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Anna Of The North - Crazy life

Anna Of The North- Crazy life

Honeymoon / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 04.11.2022

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Drüben auf dem Hyggel

Mitte der 2010er-Jahre schien Anna Lotterud kurz vor dem Durchbruch zu stehen. Ein Chainsmokers-Remix ihres Songs "Sway" brachte sie auf den Mainstream-Pop-Radar, bevor sie sich 2017 mit einem nicht megaerfolgreichen, aber von der Kritik gut bewerteten Debüt namens "Lovers" sowie Gastauftritten auf Tyler, The Creators "Flower boy" auch als seriösere Künstlerin zeigte. Doch dann kam es zum Break statt zum Breakthrough: Verbarg sich zu dieser Zeit hinter dem Alias Anna Of The North noch ein Duo mit dem Neuseeländer Brady Daniell-Smith, operiert die Norwegerin seit 2018 alleine. In der Folge nahm die Namhaftigkeit der Feature-Spots eher ab als zu, und auch der wenig inspirierte Zweitling "Dream girl" erhielt kaum Beachtung. Es ist zweifelhaft, ob "Crazy life" diese Entwicklung nun umkehrt, weil Lotteruds sympathisch-schlichter Elektro-Akustik-Pop unaufdringliche Schönheit zu oft mit reizlos produzierter Langeweile verwechselt. Das Albumkonzept, jeden Track mit einer gezeichneten Momentaufnahme aus dem Heim der jungen Frau zu verbinden, mag auf dem Papier intim und charakterstark klingen, verleiht der unpersönlichen Ikea-Ästhetik der Musik aber nicht gerade ein Gegengewicht.

Es wäre unfair, "Crazy life" seine generischen Eckdaten wie die konstanten Drei-Minuten-Tracklängen oder die einfallslosen Songtitel vorzuwerfen – bessere Pop-Platten machen es oft ja auch nicht anders –, doch erfüllt es leider zu viele damit einhergehende Klischees. Die Strukturen sind mutlos, die Texte könnten jedem Pop-Akademie-Baukasten entstammen, und alles verschwimmt zu einem lauwarm-emotionalen Grundrauschen. Der Sound gestaltet sich dabei grundsätzlich geschmackvoll: Dezente Achtziger-Synths greifen mit organischeren Indie-Pop-Aspekten fein texturiert ineinander und geben eine gar nicht nordisch-kühle, frühlingshafte Luftigkeit preis. Das Problem ist eher, dass zu großen Teilen die memorablen Hooks und der Schmiss fehlen – eine höhere Dosis von so kompromisslos pumpenden Dancefloor-Granaten wie "I do you", das nur wenige Gramm Euphorie-Glitzer von den frühen Chvrches-Hits entfernt ist, hätte dem Album gutgetan. Auch Lotteruds Stimme, die im Grunde wie eine weniger ausdrucksstarke Version ihrer Landsfrau Sigrid klingt, vermag es nicht, die von der Musik gelassenen Leerstellen mit Charisma zu füllen. Schlecht ist an "Crazy life" nichts wirklich, doch hat man das Allermeiste zehn Minuten nach dem Hören schon wieder vergessen.

Dennoch gibt es zweifelsfrei Lichtblicke. "Living life right" macht musikalisch nicht viel anders als der Rest, bietet aber textlich mehr Substanz. Lotterud wendet sich hier vom üblichen Romantik-Hickhack ab, um zu reflektieren, wie gesellschaftliche Erwartungen das individuelle Lebensglück belasten: "It's so hard to see clear / When there's a cloud inside your head / And it won't go away." "Meteorite", ein Duett mit dem Bedroom-Popper Gus Dapperton, malt kurz darauf den besten Melodiebogen der Platte in den Nachthimmel. Lotterud besitzt unbestreitbares Talent – könnte man sonst in einem Track mit Steve Lacy und Frank Ocean bestehen, ohne unterzugehen? –, doch scheint sie ihre eigene Identität als Künstlerin noch nicht ganz gefunden zu haben. Die angenehme Sonntagmorgens-Atmosphäre der Platte formuliert sie im stetigen Zusteuern auf nur gelegentlich sitzende Pop-Refrains nicht konsequent genug aus, während ihr gleichzeitig auch der Mut fehlt, so famose Experimente wie das ungewohnt funkige "No good without U" mit seinem Slap-Bass und den geschmeidigen Disco-Licks öfter zu bringen. Das ist das Haus von Anna Of The North? Wenn ja, gehört der Weichzeichner hoffentlich nicht zur Grundausstattung.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • I do you
  • No good without you
  • Meteorite (feat. Gus Dapperton)

Tracklist

  1. Bird sing
  2. I do you
  3. Nobody
  4. Listen
  5. Living life right
  6. Red light
  7. No good without U
  8. Dandelion
  9. Meteorite (feat. Gus Dapperton)
  10. 60 seconds
  11. Let go

Gesamtspielzeit: 36:32 min.

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Armin

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2022-11-09 19:48:34 Uhr - Newsbeitrag
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