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Nas - King's disease III

Nas- King's disease III

Mass Appeal
VÖ: 11.11.2022

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Building Queensbridge

Es ist eine beliebte journalistische Trope, Künstler in ihren sogenannten zweiten Frühling zu pflanzen, wenn sie nach Jahren unebener Releases wieder an einstige Großtaten anzuschließen vermögen. Und passt nicht auf den ersten Blick Nasir Jones wie die Faust aufs Auge in ein solches Narrativ? Eine Vierteldekade war seit dem legendären "Illmatic" vergangen, dessen konzentrierte Binnenreimkaskaden und virtuose Milieuschilderungen dem seinerzeit blutjungen Nas eine jedem Alter spottende Weitsicht attestierten, als er 2020 in Produzent Hit-Boy eine neue musikalische Heimat fand. "King's disease" entpuppte sich bereits in seinen "ersten" "beiden" Auflagen stellenweise als genau jenes Projekt, auf das Nas' Werk so lange gewartet hatte: Aus smoothem, subtil-komplexem Boom Bap baute es seinen Erzählungen ein Fundament, das die perfekte Mitte zwischen nostalgischem Schleier und kreativer Frische fand. Mit jeder weiteren Veröffentlichung der nun abgeschlossenen Trilogie – das Kurzalbum "Magic" nicht zu vergessen – scheint Nas an der Seite Hit-Boys eine präzisere Stimme zu finden, um dem jüngeren Selbst zu antworten. Reflektionen, Resümees und eine schwer erkämpfte Abgeklärtheit brechen sich Bahn, deuten zurück und voraus. "King's disease III" krönt Nas' zweiten Frühling, der häufig doch eher ein herbstliches Nachdenken darstellt. Der Junge aus der Hood in Queens ist aufgehoben im Fünfzigjährigen, der das Erlebte sortiert, einordnet, munter zwischen Jahren und Orten springt. Und gleich im Opener "Ghetto reporter" den entsprechenden Selbstauftrag formuliert: "When I'm fifty years old, I wanna have fifty-year old fans / Sixty-year old fans, sixteen-year old fans."

Eine gute Nachricht für alle, die Nas' Storytelling weiterhin unerreicht finden: Der Abschluss der Trilogie kommt in seinen über fünfzig Minuten gänzlich ohne Features und Gaststrophen aus, erweckt auch darin den Anschein, dass hier etwas kulminieren will. "WTF SMH" polemisiert in diesem Sinne gegen inhaltslosen Mumble-Rap in Chatsprache: "This is not a rap song why you callin' it that? / This is a audiobook, I'm an author on tracks." Das mag man traditionalistisch finden, aber war nicht schon der junge Nas dem fokussierten, anstrengungslos wirkenden Flow eines Rakim näher als so manchem Zeitgenossen? Im berührenden "First time" sinniert Nas über die ersten Begegnungen mit lebenslang prägender Musik, erklärt seine Liebe für den Soul der 70er-Jahre, der auch hier wieder in zahlreichen Samples auftaucht. Um dann gekonnt selbstreflexiv rauszuzoomen: "First time you heard of Nas, I pro'ly was under some pressure / Gun in the dresser while you was baggin' up in the kitchen playin' my records." Die Geister aus Queensbridge, er wird sie nicht mehr los – und will sie zugleich nicht mythologisieren. Wenn das Outro des von einem beschwingten Klavier getragenen "Legit" mit Schlaglichtern der Verwahrlosung endet – "I ain't forget the roaches and mice / I ain't forget all that" –, baut es zugleich eine Brücke in den nächsten Track. "Thun" (der lokale Slang für "Son") schneidet lyrisch immer wieder hart zwischen den Jugendjahren und den glamourösen Erfolgen danach, spielt sogar augenzwinkernd auf den einstigen Beef mit Jay-Z an. Jener zelebriert inzwischen das Jet-Set-Leben, Nas betastet seine Wurzeln und Narben.

Musikalisch bleibt dabei alles auf den Protagonisten ausgerichtet, zugleich lässt Hit-Boy gerne mal den Beat springen und die Palette etwas bunter werden. "Hood2Hood" klingt mit seinem Daft-Punk-Sample beinahe nach Retro-Disko, "Get light" nach relaxter Cocktailparty inklusive Tenorsaxofon, während "Recession proof" auf dreckigem Funk die Einsicht verteilt, dass in Amerikas nächster Wirtschaftskrise nach wie vor jeder alleine sein wird. Das anschließende "Reminisce" kontert sogleich: "And I'm only strong as my circle." Bei aller Nabelschau wagt "King's disease III" stellenweise auch eine politische Schärfe, nie bloß abstrakt, sondern das Ergebnis jahrelanger Anschauung.

Im fulminanten "Michael & Quincey" holt Nas zum gesellschaftlichen Rundumschlag aus: Der Beat klingt während der ersten Strophe wie eine in Sepia gehüllte Version von Mobb Deeps "Shook ones", bevor in der zweiten der Sub-Bass die Aggressivität erhöht. Mit Referenzen an das titelgebende Produzenten-Sänger-Duo schmeißt Nas um sich, als deren durch den Underground gespiegelte Nachfolger imaginiert er sich und Hit-Boy. "America's a baby that's teethin' / Shittin' on itself, cryin' for it's next feedin' / As odd as it gets, it's not even a toddler yet / Gang members got nothin' on these congressmen." Und doch entsteht am Ende vor allem der Eindruck eines Brückenbauers, der nicht nur seinem jüngeren Ich die Hand ausstreckt, sondern auch den nachfolgenden Generationen, der Community das selbst Erreichte nicht vorenthalten will. "Don't shoot" schließt folgerichtig mit dem manchmal widersprüchlichen Wunsch nach Versöhnung: "And no, I do not really know the police commissioner / But shit, I'll talk to anybody about saving lives."

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Ghetto reporter
  • Thun
  • Michael & Quincey
  • WTF SMH
  • First time

Tracklist

  1. Ghetto reporter
  2. Legit
  3. Thun
  4. Michael & Quincy
  5. 30
  6. Hood2Hood
  7. Recession proof
  8. Reminisce
  9. Serious interlude
  10. I'm on fire
  11. WTF SMH
  12. Once a man, twice a child
  13. Get light
  14. First time
  15. Beef
  16. Don't shoot
  17. Til my last breath (Bonus track)

Gesamtspielzeit: 51:42 min.

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User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 23568

Registriert seit 08.01.2012

2022-11-23 21:52:20 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Kojiro

Postings: 1616

Registriert seit 26.12.2018

2022-11-13 18:11:41 Uhr
Teil 3 jetzt draußen. Die Chemie zw. Hit-Boy und Nas stimmt zweifelsohne. Wenngleich ich mir eher mal Alben komplett von Premier, Q-Tip oder Alchemist wünschen würde, haben die beiden jetzt drei wirklich weitgehend ziemlich starke Projekte veröffentlicht.

Teil III ebenfalls wieder sehr solide und kommt fast ohne Features aus. Nas klingt unglaublich frisch / hungrig. Schön!

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