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Nina Hagen - Unity

Nina Hagen- Unity

Grönland / Rough Trade
VÖ: 09.12.2022

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Unbehaglich

Wer Nina Hagen bisher hauptsächlich als amüsante bis anstrengende UFO-Esoterik-Schrulle, die irgendwie zur deutschen Folklore gehört, wahrgenommen hatte, sollte unbedingt das Debütalbum der Nina Hagen Band aus dem Jahr 1978 hören. Das selbstbetitelte Werk ist ein Meilenstein der deutschen Musikgeschichte und bleibt bis heute in seiner genresprengenden Vielfalt, aber vor allem aufgrund von Hagens sprachlich wie inhaltlich kompromisslos revolutionären Texten, nahezu unerreicht. So tritt "Unbeschreiblich weiblich" konsequent für das Recht auf Abtreibung ein und das wunderbar rotzige "Pank" ist eine Absage an die männliche Erwartungshaltung der jederzeitigen Verfügbarkeit ihrer Partnerin. Hagen etablierte sich zwar in den Achtzigerjahren als zwischen Avantgarde und Punk mühelos wechselndes musikalisches Unikat, verlor aber in den darauffolgenden Jahrzehnten zunehmend an Relevanz. 2010 ließ dann "Personal Jesus" mit Spirituals aufhorchen, bevor ihr bisher letztes Album "Volksbeat" ein Jahr später ein wildes Paket aus Protestrock, Glaubensbekenntnis und Coverversionen schnürte.

Seither mag eine Dekade vergangen und die Altkanzlerin Hagens ersten Hit "Du hast den Farbfilm vergessen" zur musikalischen Untermalung Ihres Großen Zapfenstreichs erkoren haben, an den oben erwähnten Songzutaten ändert sich aber auch auf "Unity", dem inzwischen 14. Studioalbum der gebürtigen Ostberlinerin, äußerst wenig. Gleich der irritierende Opener "Shadrack" ist als lose Adaption eines alten Gospels ein mit fettem Beat unterlegter Quasi-Rap über ein alttestamentliches Wunder, der treibende Funk von "United women of the world" eine musikalisch leicht eintönige Rückkehr zu den feministischen Wurzeln. Auf dem durchaus eingängigen Dub-Titeltrack mit entspanntem Flow beziehen sich Hagen und ihr prominenter Duettpartner George Clinton explizit auf den Tod von George Floyd und die Black-Lives-Matter-Bewegung.

Wahrlich ungenießbar sind jedoch leider alle deutschsprachigen Originalsongs des Albums. Mit hirnzersetzender Penetranz werden in "Atomwaffensperrvertrag" Samples aus politischen Reden geloopt und in "Gib mir deine Liebe" Pseudo-Avantgarde mit einem Refrain à la Tic Tac Toe verquirlt. Beim Versuch, das albtraumhaft mäandernde "Venusfliegenfalle", in dem mit stark verzerrter Stimme von "Gedankenverbrechen" und künftigem Frieden im All die Rede ist, in voller Länge anzuhören, schweifen die Gedanken zu TV-Wissenschaftler Joachim Bublath, der einst eine Talkshow zum Thema UFOs einfach verließ, weil er die ebenfalls geladene Nina Hagen nicht mehr ertragen konnte.

Die Coverversionen hinterlassen einen gemischten Eindruck: Die Neuaufnahme des altbekannten, sozialkritischen Bergarbeiterlieds "16 tons" erinnert in der Instrumentalspur verstörend an "Sex bomb" von Tom Jones und Mousse T.; deutlich besser gelungen ist "Redemption day", das sich mehr an Jonny Cashs Arrangement als an Sheryl Crows Original anlehnt und in dem Hagen ihre Stimme herrlich charakteristisch grollen, keuchen und krächzen lässt. Die Annäherung an Bob Dylan via Marlene Dietrich in "Die Antwort weiß ganz allein der Wind" scheitert an der auf dem gesamten Album oft zu aufdringlichen Produktion, hier unter anderem mit in Chipmunk-Dimensionen gepitchtem Kinderchor. Als durchaus versöhnlicher Abschuss grooven sich Bob Geldof und Hagen angenehm reduziert und rein akustisch durch eine Countryballade, deren Titel auch den neuen musikalischen Output der 67-jährigen noch wohlwollend beschreibt: "It doesn't matter now".

(Michael Albl)

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Highlights

  • Redemption day
  • It doesn't matter now (feat. Bob Geldof)

Tracklist

  1. Shadrack
  2. United women of the world
  3. Unity
  4. 16 tons
  5. Atomwaffensperrvertrag
  6. Gib mir deine Liebe
  7. Venusfliegenfalle
  8. Redemption day
  9. Geld, Geld, Geld
  10. Die Antwort weiß ganz allein der Wind
  11. Open my heart (Dinner time)
  12. It doesn't matter now (feat. Bob Geldof)

Gesamtspielzeit: 43:30 min.

