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Neil Young & Crazy Horse - World record

Neil Young & Crazy Horse- World record

Reprise / Warner
VÖ: 18.11.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Rekorde und Bestandsaufnahmen

Die Laudatio ist in Arbeit, bald findet die feierliche Preisverleihung im Festsaal des Redaktionsgebäudes statt. Zum 24. – in Worten: vierundzwanzigsten – Mal prangt Neil Youngs Name auf einem Album, das bei Plattentests.de rezensiert wird. Einsame Spitze, Weltrekord, was wir endlich würdigen wollen. Dass der 77-Jährige nicht im Ansatz den Eindruck erweckt, sein Arbeitseifer könne versiegen, dürfte in den vergangenen Jahren ohnehin niemandem entgangen sein. In hoher Frequenz fördert er aus dem Keller seiner Archive alte Aufnahmen zutage, deren Qualität als weiteres Indiz einer der fraglos beeindruckendsten Diskografien der Rockgeschichte gelten kann. Und auf einstigen Lorbeeren ruht sich Young erst recht nicht aus – davon zeugen Alben wie das scheppernde, sich selbst herausfordernde "Barn" von 2021. Auf unsere Ankündigung reagierten er und seine ewigen Weggefährten von Crazy Horse mit einem süffisanten Fingerzeig im Titel ihrer neuen Platte: "World record" steht dort wohlverdient. Dem Anlass gemäß kollaborierte das Quartett erstmals mit dem Starproduzenten und gelegentlichen Loudness-Warrior Rick Rubin, in dessen Studio in Malibu das Album während des Sommers eingespielt wurde.

Spaß beiseite: Leider hat das Cover wohl recht wenig mit unserer Zeremonie zu tun, ein Augenzwinkern verbirgt sich dennoch dahinter. Der Opener "Love earth" begrüßt mit Klavier, Akustik- und Slidegitarre über freundlich schunkelndem Takt, der mit weiser Naivität dem versehrten Planeten entgegenholpert. "Love earth and your love comes back to you", summt Young, oder auch: "Love earth and we can bring the seasons back." "World record" ist nämlich vor allem auch im Sinne einer Bestandsaufnahme zu lesen, einer planetaren und persönlichen, wovon das Foto von Youngs Vater Scott nebst Geburtsurkunde auf dem Cover zeugen. Das berührende "I walk with you (Earth ringtone)" verknüpft mit weit aufgerissenem Verzerrer und einer dennoch nachdenklichen Grundstimmung beide Stränge. Young resümiert in gleichen Teilen ausgeglichen und bedrückend angesichts sich beschleunigender Katastrophe ("I am glad to have lived all these years"), bleibt aber auch gewohnt selbstzweifelnd: "I wonder what we were fighting for." Die tieftraurige und dennoch hoffnungsfrohe Country-Ballade "This old planet (Changing days)" schließt mit einem ambivalenten Refrain an, nachdem sie Kindheitsbilder und die unausweichlich verrinnende Zeit gegenüberstellt hat: "You're not alone on this old planet." Vorwurf ohne erhobenen Zeigefinger und Handlungsauftrag in einem.

Verglichen mit seinem Vorgänger präsentiert "World record" mehr charmant-wacklige Chorgesänge und – mit ein paar Ausnahmen – etwas ruhigere Arrangements. Vor allem fällt diesmal die dominante Rolle der Orgel auf, die den Songs mal einen treibenden Rhythmus verleiht, dann wieder in der beinahe ambienten Bridge des Honky-Tonks "Overhead" Reflektionen über kommunikative Überforderung gestattet oder das ominöse "The wonder won't wait" getragen ausklingen lässt. "Stand outside yourself", fordert Young, dessen Plädoyer, sich die Zukunft gefälligst rasch anzueignen, als revolutionäre Maxime durch das Album hallt: "Hand in hand / Fist to fist." Rubins Produktion greift dabei dezent den One-Take-Charakter der jüngsten Veröffentlichungen auf, lässt Young die Band einzählen, dokumentiert den einen oder anderen Verspieler und unterschlägt auch nicht einen lässigen Plausch zwischen Young, Billy Talbot, Ralph Molina und Nils Lofgren.

