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Lucrecia Dalt - ¡Ay!

Lucrecia Dalt- ¡Ay!

RVNG Intl. / Cargo
VÖ: 14.10.2022

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Herz auf der Zunge

Lucrecia Dalt tanzt am Berg Puig de Galatzó auf Mallorca und leckt einen Stein ab. Keine Konsequenz eines mit unüblichen Substanzen gefüllten Sangria-Eimers, sondern das Video zu "No tiempo", dem auf Wolken aus Orgeln, Klarinetten und Flöten schwebenden Opener ihres sechsten Albums "¡Ay!". Dalt mimt hier die Heldin ihrer Konzeptplatte, eine Außerirdische namens Preta, die nach der Landung auf der Erde mit ihr fremden menschlichen Eigenarten wie Emotionen, festen Körpern und linearer Zeit klarkommen muss und über den oralen Kontakt die Geschichte des Gesteins aufspüren kann. In eine bessere absurde Idee hätte man das akustische Faszinosum von "¡Ay!" nicht verpacken können. Die kolumbianische Wahlberlinerin musiziert abstrakt und surreal, bleibt dabei aber stets auf sinnlichem, nahbarem Boden – als würde ihre Ausbildung als Geotechnikerin auch künstlerisch durchscheinen. Inspiriert von der Musik ihrer Kindheit, von Salsa, Bolero, Son, Merengue, nutzt sie so viele organische Instrumente wie nie und knackt lateinamerikanische Traditionen auf, um an den Bruchstellen ihre Vision einzutröpfeln. Es ist die wohl eigenständigste Musik des Jahres 2022, die sich trotz ihres oberflächlichen Avantgarde-Charakters immer Zugänglichkeit und Wärme bewahrt.

Das Album verfolgt Pretas Annäherung an ihre neue Umgebung, bildet im instrumentalen Abtasten ihre einzigartige Wahrnehmung davon ab. In "El Galatzó" formen die behutsam gespielten Bongos einen Bolero im Wurmloch. Ein zwischen den Dimensionen schwingender Kontrabass, Synth-Splitter und allerlei andere Fragmente schwirren im Raum, bevor Preta aus dem Mund Dalts über einem kurzen Streicher-Crescendo ihren Anpassungswiderstand erklärt. In "Atemporal" scheint sie ihren Weg in eine abgehangene Jazz-Bar gefunden zu haben. Mal muss man bei "¡Ay!" an eine mehrere Tausend Kilometer südwestlich geborene Björk, mal an eine auf links gedrehte Schattenwelt-Version von Rosalía denken, hier verweist der torkelnde Noir-Rhythmus gar auf die gewagteren Ausflüge von Tom Waits. "La desmesura" schlägt mit seinen wie in einem Agentenfilm um die Ecke lugenden Trompeten in die gleiche Kerbe, doch am Ende versinkt alles langsam in einem Sumpf aus Giftmüll. Das Herzstück "Contenida" zelebriert einen solchen Abgang ausschweifender, wenn es seine schlicht umwerfende Melodie schon ab der Hälfte durch die Industriehalle pingpongt. Nicht nur hier erfährt man eine vollkommene Sinnesüberwältigung, welche die metaphysischen Überlegungen der Texte im Grunde obsolet macht.

Nostalgie und Futurismus prallen hier nicht aufeinander, sondern verschmelzen zu fluiden Einheiten genrelosen Art-Pops, als würden sie wie selbstverständlich zusammengehören. Verzerrte Synth-Bläser formen in "Dicen" die Überreste eines kubanischen Son-Grooves, während Dalt von Circe singt und am Ende ins Metallmeer abtaucht. Das fidele "Bochinche" unterbricht die sedativ durch Zeit und Raum schwebende Grundstimmung von "¡Ay!" für eine zweiminütige Salsa-Romanze. Ein beschwingtes Intermezzo, bevor "Enviada" völlig in den Kosmos abdriftet, auch wenn entfernte, sich immer stärker materialisierende Erinnerungen es zurückzuziehen versuchen – klar, dass darauf nur noch die entspannten Kirmesorgeln des "Epilogo" folgen können. Es fühlt sich nach Ankommen an, als sei Preta endgültig mit der Erde verschmolzen oder in ihre Heimat zurückgekehrt, doch die unruhigen letzten 30 Sekunden suggerieren, dass etwas schiefgelaufen ist. Der passendste Abschluss für ein Album, das einem genauso regelmäßig das Herz streichelt wie den Boden unter den Füßen wegzieht - und nach dessen Hören nicht nur die Steine ein bisschen anders aussehen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Atemporal
  • Contenida
  • Enviada

Tracklist

  1. No tiempo
  2. El Galatzó
  3. Atemporal
  4. Dicen
  5. Contenida
  6. La desmesura
  7. Gena
  8. Bochinche
  9. Enviada
  10. Epilogo

Gesamtspielzeit: 34:30 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

smrr

Postings: 430

Registriert seit 02.09.2019

2023-01-05 22:45:07 Uhr
"Dicen" ist mein Lieblingstrack. Ansonsten nach vielen okayen Alben nun mit Abstand das beste von Lucrecia.

Klaus

Postings: 8934

Registriert seit 22.08.2019

2023-01-05 18:05:48 Uhr
Auch schon zig mal aufgeschoben, dass zu hören. Jetzt endlich mal und gefällt direkt sehr.

Unangemeldeter

Postings: 1277

Registriert seit 15.06.2014

2023-01-05 17:36:09 Uhr
Das hört sich fantastisch an! Ist an mir vorbeigegangen, bzw wollte ich da nach der P4k-Rezi damals reinhören, hab's aber vergessen. Danke also für die Erinnerung und die schöne Rezension!

n00k

Postings: 189

Registriert seit 26.01.2021

2023-01-04 19:52:14 Uhr
Im Stream schon gehört und aus Neugier direkt auch bestellt für intensives Hören. Freu mich drauf.

Randwer

Postings: 2779

Registriert seit 14.05.2014

2023-01-04 19:33:37 Uhr
Es freut mich sehr, dass das wunderbare Album es sowohl unter die vergessenen Perlen als auch in die Top 200 des Polls geschafft hat. Schon seit ich sie vor gut zehn Jahren im Vorprogramm eines Konzerts von Julia Holter erleben konnte, ging mir die Künstlerin nicht mehr aus dem Kopf.
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