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Bonny Light Horseman - Rolling golden holy

Bonny Light Horseman- Rolling golden holy

37d03d / Cargo
VÖ: 07.10.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Im Westen geht die Sonne auf

Ob bei Bonny Light Horseman im Studio öfter mal "Go west" von den Pet Shop Boys lief? Auf seinem selbstbetitelten Debüt überführte das Projekt von Singer-Songwriterin und neuerdings Broadway-Musical-Komponistin Anaïs Mitchell, Fruit-Bats-Frontmann Eric D. Johnson und Produzent Josh Kaufman auf großartige Weise Folk-Traditionals in die Gegenwart. Im Zuge ihrer zweiten Platte fand die nun offenbar längerfristig zusammenwirkende Band Mut und Inspiration für eigene Stücke, wobei sie Neil Tennants Aufruf im Geiste nachkamen. Zwar erfolgten die Aufnahmen von "Rolling golden holy" wieder in New York, doch während zuvor vor allem britische Traditionen im Fokus standen, ist der Sound hier mehr von Americana und den Sinneseindrücken der kalifornischen Westküste geprägt. Die Songs suchen die Zeitlosigkeit ihres Genres, umspannen textlich zuweilen Jahrhunderte, bleiben mit ihrem markanteren Pop-Appeal allerdings klar in der Moderne verankert. Im Goldschimmer der Herbstsonne, die das gesamte Album wärmt, mag ein wenig die Nuance des Vorgängers verlorengehen, doch lösen Bonny Light Horseman erneut ihr Versprechen eskapistischen Wohlklangs ein, getragen von hochwertigen Arrangements und zwei ganz besonderen Stimmen.

"Love, love, love", lauten standesgemäß die ersten Worte des Openers "Exile", der mit sattem Beat, elegant eingefädeltem Banjo und Ohrwurm-Refrain grenzenlose Hingabe versichert. Verlustängste brechen erst in "Comrade sweetheart" durchs rosarote Brillenglas, wenn diese ungleich reserviertere Ballade die Liebe im Kontext des Klassenkampfs zu verorten scheint. Mit einem handfesteren Konflikt sieht sich Johnsons Protagonist in "Someone to weep for me" konfrontiert. "I was named after my father / In a long line of nobodies", singt der in den Krieg Einberufene, sehnt sich weniger nach dem eigenen Überleben als nach jemandem, der um ihn trauert. Joviales, optimistisches Gezupfe verbirgt das Lament des Tracks, pflockt ihn innerhalb der vom ganzen Album hochgezogenen Folk-Idyllen fest, die ein Stück wie "Fair Annie" schon im Titel evoziert. Das ist stimmungstechnisch zweifelsfrei ein wenig eintönig, doch wen kümmert's bei dem konstant hohen Niveau, auf dem Bonny Light Horseman ihren akustischen Seelenbalsam einflößen? Man mag sich im Vorfeld fragen, ob die Welt noch eine Laurel-Canyon-Hommage mit "California" im Titel gebraucht hätte, doch hört man erst die umwerfenden Gitarrenlicks und Harmonien jenes Songs, verfliegen alle Zweifel in der warmen Abendluft.

Die Texte kreisen dabei stets um das große Four Letter Word, beleuchten es aber aus verschiedenen Perspektiven. Das seinem Titel mehr als gerecht werdende "Summer dream" treibt auf einer Wolke aus vernebelten Saiten und Mundharmonika-Klängen, um wehmütig auf Verlorenes zu blicken: "In another lifetime / Held you like a little child / Fell under my spell awhile." Das direkt anschließende "Gone by fall" dreht den Spieß um, antizipiert das Ende flüchtigen Liebesglücks zum Wechsel der Jahreszeiten. Als würde das Album an dieser Stelle selbst die alten Blätter abwerfen, wird es in der zweiten Hälfte mutiger. Die Percussion und das jazzige Saxofon von "Sweetbread" versprühen leichte Afrobeat-Vibes, während Mitchells Erzählerin dazu passend ihre Unabhängigkeit feiert. Der sanfte, halbelektronische Puls von "Fleur de lis" trägt einen klaren Dessner-Stempel, bevor der Closer "Cold rain and snow" deutlicher aus dem Rahmen bricht. Überraschend verzerrte E-Gitarren blitzen auf, und nachdem sich Mitchell und Johnson zuvor immer brav bei den Lead-Gesängen abwechselten, fallen hier alle drei Bandmitglieder in einen von den Geistern vergangener Generationen beseelten Singsang. Vielleicht werden sich in Hundert Jahren ja ein paar versierte Folk-Musiker*innen zusammenfinden, um Songs von Bonny Light Horseman zu covern.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • California
  • Sweetbread
  • Cold rain and snow

Tracklist

  1. Exile
  2. Comrade sweetheart
  3. California
  4. Summer dream
  5. Gone by fall
  6. Sweetbread
  7. Someone to weep for me
  8. Fleur de lis
  9. Fair Annie
  10. Cold rain and snow

Gesamtspielzeit: 35:53 min.

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User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26621

Registriert seit 08.01.2012

2022-10-19 21:17:08 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

dreckskerl

Postings: 9854

Registriert seit 09.12.2014

2022-10-12 18:53:51 Uhr
Ich weiß was du meinst, komme aber zu einem anderen Ergebnis/Beurteilung.

Zappyesque

Postings: 1001

Registriert seit 22.01.2014

2022-10-12 18:24:24 Uhr
Merklich schwächer als der Vorgänger, so mein erster Eindruck. Die Singles haben einen leicht poppigeren Ansatz angedeutet, der sich auf Albumlänge bewahrheitet. Die Texte hier sind auch nicht so geschmackvoll wie auf dem Vorgänger - es gelang ihnen mMn besser zu Textvorlagen zu schreiben als eigene Stücke zu entwerfen. Hoffentlich werden mich mehr Durchgänge umstimmen.

dreckskerl

Postings: 9854

Registriert seit 09.12.2014

2022-10-12 17:17:58 Uhr
Ich habe mich beim Zuhören ab und an an Pentangle erinnert...wer diese Kult Folk Band nicht kennt, sollte es nachholen.

Grizzly Adams

Postings: 4798

Registriert seit 22.08.2019

2022-10-12 17:08:24 Uhr
Jupp. Album ist sehr schön geworden. Die Stimmen harmonieren wunderbar zusammen. Auch die Arrangements sind nahezu perfekt und etwas zum Wärmen der eigenen Befindlichkeiten in diesen bescheidenen Zeiten. Absolut stimmiges Gesamtwerk. Bin auch derzeit bei einer 8/10.
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