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nörtz

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Postings: 11895

Registriert seit 13.06.2013

2022-12-03 20:35:05 Uhr

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 23839

Registriert seit 08.01.2012

2022-11-30 21:36:08 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 23839

Registriert seit 08.01.2012

2022-10-12 13:43:44 Uhr - Newsbeitrag
NINA HAGEN - UNITY

Neues Album am 09.12.2022
Neue Single „16 Tons“ hier sehen
Formate: LP/CD/Digital






Liebe Musiclovers,

Es gibt viel Ninas. So viele Versionen und Inkarnationen. So viele Bilder, Momente, Stimmen und Songs. So viele Gesichter mit aufgerissenem Mund. Gesichter aus mittlerweile fünf Jahrzehnten. Wie im Video zu ihrer neuen Single „16 Tons“. Nina Hagen ist eine Legende. Punk-Rock-Godmother, Aktivistin, Kunstfigur, Performance-Maschine, Jesusjüngerin, extraterrestrische Abgesandte, Brecht-Kennerin. Nina ist Anfang und Ende. Mauern einschlagen und neu anfangen. Weitermachen und nie still sein. Nina ist Viele. Und doch kann es sie nur einmal geben. The woman who fell to earth. Unkopierbar.

Nina Hagen, die schönste und schrillste Brandstifterin zwischen Punk und Pop, Ost und West und Outta Space, die Deutschland je hervorgebracht hat, ist endlich zurück. Am 09.12.2022 erscheint ihr neues Album „UNITY“ auf Grönland Records. Es ist das erste seit „VOLKSBEAT“ von 2011. Die Zeit war also längst reif.

Die zwölf Songs auf „UNITY“ sind ein wilder Trip durch einen dicht gewebten musikalischen Dschungel, in dem es zirpt und surrt und zwitschert, Western Twang auf spacige Synthie-Flächen und Rock-Pop auf Dub und sexy Slow Funk. Manche Songs erzählen von biblischen Wundern, andere sind flammende politische Kampfreden, und wieder andere sind Cover: von einem Country-Klassiker, einem Sheryl-Crow-Hit, oder sogar von einem Bob-Dylan-Song mit deutschem Text („Die Antwort weiß ganz allein der Wind“, was man sich wirklich nur als eine der ganz großen Liederkünstlerinnen erlauben darf). Vielförmig ist das Spiel mit Texturen, Samples und Alltagsgeräuschen auf „UNITY“. Und inmitten dieses satten Sound- und Themen-Blattwerks ist da natürlich diese Stimme, die in einem Wimpernschlag von opernhaft zu dämonisch umschwenken kann, von wahnsinnigen Höhen in furchteinflößende Tiefen, als wolle sie die Geschlechter miteinander kurzschließen. Nina Hagen schreit und zischt, schmettert und sprechsingt, reibt und überschlägt sich in elektronischen Verzerrungen. Sie führt musikalische Zwiegespräche. Mit uns und mit sich selbst. Wie aus einer anderen Welt hallt ihre Stimme hinüber in unsere Gegenwart.

Kurzum: „UNITY“ ist ein grelles, warmherziges und vielfältiges Nina-Hagen-Spektakel. Mit 67 Jahren ist sie so produktiv wie eh und je.

Und weil sie nie Zeit drauf verschwendet hat, auf Nummer sicher zu gehen oder irgendjemandem einen sachten Einstieg zu bereiten, nimmt das Album gleich volle Fahrt auf: „Shadrack“ ist ein flimmernder halb-gesungen, halb-gerappter Power-Rockpop mit antreibenden Beat und einer Bibelgeschichte als Handlung, der mit der Zeile endet: „das war eine Gute-Nacht-Geschichte für's Gemüte über Gottes Güte“ Nina Hagen, die seit 2009 dem evangelisch-reformierte Glaube anhängt, zitiert hier ein Pop-Spiritual des amerikanischen Komponisten Robert MacGimsey, das die Geschichte von drei hebräische Männer erzählt, die von Gott vor dem Feuertod bewahrt werden. Von den in Flammen Wandelnden geht es direkt weiter mit der feministischen Reggae-Punk-Solidaritäts-Hymne „United Women of World“, die gemeinsam mit der jamaikanische Sängerin Liz Mitchel und der New-Wave-Ikone Lene Lovich entstanden ist. Ein Song mit einer Message, die man vielleicht schon oft gehört hat, die man aber gar nicht oft genug wiederholen kann: „It’s all for one and one for all“.

