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A.A. Williams - As the moon rests

A.A. Williams- As the moon rests

Bella Union / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 07.10.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Dunkel ist's

"For nothing", der sechste Track auf A.A. Williams' zweitem Album "As the moon rests", entstand als an sich selbst gestellte Challenge, einen Song ohne einen einzigen Akkordwechsel zu schreiben. Dass das Resultat mit seinem explodierenden Schlussdrittel dennoch dynamisch und mächtig klingt, ist ein Paradebeispiel für Williams' Ethos, in dem Minimalismus und monumentale Wucht koexistieren. Mit seinem an den Rändern zu Metal und Gothic überschwappenden Post-Rock samt Leidensgesängen inszenierte sich ihr Debüt "Forever blue" als britisches Pendant zu den Werken einer Chelsea Wolfe oder Emma Ruth Rundle, ehe die Lockdown-Cover-Sammlung "Songs from isolation" alle Stecker zog. "As the moon rests" entlarvt diese Richtungsänderung als Täuschungsmanöver, multipliziert nach eigener Aussage das Debütalbum "mal zehn". Die klassisch ausgebildete Cellistin nahm samt Band und Streicher-Sektion zum ersten Mal in einem richtigen Studio auf und zelebriert die geweitete Perspektive mit einer guten Stunde akustischer Überwältigung. Dass die Melodien unter den betondicken Arrangements simpel bleiben, ist dabei keine Schwäche, sondern bestärkt schlicht ihre emotionale Direktheit.

Gleich der Opener "Hollow heart" beweist in diesem Sinne, dass die schweren Gitarren, Drums und Streicher Williams' Verletzlichkeit nie versuchen zu verbergen: "Give me time and I will learn / That I am only human / And I must love myself / Above anyone else." Das famose "Evaporate" jongliert die Kontraste ähnlich standfest, sendet helle Piano-Signale aus seinen fast schon doomigen Unterwasser-Bohrungen und kommt doch zu einer ernüchternden Erkenntnis: "I can't stop the violence in my mind." "Murmurs" mit seinen Riffs, die ihre verzerrte Spannung in einem zaghaften Solo entladen, komplettiert das vergleichsweise kompakte Eingangstrio: drei Schmerzbrocken, deren Katharsis die fokussierten Strophe-Refrain-Muster keineswegs einengen, sondern sie zu zielgenau ins Schwarze treffenden Pfeilen umformen. Der Mitternachts-Pop von "Golden" schlägt in die gleiche Kerbe, ebenso das wohl größte Albumhighlight "Alone in the deep". "The earth cannot take the weight of my mistakes / It buckles underneath my step", erklärt Williams in beängstigender Seelenruhe, bevor sie sich im zerstörerischen Chorus schreiend der Dunkelheit und dem Verfall hingibt – die Brutalität und der trügerische Komfort von Selbstzweifeln, konzentriert in einem einzelnen Track.

Die Klasse der kürzeren Stücke bedeutet dabei keineswegs, dass die ausschweifenderen Momente der Redundanz anheimfallen. Gerade der abschließende Titeltrack erhebt sich als brillanter Post-Rock-Monolith, indem er atmosphärische Gesteinsschichten aufeinandertürmt, ohne über sieben Minuten je den Faden zu verlieren. Im Kern des ähnlich langen "Pristine" steht ein Instrumentalpart, dessen zart gezupfte Saiten einem gleißenden Streicher-Crescendo den Himmel öffnen. Der aschgraue Folk von "Shallow water" hält indes auch ohne Ausbruch die Spannung – dieser Grad kontemplativer Reduktion wird sonst nur vom an Grouper erinnernden "Ruin" übertroffen. Mit seiner Überlänge und dem Verzicht auf männliche Gastsänger ist "As the moon rests" ein ungleich sperrigeres Album als sein Vorgänger, doch bis auf ein paar wenige Stellen wie im etwas ausdrucksschwachen "The echo" fällt die Gleichförmigkeit nicht negativ ins Gewicht – im Gegenteil ist sie der entscheidende Faktor für die raumfüllende Macht dieser musikalischen Erdrutsche. Wie viel Leid, Erlösung und Heilung in einem simplen Akkord oder gar einem einzigen Ton mitschwingen können, wissen wenige so gut wie A.A. Williams.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Evaporate
  • Golden
  • Alone in the deep
  • As the moon rests

Tracklist

  1. Hollow heart
  2. Evaporate
  3. Murmurs
  4. Pristine
  5. Shallow water
  6. For nothing
  7. Golden
  8. The echo
  9. Alone in the deep
  10. Ruin
  11. As the moon rests

Gesamtspielzeit: 61:35 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Mann 50 Wampe

Postings: 3542

Registriert seit 28.08.2019

2022-10-20 18:49:48 Uhr
Nach zwei Durchläufen: Gefällt mir ganz gut, aber mit kleinen Schwächen.

Die Emotionalität und Intensität von Emma Ruth Rundle erreicht sie nicht, auch nicht die Spookynees von Chelsea Wolfe. Und tatsächlich sind manche Melodien recht simpel und vorhersehbar, aber der Sound macht einiges wett, teilweise nahe am Gothic, sodass einige schöne Songs zustande kommen.
Bisher: 8/10

peter73

Postings: 3044

Registriert seit 14.09.2020

2022-10-20 14:36:07 Uhr
die referenzen machen neugierig, muss ich mal antesten!

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26928

Registriert seit 08.01.2012

2022-10-19 21:20:04 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Klaus

Postings: 9166

Registriert seit 22.08.2019

2022-09-13 16:03:05 Uhr
07.10.2022

Bisschen was vorab:

https://www.youtube.com/watch?v=VKp2bhOQ_fk

https://www.youtube.com/watch?v=uvQ-25j-VT0


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