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Gilla Band - Most normal

Gilla Band- Most normal

Rough Trade / Beggars / Indigo
VÖ: 07.10.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Aus der Schrottpresse

Kollege Müller konnte einem Leid tun: Eine sommerliche Sause mit im Plattentests.de-Sinne hochqualitativer Musik (sprich: Radiohead) beschallen zu wollen und dann auf die neue Kraftklub-Single heruntergestutzt zu werden, tut zweifelsohne weh. Andererseits gibt es auch Schlimmeres. Fragt mal Dara Kiely. Der legte auf einer Party einmal die legendären No Waver James Chance & The Contortions auf – und flog für die vermeintliche Lärmbelästigung achtkantig raus, worauf der aufgebrachte Gastgeber zur Beruhigung erst mal eine Version von Kings Of Leons "Use somebody" in die dicke Luft klampfte. Doch was wohl erst passiert wäre, wenn der Frontmann von Gilla Band sein eigenes Album "The talkies" ins Abspielgerät gepackt hätte, einen zerklüfteten Batzen Noise-Rock ohne Rock? Und wieso eigentlich auf einmal Gilla Band? Hießen die nicht irgendwie anders?

Hießen sie – bis Kiely und Kollegen ihren früheren Namen Girl Band auf mangelnde Inklusivität und mögliche Aneignungs-Tendenzen abklopften und den weiblichen Part durch einen altertümlichen irischen Männer-Vornamen ersetzten. Nur eine der schiefhumorigen Volten, mit denen das Quartett seinen grob gezimmerten Songgebilden die allergrößte Schärfe nimmt – nicht das Verkehrteste, wenn der walzwerkende Opener "The gum" mutwillig gegen die Studiowand fährt oder die Skizzen "Gushie" und "Capgras" es barsch rauschen, brutzeln und knirschen lassen. Erleichterung verschaffen einem Gilla Band allenfalls in luftigeren Momenten wie "Backwash", das zu gummiartigem Beinahe-Groove "muscle" auf "hustle" und "Jack Russell" reimt. Doch übernimmt in der letzten halben Minute ein von allen guten Geistern verlassener Synthie, hängt auch dieses Stück in Fetzen.

"Most normal" ist hier also gar nichts. Auch nicht die offensive Hässlichkeit, die Gilla Band und ihr Frontmann an den Tag legen – siehe die Zeile "I've spent all my money on shit clothes" im Distorto-Brett "Eight fivers", wo Kiely pöbelnd durch prekäre Klamottenläden stapft und am Ende zwar ohne präsentables Outfit, aber immerhin mit einem wühlenden Hit aus der Schrottpresse dasteht. Mehr als "Binliner fashion" war nicht drin, sodass der gleichnamige Song "I can dress up in plastic bags / For some reason, whatever the season" konstatiert und sich in wenig mehr als zwei Minuten fast selbst überholt. Auch ein Verdienst von Drummer Adam Faulkner, der so waghalsige Rhythmusmuster vollführt, dass es die Stücke oft fast auseinanderreißt, sie auf wirre Weise aber auch zusammenhält. Widersprüche, unter denen es Gilla Band auf Album Nummer drei nicht machen.

Auch angesichts des penetrant fiependen Tribal-Erdwurms "The weirds" scheint eine Rock-Werdung von "Most normal" also ausgeschlossen – umso erstaunlicher, dass der von einem stoischen Riff tranchierte Siebenminüter nach geräuschigem Zurechtruckeln zu hypnotischem Percussion-Loop Liars' "It fit when I was a kid" einsammelt und "Almost soon" sogar den Post-Punk der Landsleute Fontaines D.C. antäuscht, ehe das Stück im industriellen Wurstkessel versinkt. Erst der Closer "Post Ryan" macht ein spätes Friedensangebot und lässt zu leichtfüßigem Disco-Beat die Elektronik launig brummen und eine Gitarre harmonische Reizpunkte setzen. Ein Song, den man fast auf einer Party spielen könnte, ohne an die Luft gesetzt zu werden – Gilla Band hätten es sich verdient für dieses unbequeme, aber hochklassige Album. Und mal ehrlich: Was ist schon normal?

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Eight fivers
  • Backwash
  • The weirds
  • Post Ryan

Tracklist

  1. The gum
  2. Eight fivers
  3. Backwash
  4. Gushie
  5. Binliner fashion
  6. Capgras
  7. The weirds
  8. I was away
  9. Almost soon
  10. Red polo neck
  11. Pratfall
  12. Post Ryan

Gesamtspielzeit: 36:37 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

HumanAbfall_71

Postings: 61

Registriert seit 28.08.2020

2022-10-27 19:52:38 Uhr
Super Rezension...fast so gut wie das Selfie von/mit Ed Sheeran.
Nur bei der Bewertung leg ich noch 2,5 Punkte drauf. Auch bei mir ein großer Album des Jahres Kandidat. Live Shows schaff ich dieses Jahr leider nicht, so muss die Haldern Show bis zum nächstem Mal reichen.

maxlivno

Postings: 2737

Registriert seit 25.05.2017

2022-10-24 12:56:32 Uhr
"Bin Liner Fashion" nicht in den Highlights, dann wundert mich die 7 auch nicht mehr. Enger Kampf an der Spitze ums Album des Jahres und "Most Normal"ist mit von der Partie. Bis dato fand ich die Studioalben nie so kraftvoll und gut wie die Live Mitschnitte, hier haben sie zum ersten Mal die Intensität einfangen können und sogar nochmal eine Schippe Lärm draufgepackt. Freue mich sehr auf das Konzert im November

Maja

Postings: 2

Registriert seit 21.10.2022

2022-10-21 08:32:02 Uhr
Nun endlich doch noch eine Rezension im deutschsprachigen Raum zu diesem grandiosen und unvergleichlichen Album. Habe mich gleich noch registriert, um meine Freude darüber kund tun zu können.
Die Band hat mich vom ersten Tag an fasziniert. Es ist nicht gerade so, dass ich viel Noise Rock höre, aber an dieser Band bin ich seit 2014 kleben geblieben und sie lassen mich nicht mehr los. Da ist schon ein großer Batzen Genialität und Talent dabei, um so eine Musik zu machen. Mich lassen sie auch mit diesem Album sprachlos zurück. Es wird definitiv mein Album in 2022.

NOK

Postings: 247

Registriert seit 04.10.2018

2022-10-19 22:31:37 Uhr
Juhu, also doch! Vielen lieben Dank dafür, dass dieses - abseits all der blödsinnigen Motive hinter der Umbenennung der Band - grandiose Album hier gewürdigt wird.

Ich habe bereits in mehr als einer Rezension einen Verweis auf "Double Negative" von Low gelesen, und auch wenn solche Namedroppings oft überflüssig sind, weil sie allerlei Erwartungen wecken, die dann nicht eingelöst werden: Hier kann ich es nachvollziehen, weil in beiden Fällen eine konsequente Dekonstruktion des Bandsounds, die sich offenbar auch nicht übermäßig um Spotifykompatibilität schert und die Zerstörung von Wohlklang im Studio endgültig zum Stilmittel erhebt. "Double Negative" war mein AOTY, "Most Normal" könnte es dieses Jahr evtl. werden, was beim ersten Hören der ersten Auskopplung "Eight Fivers" so nie im Leben zu erwarten war. :)

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26139

Registriert seit 08.01.2012

2022-10-19 21:18:29 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
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