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Ezra Collective - Where I'm meant to be

Ezra Collective- Where I'm meant to be

Partisan / PIAS / Rough Trade
VÖ: 04.11.2022

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Party on the streets of London

Eine Frau betritt tränenüberströmt den Backstage-Bereich. Sie erklärt ihrem besorgten Gegenüber, wie sie während der gerade beendeten Live-Performance die Belastungen einer der miserabelsten Wochen ihres Lebens zumindest für kurze Zeit vergessen konnte – und dies sei für Ezra-Collective-Bassist TJ Koleoso der Moment gewesen, der sein Verständnis von Musik fundamental veränderte. Ein bisschen cheesy ist diese in einem Spoken-Word-Interlude vorgetragene Anekdote zwar schon, doch enthält sie auch eine wesentliche Wahrheit über den immer noch oft als verkopft und elitär verrufenen Jazz. Das britische Quintett weiß, wie es auf dem Gerüst des Genres stilistische und kulturelle Grenzen sprengen, die Kids auf der Straße erreichen und vor allem unterschiedlichsten Menschen positive Emotionen bis zur völligen Euphorie und Ekstase vermitteln kann. Auf ihrem zweiten Album "Where I'm meant to be" etablieren sich Ezra Collective als womöglich virtuoseste Party-Band der Welt.

"Life goes on", heißt es in diesem Sinne direkt im akustischen Karneval des gleichnamigen Openers. Diese Worte stammen von der sambischen Rapperin Sampa The Great, deren hibbelige Performance einen ebenso wie die polyrhythmischen Drums von Bandleader Femi Koleoso und Ife Ogunjobis am Ende solierende Trompete sofort mitreißt. "Victory dance" knüpft als afrokubanische Salsa-Fete nahtlos daran an, ein perkussiver Bienenschwarm, von dem sich gerade Pianist Joe Armon-Jones zur Finger verknotenden Höchstleistung anstacheln lässt. Doch Ezra Collective flexen trotz der technischen Meisterschaft aller fünf Mitglieder nie unnötig rum, sondern zielen stets auf die Bewegungsnerven ihrer Zuhörer*innen. "Where I'm meant to be" wirkt sogar noch tanzbarer und einladender als der Vorgänger "You can't steal my joy", woran auch die größere Präsenz der Gaststimmen ihren Anteil hat. "I'm playing jazz my way", erklärt die verstorbene Afrobeat-Legende Tony Allen in einem Snippet zu Beginn von "No confusion", bevor der Track gemeinsam mit Kojey Radical Allens Stil huldigt. An anderer Stelle veredelt die Londoner Sängerin Nao den geschmeidigen Ausklang "Love in outer space".

Der Groove steht dabei immer im Mittelpunkt, auch wenn die Platte nach dem hochenergetischen Beginn ab "Welcome to my world" etwas das Tempo drosselt. Mit "Togetherness" und "Ego killah" wird es dunkler und dubbiger: Von Femi clever akzentuierte Reggae-Rhythmen und Dancehall-taugliche Keyboard-Riffs fangen die Stimmung einer jamaikanischen Sommernacht ein, in der die unglaublich eingängigen Bläser-Melodien von Ogunjobi und Saxofonist James Mollison wie Sterne funkeln. "Out in the street they call it Ezra", singt eine unkreditierte Jorja Smith in erstgenanntem Stück und macht mit dieser Referenz auf Damian Marleys "Welcome to Jamrock" den abstrakten Bezug zur konkreten Hommage. Trotz ihrer modernen Ästhetik ist der Dialog mit der Vergangenheit bei Ezra Collective immer lebendig, was bereits das an Thelonious Monks "Underground" angelehnte Cover zeigt. "Smile", ursprünglich eine Komposition von Charlie Chaplin für sein Meisterwerk "Modern times", klopft sich gar fast 90 Jahre alten Staub vom Ärmel.

Jenes Chaplin-Cover leitet darüber hinaus die stärkste Phase eines sowieso schon wahnsinnig starken Albums ein. "Live strong" haut mit Siebziger-Funk-Schwung eine Hook nach der anderen raus, um an Streicher-Ballons geknüpft davonzugleiten, "Belonging" erhebt sich mit kosmischer Gravitas, ehe sich Armon-Jones und die Koleoso-Brüder in einen beinah free-jazzigen Rausch spielen. "Never the same again" bringt im Mittelteil Kuba zurück, während besonders plastische Motive diesen Ausbruch purster Lebensfreude flankieren. Die sonst eher mit harmlosem Mainstream-Soul-Pop assoziierte Emeli Sandé erweist sich in "Siesta" als erfrischendste Feature-Partnerin der Platte. "Jump into the moment and make sure you make a splash", singt sie da, und die Glücksfluten strömen durch jede Pore dieses zitternden Samba-Engtanzes. In einer anderen Spoken-Word-Vignette, einem Gespräch mit dem Filmemacher Steve McQueen, fasst Femi seine Vision noch einmal in klare Worte: "We're just trying to bring joy, good vibes, happiness, all through the medium of swinging music." Was kann man da noch anderes entgegnen als: Mission zu 100% erfüllt.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Victory dance
  • Live strong
  • Siesta (feat. Emeli Sandé)
  • Belonging
  • Never the same again

Tracklist

  1. Life goes on (feat. Sampa The Great)
  2. Victory dance
  3. No confusion (feat. Kojey Radical)
  4. Welcome to my world
  5. Togetherness
  6. Ego killah
  7. Smile
  8. Live strong
  9. Siesta (feat. Emeli Sandé)
  10. Words by Steve
  11. Belonging
  12. Never the same again
  13. Words by TJ
  14. Love in outer space (feat. Nao)

Gesamtspielzeit: 68:42 min.

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Armin

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