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John Cale - Mercy

John Cale- Mercy

Domino / GoodToGo
VÖ: 20.01.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Keep John Cale weird!

John Cales illustre Karriere erzählt nicht zuletzt eine Geschichte vom Knüpfen unerwarteter Verbindungen. Nachdem die ikonische Zusammenarbeit mit Lou Reed und Nico einst als The Velvet Underground eines der einflussreichsten Alben der Rockgeschichte hervorbrachte, bewegte sich der klassisch ausgebildete Bratschist stets auf bewundernswert mühelose Weise zwischen den Stühlen. Experimentelle Neue Musik, Noise-Rock oder opulente Songwriter-Balladen passen dabei ebenso ins Bild wie seine ausgeprägte Produzententätigkeit: Die Liste der Kollaborateure ist so lang wie divers. Zuletzt richtete der bekennende Fan von Kendrick Lamar und Earl Sweatshirt sein Interesse vermehrt auf den HipHop, setzte sich mit Danger Mouse zusammen, erkundete neues Terrain. "Mercy", das erste Album mit frischer Musik seit zehn Jahren, schreibt manche dieser Ansätze fort und versammelt eine namhafte Riege an Features – im Fokus steht aber vor allem die verblüffende kreative Frische seines Protagonisten. Denn der inzwischen 80 Jahre alte Waliser macht nicht die leisesten Anstalten, bequem oder gar gesetzt zu erscheinen. Und präsentiert so auf verschiedenen Ebenen eine Herausforderung, die sein altes Spiel von Eingängigkeit und Sperrigkeit neu inszeniert.

Die erste Single "Night crawlers" stellt mit Fusion-Keys und einprägsamer Hook so etwas wie die Speerspitze der Catchiness dar, bekommt im Laufe des Albums aber nur wenige Partner. Da wäre der sommerliche Elektro-Pop von "I know you're happy" mit Prince-Gitarrensolo und der charmant in Gelächter ausbrechenden Duettpartnerin Tei Shi, und auch "Noise of you" schlendert mit elegant-verträumtem New Wave à la The Blue Nile direkt ins Ohr, taumelt kurz in einen Tumult, um dann wieder von neonleuchtendem Autotune aufgefangen zu werden. Umgeben sind diese Einladungen jedoch von fordernden Kontrasten, überraschenden Klanglandschaften, komplexer Produktion. Schon der eröffnende Titeltrack führt wesentliche stilistische Merkmale des Albums ein: Sphärische Synthies und warme elektronische Beats grundieren den Raum, durch den in der Folge Stimmfetzen unterschiedlichster Register erklingen. Mal klingt Cale nach einem Geist, mal nach David Bowie, dann wiederum wird sein Gesang zu einem Grunzen manipuliert. Erst in den Strophen und selten ohne Unterbrechung darf sich sein vertrauter Bariton entfalten. Während kurze Gitarrenschnipsel an The Cure erinnern, stellt Cale auch eines der zentralen Themen des Albums vor, beschwört Gnade und Nachsicht im Angesicht sozialer Kälte: "I'm looking for mercy more and more."

Unter den zahlreichen, oft dezent bleibenden Features ragt Weyes Blood hervor, auch weil ihre elfenhaften Harmonien den meisten Raum bekommen. Nach ominösem Klavierintro stellen sich in "Story of blood" tatsächlich Trap-Beats inklusive rollender Hi-Hats ein, über denen Cale und Natalie Mering feierlich proklamieren: "Swing your soul!" Eine Forderung, welche die stärkste Phase auf "Mercy" einläutet. "Time stands still" lässt den Trap-Beat noch fetter werden, während Cale kulturellen Niedergang diagnostiziert: "The Grandeur that was Europe / Is sinking in the mud." Im Mittelteil klart der Song mit gezupfter akustischer Gitarre auf, die Melodien spannen klug den Bogen zurück zu früheren Barock-Pop-Großtaten wie "Paris 1919". Das anschließende "Moonstruck" wird zur traurigen, von Streicherschwermut durchtränkten Ode an die einstige Partnerin Nico, gespickt mit eindrücklichen Bildern: "You're a moonstruck junkie lady, staring at your feet / Breathing words into an envelope / To be opened on your death." Und "Everlasting days" holt die Sound-Tüftler von Animal Collective ins Boot, gerät zum intensiven Dialog mit den Stimmen im Kopf, der zugleich eingängig und in seinen Beatwechseln, seiner Polyphonie völlig überfordernd wirkt.

Viele Lieder schwelgen etliche Minuten in ihren Ideen: ein Grund für die einschüchternde Länge des Albums. Das funktioniert mitunter sehr gut, schafft eine meditative Introspektion. In der zweiten Hälfte verfallen manche Songs aber in eine etwas zähe Monotonie und mäandern an ihrem möglichen Ankunftsort vorbei, zudem ermüdet das stetige Midtempo nach über 70 Minuten. Und doch ist "Mercy" in erster Linie ein starker Nachweis von Cales ästhetischer Rastlosigkeit und Neugier geworden. Nirgendwo so radikal wie in "Marilyn Monroe's legs" – eher Sound-Design als zusammenhängender Song –, durch das Elektrofiepen und ein leicht dissonantes Cello glitchen, wobei sich Cales Gesang hinter dem minimalistischen IDM-Beat von Actress versteckt. Nirgendwo dramatischer als im von Klavierstakkato angetriebenen Closer "Out your window", dessen in gehetztem Falsett vorgetragener Appell gleichermaßen verstört wie überzeugt: "Don't you be jumping out the window." Bleiben Sie bitte so seltsam, Mr. Cale.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Time stands still (feat. Sylvan Esso)
  • Moonstruck (Nico's song)
  • Everlasting days (feat. Animal Collective)
  • Out your window

Tracklist

  1. Mercy (feat. Laurel Halo)
  2. Marilyn Monroe's legs (Beauty elsewhere) (feat. Actress)
  3. Noise of you
  4. Story of blood (feat. Weyes Blood)
  5. Time stands still (feat. Sylvan Esso)
  6. Moonstruck (Nico's song)
  7. Everlasting days (feat. Animal Collective)
  8. Night crawling
  9. Not the end of the world
  10. The legal status of ice (feat. Fat White Family
  11. I know you're happy (feat. Tei Shi)
  12. Out your window

Gesamtspielzeit: 71:34 min.

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User Beitrag

VELVET UNDERGROUND

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Registriert seit 13.06.2013

2023-01-17 13:11:37 Uhr
Mercy dass es dich gibt

Affengitarre

User und News-Scout

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Registriert seit 23.07.2014

2023-01-12 22:45:41 Uhr - Newsbeitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

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Registriert seit 08.01.2012

2023-01-11 20:15:26 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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