganz gut.

Enrico Palazzo

Postings: 3863

Registriert seit 22.08.2019

2023-01-18 08:26:31 Uhr
Eine sehr schönes, teilweise kratziges CountryFolkRock-Album, bei dem es mir schwer fällt, eine eindeutige Kategorisierung vorzunehmen. Die Songs sind doch zu unterschiedlich - mich wundert, dass Margo Price als die große Neue des Folks gilt, denn klassischen Folk höre ich hier nur partiell raus. Mir gefällts bisher sehr gut und ich würde nach mehreren Durchläufen durchaus zu einer 8/10 tendieren.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26137

Registriert seit 08.01.2012

2023-01-11 20:16:46 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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