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Sido - Paul

Sido- Paul

Goldzweig / Universal
VÖ: 09.12.2022

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Nach dem Vollrausch

Was für ein Superstar Sido eigentlich ist, muss man sich bei allem Spott und Hohn, den ein paar der Pop-Singles der letzten Jahre auf sich gezogen haben, mal richtig vor Augen führen. Seit seinem Debütalbum "Maske" beim legendären Aggro Berlin ist jedes seiner Soloalben in Deutschland mindestens Gold gegangen – gerne zusätzlich auch in der Schweiz und Österreich. Gemeinsame Alben mit Harris, Bushido oder Kool Savas liefen ähnlich erfolgreich, und selbst ein MTV Unplugged und der Soundtrack zum Spielfilm "Blutzbrüdaz" waren arrivierter, als man vielleicht denken würde. Ob Kinofilme, Serien oder Musikshows, Paul Würdig ist in diesem Jahrtausend eine der bekanntesten Personen der Bundesrepublik – den ein oder anderen Skandal inklusive. Da kommt es den großen deutschen Medien natürlich sehr gelegen, wenn sich wirklich mal alle richtig einig sind, dass dieser Paul Würdig mit seinen mittlerweile 42 Jahren sein persönlichstes, ehrlichstes Album vorgelegt hat. Eins, das mit einer Therapiesitzung beginnt, der echte Therapie und Entzug vorausgingen. Aber was bedeutet das für die Musik?

Erst mal brettert ein düsterer, moderner Beat durch die Boxen und lässt den Brustkorb brummen. Das passt gut, gesteht Sido doch, dass die letzten Jahre für ihn wie Atmen unter Wasser und mit ständigem Druck auf der Brust verbunden waren. Kein schlechter Einstieg. Ähnlich gut funktioniert der emotionale Refrain der Erzeugerschelte "Versager", in der es heißt: "Nenn' mich nicht Versager / So nennt mich nur mein Vater." Sogar ein gepitchtes Sample von Die 3. Generation klingt in dem Kontext überraschend unpeinlich. Was nicht funktioniert, sind die Strophen von Sido. Die wirken eher formal als emotional zusammengeschrieben, weil das anspruchsvolle Reimschema in den Parts zwar gut klingt, inhaltlich aber eher limitiert: "Der eine Papa reich, der and're Papa im Knast, krass / Mein Papa war papperlapapp, fuck." Das fühlt sich nicht unbedingt persönlicher an als das artverwandte "Mama ist stolz", mit dem Sido schon 2004 einen der ersten Einblicke in sein Privatleben gegeben hat.

Doch es gibt definitiv diese Momente, die sich anfühlen, als hätten die Sitzungen was gebracht. "Gar nicht mal so glücklich" mit Estikay erzählt aus einer privilegierten Welt, die trotzdem nicht glücklich macht. "Zwischen den Wolken" mit Karen und vor allem einem sehr beeindruckenden Part von Tarek K.I.Z. kämpft mit Suizidgedanken, und "Rollender Stein" verhandelt offenherzig die eigene Scheidung, ohne verbittert zu klingen. Ganz kurz ist Sido auf dem Weg zu einem wirklich guten Album, und mit der Produzentenmischung der Beatgees und DJ Desue zerren instrumental Pop und HipHop mit gleicher Stärke am Tau und halten es in einer angenehmen Mitte. Bis es in der zweiten Hälfte von "Paul" zerschnitten wird.

In "Wenig königlich" versucht sich der sonst so routinierte Rapper an einem vermutlich modern gedachten Flow, der mit schlängelnden Bewegungen jedem Rhythmus ausweicht, und kraftlose Chöre verfehlen komplett ihre Wirkung. "Medizin" mit dem von manchen Teilen der Rap-Szene wegen Rassismusvorwürfen verstoßenen Jamule samplet ausgerechnet Members Of Maydays "Sonic empire", und "Irgendwo" klingt nach Afterhour-House aus der Retorte. Erst die beiden astreinen Lieblingslieder am Ende des Albums erinnern daran, was "Paul" hätte sein können. So bleibt eine ärgerliche Frustration, nachdem die Hoffnung kurz an der Tür geklopft hatte. Stattdessen öffnet man nun die Tür und wundert sich über die Vertretermentalität, mit der vom ehrlichsten Album von Sidos Karriere gesprochen und geschrieben wird. Ein Authentizitätsproblem hatte Sido nie wirklich, eher eines mit der wankenden Qualität von Musik und Texten.

(Arne Lehrke)

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Highlights

  • Atmen
  • Rollender Stein
  • Zwischen den Wolken (feat. Karen & Tarek K.I.Z.)

Tracklist

  1. Intro
  2. Atmen
  3. Versager
  4. Rollender Stein
  5. Gar nicht mal so glücklich (feat. Estikay)
  6. Unten / Oben (feat. Karen)
  7. Zwischen den Wolken (feat. Karen & Tarek K.I.Z.)
  8. Wenig königlich
  9. 3 Monde
  10. Medizin (feat. Jamule)
  11. Sterne (feat. Bozza)
  12. Irgendwo
  13. Liebst du mich
  14. Mit Dir

Gesamtspielzeit: 38:51 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Martinus

Postings: 187

Registriert seit 13.01.2014

2022-12-22 02:53:48 Uhr
Bitte sofort mit diesem Grampf aufhören...

Corristo

Postings: 978

Registriert seit 22.09.2016

2022-12-22 01:14:54 Uhr
Nur eine kleine Wortspielerei. Die Formulierung "Gold gegangen" im Musikgeschäft ist schon bekannt, auch wenn sie mir auch nicht besonders zusagt. Aber das ist ja völlig egal und wieso sollte der Autor sie nicht benutzen?

Corristo

Postings: 978

Registriert seit 22.09.2016

2022-12-22 00:07:24 Uhr
"Ist alles gut gegangen oder ist es in die Hose gegangen?"

"Meine Formulierungen sind etwas Blech gegangen, aber sonst gehts mir ganz gut."

Takenot.tk

Postings: 2008

Registriert seit 13.06.2013

2022-12-21 23:08:39 Uhr
Gold gegangen würde ich jetzt auch als relativ normale Musikwirtschaftssprache bezeichnen, was ja auch ok ist, da es den Vorgang ja auch nur dort gibt?

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 23874

Registriert seit 08.01.2012

2022-12-21 22:51:54 Uhr
Oder das Thema Formulierungen ist einfach Geschmacksache? Und diese umgangssprachliche sagt Dir nicht zu, was völlig okay ist.

Neu ist der Begriff jedenfalls nicht, siehe z.B.:
https://www.mix1.de/news/cro-platin-fuer-raop-und-easy-gold-fuer-du/ (2012)
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