Als Meister der Widersprüche wiegt Young jedoch einmal mehr sich und niemanden in der wohlfeilen Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen. Donnernd entfaltet der Noise-Blues von "Break the chain" die längst ikonisch gewordene Magie der Band, durchbricht die gemächlich verpackten Botschaften seiner Nachbarstücke mit Lärm und Aufruhr. Und dann wäre da noch der über fünfzehnminütige Jam "Chevrolet", der alleine ein Drittel der Spielzeit einnimmt. Eine nostalgisch-gebrochene, metaphorische Liebeserklärung ans Cruisen mit dem eigenen Auto zum Ende eines Albums, das ökologische Krisen fokussiert: Allen will und wird es Young einmal mehr nicht recht machen. In pfeifendem Feedback klingt "Chevrolet" aus, bevor die gewisperte Reprise von "This old planet (Changing days)" leise zurück zum Thema führt. Gewissermaßen ist "World record" auch als Update von "After the gold rush" zu lesen, mit dem Young schon vor über 50 Jahren der Umweltbewegung eine Stimme gab. "Because the earth has held me / I never will let go", singt er nun an anderer Stelle. Es ist ein Versprechen voller Demut und Kampfgeist. Er wird es halten. Glückwunsch und danke, Neil.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • I walk with you (Earth ringtone)
  • This old planet (Changing days)
  • Break the chain
  • Chevrolet

Tracklist

  1. Love earth
  2. Overhead
  3. I walk with you (Earth ringtone)
  4. This old planet (Changing days)
  5. The world (Is in trouble now)
  6. Break the chain
  7. The long day before
  8. Walkin' on the road (To the future)
  9. The wonder won't wait
  10. Chevrolet
  11. This old planet (Reprise)

Gesamtspielzeit: 46:38 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Peacetrail

Postings: 3955

Registriert seit 21.07.2019

2022-11-19 21:40:59 Uhr
I walk with you ist herausragend. Das ganze Album gefällt mir viel besser als Barn. 7/10 passt.

Herr

Postings: 2332

Registriert seit 17.08.2013

2022-11-18 21:58:19 Uhr
Ich bin damals mit „Ragged Glory“ ins Young‘sche Universum mit seiner Crazy Horse Combo eingestiegen. Das war für mich wie eine unbeirrt und gradlinig durch die Prairie stampfende und dampfende Lokomotive.
Heute ist es halt eine hübsche Draisinenfahrt, mit gelegentlichem Päuschen und Zupfen eines Blümchens. Aber eben genau so nimmt man ja die Schönheit unseres Planeten wahr.

Sick

Postings: 278

Registriert seit 14.06.2013

2022-11-17 19:56:45 Uhr
Nicht ganz so schlimm wie der Vorgänger. Die Gitarren klingen viel kraftvoller (Rick Rubin hat produziert).
Zeugs wie "Break The Chain" und der 15-Minüter "Chevrolet" klingen schon geil.
Das Altherrengeschunkle "Overhead" oder auch "The Wonder Won't Wait" dagegen sind öde. Vollkommen ohne Biss.
Was ist seine Stimme auch dünn geworden.
Immer dann wenn die Gitarren lärmen hab ich Lust darauf. 6,5/10.

Herr

Postings: 2332

Registriert seit 17.08.2013

2022-11-17 08:58:51 Uhr
Die Treue von Plattentests zu Neil Young ist sehr positiv hervorzuheben.

Herr

Postings: 2332

Registriert seit 17.08.2013

2022-11-17 08:57:42 Uhr
Neil Young klingt eigentlich…. wie Neil Young!
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