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Special Interest - Endure

Special Interest- Endure

Rough Trade / Beggars / Indigo
VÖ: 04.11.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Diene der Party

Denken Sie jetzt nicht an rosa Elefanten, lila Wolken oder grünen Käse. Oder denken Sie lieber doch daran. Umso schneller landet man bei der "Cherry blue intention", nach der Special Interest aus New Orleans den Opener von "Endure" benannt haben. Hier geht es nämlich genauso knallbunt zu wie im Video zu "Midnight legend", wo vom Rummachen auf versifftem Dancefloor über weiße Mäuse nach Rauschmittelzufuhr bis hin zum Dreier in der Toilettenkabine alles geboten ist, was zu einer wüsten Clubnacht gehört. Dazu gibt sich das feministisch-queere Quartett um Sängerin Alli Logout deutlich harmonischer als auf dem Vorgänger "The passion of" – als würde Hercules eine Love Affair mit einer Disco-Soul-Diva aus den Achtzigern pflegen. Eine reizende Momentaufnahme persönlicher Freiheit, von der abgesehen Special Interest aber oft immer noch wütend genug sind.

Polizeigewalt, kapitalistische Daumenschrauben, institutionalisierter Rassismus – die Liste ist nach wie vor lang und unwirsch zutretender Elektro-Punk mit einer angedreckten Prise Glam erneut das Mittel der Wahl. Entsprechend sammelt der eingangs erwähnte Auftakt industrielle Dance-Klassiker wie Sheep On Drugs' "Motorbike" oder "The pleasure principal" von Lesbians On Ecstasy ein und schlittert mit Affenzahn auf die Piste – vermutlich bis zum spritzigen Happy End. "(Herman's) House" legt zu aufgekratzten Beats, "Woo-hoo"-Shouts und Nathan Cassianis häufig weit nach vorne gemischtem Knatter-Bass ebenso tumultös nach, feiert aber nicht den eigenen Hedonismus, sondern den wahrscheinlich zu Unrecht wegen Mordes verurteilten schwarzen Bürgerrechtler Herman Wallace. Und plötzlich bekommt der Begriff Black Panther Party eine neue Bedeutung.

Nicht der einzige Song von "Endure", der dank elastischem Gemenschel und Geklingel an die seligen Kuhglocken-Tage von DFA Records erinnert – da vergisst man beinahe, dass Logout und Gitarristin Maria Elena in den Anfängen von Special Interest noch als Radau-Duo mit ramponierter Sechssaitiger, Drumcomputer und Bohrmaschine angetreten waren. Wären da nicht schabende, mutwillig gegen den Strich gebürstete Track-Bömbchen wie "Foul" oder "Love scene", die ähnlich zerspant mit verhallten Beatboxen, Knallfrosch-Riffs und kieksig querschießenden Vocal-Lines hantieren wie einst im zugigen Post-Punk-England The Slits, X-Ray Spex oder Delta 5. Und es passt wie die Faust aufs Auge, dass Letztere 1979 "Mind your own business" forderten – ein Satz, den man genauso gut der kämpferisch teufelnden Frontfrau in den Mund legen könnte.

Denn wer Special Interest von der Seite anmacht, kann vor allem nach der Hälfte dieses Albums was erleben. Im "Kurdish radio" etwa läuft knorriger No Wave, bei dem Logout eine wölfische Schlürf-Version von Karen O gibt, und von "Impulse control" kann angesichts rabiaten Punk-Krawalls keine Rede sein, wenn Ruth Mascellis Maschinen heißlaufen und ein lädiertes Klavier auf dem letzten Loch klimpert. Noch wilder treibt es "Concerning peace", kickt ein zorniges Black-Power-Manifest vor sich her und reimt "American dream" auf "Fascist regime" – Musik zur Zeit, wenn man so will. Umso zauberhafter, dass Special Interest zum Schluss mit "LA blues" einen wunderbaren Piano-House-Stampfer aus einem Brachialsommer in Louisiana dalassen – und damit ein Album beschließen, das zugleich großer Spaß und lautstarkes Manifest ist. Moral: Party for your right to fight.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Cherry blue intention
  • (Herman's) House
  • Midnight legend
  • LA blues

Tracklist

  1. Cherry blue intention
  2. (Herman's) House
  3. Foul
  4. Midnight legend
  5. Love scene
  6. Kurdish radio
  7. My displeasure
  8. Impulse control
  9. Concerning peace
  10. Interlude
  11. LA blues

Gesamtspielzeit: 43:58 min.

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User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26943

Registriert seit 08.01.2012

2022-11-16 20:59:41 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

saihttam

Postings: 2428

Registriert seit 15.06.2013

2022-11-09 23:58:53 Uhr
Sehr spannende Mischung aus Punk, Industrial, Rave und auch einem gewissen Pop-Appeal. Schon der Vorgänger war nicht zu verachten. Das hier führt das ganze konsequent weiter. Ich bin vor allem auf die Live-Energie beim Konzert in Frankfurt am Freitag gespannt. Also schnell reinhören und mitkommen! ;)

https://www.youtube.com/watch?v=nYU0haEcly4
https://www.youtube.com/watch?v=EZahXe59w20
https://www.youtube.com/watch?v=jss7mRU67e8

Und der Hit vom Vorgänger:
https://www.youtube.com/watch?v=6sGAN9y-HnQ
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