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July Talk - Remember never before

July Talk- Remember never before

Six Shooter / Membran
VÖ: 20.01.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Nach der Metapher

July Talk sind eine Band, die ihre visuellen Metaphern einfach hält. Dass es üblicherweise in ihren Artworks mehr Schwarzweiß zu sehen gibt als beim Arthaus-Channel auf Prime Video, ist laut eigener Aussage kein Zufall, sondern verweist bewusst auf ihr größtes Markenzeichen: den Stimmen-Kontrast von Peter Dreimanis – Referenz: Joe Cocker, der die Nachbarskinder anbellt – und Leah Fay – Referenz: Joe Cockers Nachbarin, die ihre angebellten Kinder tröstet. Als das Video zur dritten "Pray for it"-Single "The news" plötzlich doch den Farbeimer ausschüttete, lag der Verdacht nahe, dass sich beim kanadischen Fünfer so einiges ändern würde. Abgesehen von der Aufstockung auf sechs Leute räumt der nun schon zweieinhalb später auf der Matte stehende Nachfolger "Remember never before" solche Gedanken aber schnell zur Seite: Die monochrome Ästhetik dominiert wieder, und auch in der ersten Auskopplung "I am water" fließt der Doppelgesang von Fay und Dreimanis so symbiotisch neben- und ineinander, wie man es kennt und liebt.

Dass diese vierte Platte dennoch anders als ihr Vorgänger klingt, hat weniger mit einem radikalen Stilwechsel und mehr mit einer Verschiebung der Parameter zu tun. Trotz einer extrem reduzierten, allein von Dreimanis gesungenen Klavierballade namens "Raw" ist "Remember never before" wieder lauter und energischer als das in seiner Zurückhaltung oftmals Dream-Pop evozierende "Pray for it". Besagter, vorab veröffentlichter Closer führt das mit seinem Bongo-Groove und dem streitlustigen Bass vor, das andere Ende des Albums schleudert uns den neuen Ansatz gleich wie einen Kuchen ins Gesicht. "Certain father" koppelt Talking-Heads-Gitarren, Saxofone und fiese Industrial-Synths mit einem Gartenzäune abreißenden Refrain, während Gastsänger Spencer Krug (Wolf Parade) mit dem abwechselnd unheimlich brummelnden und Gift speienden Cocker Grundstücksgrenzen verhandeln muss. Genauso aggro, aber mit seinem brodelnden Anlauf noch mitreißender ist der Opener "After this", der die Verstärker auf Elf dreht und die sich anschreienden Frontleute trotz gegensätzlicher Textaussage gemeinsam in den Abgrund stürzen lässt.

Solche offensiven Manöver sind keine Selbstverständlichkeit für eine Band, die nach relativ großen Erfolgen in Sachen Verkaufszahlen und Auszeichnungen in ihrem Heimatland auch einfach in den bequemen Gleitflug hätte schalten können. Zumal July Talk in geradlinigeren Alternative-Rockern wie "G-d mother fire" oder "When you stop" mit seiner schwelgerischen Hook beweisen, dass sie als neue Speerspitze des Stadion-Indie auch nicht die schlechteste Figur abgeben würden. Simplere Songs wie diese ziehen das Album dabei keineswegs herunter, bleiben melodisch hochwertig und befeuern dessen innere Dynamik – und wenn verzerrte Saiten-Böen letztgenannten Track ständig aus der Bahn zu lenken versuchen, besteht auch kein Zweifel am dahinterstehenden Ethos.

Dieser bewahrt sich nämlich stets seinen Wagemut – egal, ob der nervöse Mitternachts-Soul von "Hold" ein Funken sprühendes Anti-Solo ablädt oder "Human side" seine unterschiedlichen Parts mit so unvorhersehbaren Haken ins Kornfeld pflügt, dass man es schon als Prog-Pop bezeichnen kann. Zwei, drei Filler-Tracks auf hohem Niveau halten "Remember never before" vom ganz großen Wurf ab, doch versteht man am Ende die Bedeutung des temporären Farbbefalls: kein Symbol der Abkehr, sondern eines der Befreiung. July Talk werfen selbstauferlegte Regeln über Bord, erweitern ihren dualen Ursprungsgeist um spannende Akzente und finden zwischen Eingängigkeit und stilistischer Ungebundenheit ihr eigenes Gleichgewicht, das mehr als nur Schwarz und Weiß kennt. Womit sich schließlich auch der regelmäßig aus dem Bett geklingelte Totengräber des Indie-Rock bereits früh im Jahr wieder schlafen legen kann.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • After this
  • Certain father (feat. Spencer Krug)
  • Human side
  • When you stop

Tracklist

  1. After this
  2. Certain father (feat. Spencer Krug)
  3. Human side
  4. Hold
  5. G-d mother fire
  6. When you stop
  7. Silent type
  8. Twenty four hours
  9. Repeat
  10. Raw
  11. I am water

Gesamtspielzeit: 40:40 min.

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Registriert seit 25.09.2014

2023-01-21 07:31:23 Uhr
Sehr gut! Der Gesangswechsel ist auch nicht ganz so krass wie auf dem Debüt, das auf Dauer manchmal anstrengend sein konnte. Richtig starke Songs hier drauf, auf Anhieb gefielen mir tatsächlich Opener und Closer, After This und I Am Water.

Armin

Plattentests.de-Chef

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Registriert seit 08.01.2012

2023-01-11 20:15:55 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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