Dionysos - Haïku

Dionysos- Haïku

L'age d'or / Zomba
VÖ: 29.05.2000

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Wie Gott in Frankreich

"In vino veritas - die Wahrheit liegt im Wein" mußten sich die Verantwortlichen von Lado gedacht haben, als sie nach elf Jahren erstmals ihren Grundsatz, nur deutsche Bands zu signen, beugten, um die französischen Dionysos unter Vertrag zu nehmen. Eine Band, die sich nach dem griechischen Gott der Fruchtbarkeit und des Weines benannt hat und deren Ruf als ein Haufen unverbesserlicher musikalischer Knallköpfe sich aus dem Hexagon bis nach Deutschland herumgesprochen haben muß. Ein erster edler Lado-Tropfen aus dem Ausland, der mit der nötigen Dosis Verrücktheit und Humor gesegnet ist und sich nahtlos ins Labelprogramm einfügt.

In geballter Form versammelt findet sich die gesamte Paranoia der Band im letzten Track "Poe-M", einem bissigen, siebzehnminütigen Monster. Einige scheue Momente lang wandeln Dionysos in "Poe-M" auf Mogwais Pfaden, während der Mund auf dem Cover in Gestalt von Violinistin Elisabeth Ferrer ein sinnliches französisches Gedicht zu verlesen scheint. Das Gitarrengewitter läßt nicht lange auf sich warten. "Die Fee, die in meinem Kopf singt und mir immer wieder sagt, daß ich dich liebe, daß ich dich liebe". Ein verzweifelter Hilferuf, der im Nichts erstickt. Stille. Pause. Warten auf den Hidden track. Doch schon zehn Sekunden später erscheint eine Männerstimme zurück an der Bildfläche und höhnt ein countryeskes "I never let you down". Die nächste Krachorgie ist nicht weit, bevor ein trotzig-trauriges Piano endlich für sechs Minuten seine instrumentalen Abschlußworte sprechen darf und den Raum mit Schweigen erfüllt. Was bleibt sind Assoziationen. Ironie des Schicksals. Ein Freiflug zum Mond der Verzweiflung. Die Liebe muß ein seltsames Spiel sein, und sie spielt es rücksichtslose siebzehn Minuten lang.

Die anderen 14 Stücke sind mit durchschnittlich drei Minuten Spielzeit zwar ungleich kürzer, aber nicht weniger irrsinnig ausgefallen. "Christmas trees are eating the pavement, the pavement is eating old ladies" lauten die ersten Worte des Openers "Nicholsong", vorgetragen in brüchigem Englisch. Was das gesättigte "Pavement" wieder ausspuckt sind 15 hochgradig verquerte, überwiegen auf und französisch vorgetragene Kunstwerke, die ebenso von einer US-Combo mit diesem Namen stammen könnten. Und ganz im Vorübergehen verpassen Dionysos dem Wortwitz eine neue Dimension. Eine Dimension, die allen, die des Französischen nicht ausreichend mächtig sind, oftmals verschlossen bleibt und an manchen Stellen nichts als Verwirrung hinterläßt. Muntere Verwirrung, die sich durch das ganze Album zieht.

So zeigen Dionysos auf "Poissons=Stickers" eindrucksvoll, daß sich 'balladesk' nicht zwangsläufig auf 'beatlesk' reimen muß und die Töne gehörig gegen den Strich klingen dürfen. Die Violine heult und Sänger Mathias Malzieu erklärt uns bereitwillig den nicht vorhandenen Unterschied zwischen Fischen und billigen Aufklebern. Was folgt ist der Höhepunkt in punkto textlichem Understatement: ein Song namens "Pyjama": Zweieinhalb kurzweilige Minuten Popsong mit den sich stetig wiederholenden Worten "Je n'ai jamais mangé de pyjama aussi doux que le tien", was wörtlich übersetzt so viel heißt wie "Ich habe noch nie einen so weichen Pyjama wie deinen gespeist". Diese Truppe muß mit Mark E. Smith Pizza essen gewesen sein, an der Shady Lane in den gekrümmten Regen gekommen sein oder einfach nur zu den allerorts verlorenen Söhnen von Frank Black gehören. Irgendetwas ist hier nicht normal... alles um genau zu sein. Oder anders ausgedrückt: Die Götter müssen verrückt sein.

(Armin Linder)

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Highlights

  • 45 tours
  • Asshole car orchestra
  • Poissons=Stickers
  • Coccinnelle
  • Poe-M

Tracklist

  1. Nicholsong
  2. Sick philharmonic body
  3. Wet
  4. 45 tours
  5. Mandarine
  6. La petite princesse aux seins écrasés
  7. Wedding idea
  8. Asshole car orchestra
  9. Poissons=Stickers
  10. Pyjama
  11. Lune bulle et only knees
  12. Built for myself
  13. Coccinnelle
  14. Train à l'Américaine
  15. Poe-M

Gesamtspielzeit: 57:19 min.

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