Mit der ersten Single-Auskopplung „16 Tons“ hat sich Nina Hagen schweres Gewicht aufgeladen: „You load 16 tons, what do you get? / Another day older and deeper in debt”. Der Song ist ihre Version des alten, amerikanischen Folk-Klassikers über das von Knochenarbeit und existenzieller Bedrängnis geformte Leben der Bergarbeiter von Kentucky. Nina Hagen singt von diesem ausweglosen Alltag – „muscle and blood and skin and bones“ – mit ihrer gebieterisch tiefen und dunkel vibrierenden Stimme. Ein für das Jahr 2022 geupdateter Western-Twang, aufgenommen mit viel erratischen Hall, unbeirrt voranschreitenden Groove und wüstentrockenen E-Gitarren. „16 Tons“ holt die tonnenschwere, dreck- und rußverschmierte Bergarbeiter-Sozialkritik von 1947 hinüber ins Jahr 2022. Dieses Lied hat auf Nina Hagen gewartet, die seinen teilweise gespenstisch aktuellen Zeilen die Gravitas einer Jahrhundert-Echokammer verleiht.
"16 Tons" auf YouTube
Das Titelstück „Unity“ ist eine Zusammenarbeit mit dem Funk-Visionär George Clinton: eine wunderbar leicht dahingleitende, kosmische funkelnde Dub-Nummer als Hommage an die Black Lives Matter-Bewegung, die die beiden 2020 als direkte Reaktion auf den gewaltsamen Tod von George Floyd schrieben. Die Synthesizer-Melodien schaukeln wie sanfte Wellen zu stotternden Hi-Hats, während Nina und George im Refrain gegen den Hass ansingen: „Positive vibrations surround the world’s nations!“
Mit „Atomwaffensperrvertrag“ wird es dann auch ganz konkret politisch: Nina Hagen remixt hier gesampelte Ausschnitte zwei Reden (einer eigenen 2009 beim United Nation Friedensfestival vor dem Brandenburger Tor und einer UN-Rede des US-Politikers Dennis Kucinich) zu einer pulsierenden Tour de Force mit Country-Gitarren, Stimmengewirr und wilden Percussions.

Eines hat sich seit Beginn ihrer Karriere vor bald 40 Jahren nie verändert. Nina Hagen ist radikal. Sie probiert Neues aus. Spricht Dinge aus. Kennt keine Grenzen. Weder künstlerische noch weltanschauliche. Unterhaltung und ganz ernst gemeinte Botschaft gehen immer noch Hand in Hand.

Es gibt viele und doch gibt es nur eine: Nina Hagen.



Tracklisting:
01 - Shadrack
02 - United Women Of The World
03 - Unity
04 - 16 Tons
05 - Atomwaffensperrvertrag
06 - Gib Mir Deine Liebe
07- Venusfliegenfalle
08 - Redemption Day
09 - Geld, Geld, Geld
10 - Die Antwort Weiß Ganz Allein Der Wind
11 - Open My Heart (Dinner Time)
12 - It Doesn`t Matter Now

“16 Tons” hier anhören:
https://ninahagen.lnk.to/16tons

Album Pre-Order:
https://ninahagen.lnk.to/Unity

https://www.groenland.com/product/nina-hagen-unity

Mehr Infos:
https://linktr.ee/ninahagen
www.instagram.com/ninahagen_official
www.facebook.com/NinaHagen
www.groenland.com

Deewitt Lüntsch

Postings: 16

Registriert seit 27.01.2022

2022-01-29 13:04:42 Uhr
Lebt die noch?

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 23839

Registriert seit 08.01.2012

2022-01-29 12:56:47 Uhr - Newsbeitrag
NINA HAGEN - SHADRACK
Neue Single am 28.01.2022
(Grönland Records/GoodToGo)
"Shadrack" auf YouTube hören
Kaufen/Streamen: https://ninahagen.lnk.to/Shadrack




Hatte Nina Hagen zuletzt im September 2020 mit „Unity“ ein neues Stück veröffentlicht, erscheint am heutigen 28.01.2022 der nächste Titel. Er trägt den Namen „Shadrack“ und ist nicht weniger als eine Art Electrofunk-Gospel, erratisch und straight forward zugleich, wie ihn nur Nina Hagen kann.


Sagt Nina Hagen: „Während meiner bisherigen Lebenszeit auf Erden beobachte ich immer und immer wieder, wie allzu viele Menschen leider keinen ‚Deut‘ von Zeit dafür verschwenden, sich für eine sozial gerechtere Welt einzusetzen, sich von übermäßigem Reichtum, Geld und Eigentum idolisieren lassen, davon regelrecht besessen sind, und sich Null Gedanken machen, wenn es um das ‚big picture‘ geht, um das Ewige Leben, um diejenige Dimension, die der Jetzigen folgen wird.

Und fährt fort: "Ich singe Gospel-Songs als Einladung an uns Alle, die Irdischen + Sterblichen, vor Allem auch die Hochnäsigen und die Hochmütigen, in der Hoffnung, dass wir uns alle inspirieren lassen, von der Schönheit und von der Kraft der Liebe: der Nächstenliebe, die uns stärken und beseelen kann, um uns im Jetzt und im Hier gemeinsam für eine gerechtere & menschlichere Welt einzusetzen.“
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