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Loyle Carner - Hugo

Loyle Carner- Hugo

EMI / Universal
VÖ: 21.10.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Backpfeifen statt Pfannkuchen

Loyle Carner schien die perfekte Nische für sich gefunden zu haben. Inmitten des grellen Rap-Zirkus, all der Mega-Budgets, öffentlich ausgetragenen Fehden und politischen Protestaufrufe stand der Londoner alleine in einer Ecke, erzählte unaufgeregt von Pfannkuchen, Familie und seiner mentalen Gesundheit, als würde er mit engsten Vertrauten sprechen. Doch auf seinem dritten Album "Hugo" fordert er nun auch mehr Aufmerksamkeit ein, wird zum ersten Mal wütend und kann den Rassismus und andere Ungerechtigkeiten nicht nur seines eigenen Heimatlandes nicht länger unkommentiert stehen lassen. Vielleicht gab die Geburt seines Sohnes Ausschlag zu diesem Wandel, schließlich soll dieser in einer Welt aufwachsen, in der solche Probleme idealerweise der Vergangenheit angehören. Klar ist, dass Carner weiterhin zuerst nach innen schaut, das große Ganze stets aus dem eigenen Mikrokosmos ableitet. In diesem Sinne ist er trotz der oberflächlichen Neuausrichtung ganz der Alte geblieben, und auch die von bekannten Weggefährten wie Kwes., Jordan Rakei und Alfa Mist produzierte Musik platziert sich vertraut zwischen Neo-Soul und jazzigem HipHop – auch wenn die von den organischen Instrumentals ausgestrahlte Wärme zuweilen in lodernde Flammen übergeht.

So hätte zu Zeiten von "Not waving, but drowning" wohl niemand gedacht, dass ein Loyle-Carner-Album mit den Worten "Let me tell you what I hate" beginnen könnte, doch here we are: Mit klappriger Percussion und nachdrücklich hallendem Piano seziert "Hate" die systematische Kleinhaltung der nicht-weißen Bevölkerung, ringt dabei auch mit der eigenen gemischtrassigen Identität. Das Gefühl, zu keiner Kultur wirklich dazuzugehören, prägt ebenso "Georgetown", dem Madlib einen typischen Madlib-Beat spendiert und das der guyanische Poet John Agard mit Teilen seines Gedichts "Half-caste" umklammert. "I told the black man, he didn't understand / I told the white man, he wouldn't take my hand", heißt es dazu passend in "Nobody knows (Ladas Road)", das per mitreißendem Gospel-Groove tiefer in den eigenen Stammbaum hineinbohrt. Carner rappte schon auf früheren Werken viel über seinen abwesenden leiblichen Vater, doch inzwischen hat er sich ihm wieder angenähert – der Closer "HGU" hält diesen Vergebungsmoment auch musikalisch fest. Dennoch sind die Wunden des vaterlosen Aufwachsens noch nicht vollständig verheilt, wie "Polyfilla" erklärt, bevor der Track am Ende Frieden in der Vorstellung findet, es beim eigenen Kind besser zu machen.

"I start to think about the legacy I leave", verkündet der 28-Jährige über den Lounge-Tasten von "Homerton", während die fürsorglichen Stimmen von JNR Williams und Olivia Dean sowie die frei zirkulierende Trompete seinen Gedanken ein Auffangnetz spannen. Die Essenz der ganzen Platte steckt in diesen neun Worten, schließlich bilden die politische und private Dimension in Carners Vermächtnis eine untrennbare Einheit. Die schlicht wunderschöne Ballade "A lasting place" versucht Bilanz über seinen aktuellen Stand im Leben zu ziehen und scheint dabei jedes Geräusch aus der Umgebung zu saugen. Im Kontrast dazu erinnert er sich in "Blood on my Nikes", wie er als kaum 16-Jähriger Zeuge eines Mords auf offener Straße wurde: "So I grew up scared of the night bus / Scared of the boys that looked like us." Das kühl klirrende Instrumental fängt die aus einer solchen Nähe zur Gewalt resultierende Angst ein, ehe eine Rede des Aktivisten Athian Akec die weiterhin bestehende Dringlichkeit des Problems betont und die britische Regierung in die Verantwortung nimmt. "Plastic" fokussiert daraufhin medial reproduzierten Rassismus und verglüht in einem elektronischen Rauschen verzerrter Stimmen. "Is the world moving fast for you as well?", fragt Carner an anderer Stelle in "Speed of plight". Ja, das tut sie. Aber um mit all dem Scheiß besser klarzukommen, gibt es zum Glück Alben wie "Hugo".

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Hate
  • Nobody knows (Ladas Road)
  • A lasting place

Tracklist

  1. Hate
  2. Nobody knows (Ladas Road)
  3. Georgetown (feat. John Agard)
  4. Speed of plight
  5. Homerton (feat. JNR Williams & Olivia Dean)
  6. Blood on my Nikes (feat. Wesley Joseph & Athian Akec)
  7. Plastic
  8. A lasting place
  9. Polyfilla
  10. HGU

Gesamtspielzeit: 34:05 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Loketrourak

Postings: 2217

Registriert seit 26.06.2013

2022-11-14 09:15:16 Uhr
Nimmt einen gleich mehr mit, als die letzte. Gefällt mir richtig gut.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26138

Registriert seit 08.01.2012

2022-11-02 21:20:02 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 19936

Registriert seit 10.09.2013

2022-10-27 20:23:06 Uhr
Doch, nächste Woche.

Kai

User und News-Scout

Postings: 2744

Registriert seit 25.02.2014

2022-10-27 20:19:34 Uhr
Kein Review dazu?

Kai

User und News-Scout

Postings: 2744

Registriert seit 25.02.2014

2022-10-22 09:55:09 Uhr
Seit gestern draußen.
Wieder ein starkes Album was tatsächlich etwas lauter/rauer ist als die Not Waving.

Funktioniert gut.
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