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The Soft Moon - Exister

The Soft Moon- Exister

Sacred Bones / Cargo
VÖ: 23.09.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

He bangs the drums

"My face is gone / I'm faceless", erklärt Luis Vasquez immer wieder auf "Exister", seinem fünften Album als The Soft Moon. Die Zeilen stammen aus dem Track "Face is gone", der seine Synths durch den perkussiven Häcksler jagt und einen kleinen Stahlsplitter-Blizzard heraufbeschwört. Was auf dem Papier wie das Einstiegsvokabular aus dem "Selbstmitleid für Goths"-Handbuch wirken mag, erhält hier eine persönliche Bedeutung. Das Cover der Platte zeigt Vasquez als kleinen Jungen, der Titelschriftzug läuft ihm dabei so über die Augenpartie, dass es ihn wahrlich gesichtslos macht. In den dunklen Ecken seiner Psyche hat sich der Kalifornier schon immer wohlgefühlt, doch diesmal packt er seine familiären Traumata direkt an den Hörnern. Dass er für die Aufnahmen aus seiner Wahlheimat Berlin in die Mojave-Wüste zog, half bei diesem Vorhaben: Zum ersten Mal musste er keine Rücksicht auf lärmsensible Nachbarn nehmen, konnte mit voller Wucht echte Drums bearbeiten und seinem sonst oft ins Teilnahmslose lehnenden Gemurmel ungeahnte Gefühlsausbrüche entlocken. Die seit "Deeper" präsenten Industrial-Einflüsse haben den Post-Punk endgültig verdrängt und fräsen "Exister" den Weg frei für eine in den tiefsten Seelenuntergrund bohrende downward spiral.

Vor diesem Hintergrund ist der seinem Titel nur halb gerecht werdende "Sad song" ein interessanter Opener. Zerklüftete Ambient-Landschaften erheben sich, bevor der melodische Gesang einsetzt, der trotz Zeilen wie "I feel sick every day" einen diffusen Optimismus vermittelt. "Answers" löst jedoch gleich alle Versprechen ein. Vasquez klingt hier nicht nur ein bisschen nach Trent Reznor, während er in diesem verzerrten, verglitchten, verhärteten Strudel den Urquell seiner geschundenen Emotionen direkt anspricht: "Mother, will you ever let me in?" Näher am alten The-Soft-Moon-Sound pulsiert "Become the lies" durch die Fabrikhallen-Disco, bettet eine weitere Auseinandersetzung mit der Mutter in eine stoische Basslinie und poppige Falsett-Vocals. Die Monotonie ist hier keine Schwäche, sondern Trumpf, ebenso im langsameren, von Cure-Gitarren durchzogenen "Nada" – das überdies die Frage aufwirft, ob schon jemand auf die Genre-Bezeichnung "Doomwave" gekommen ist. Im Skelett einer Depeche-Mode-Ballade bildet indes "Monster" mit digital manipulierten und organischen Stimmveränderungen Vasquez' verschwommenes Identitätsgefühl ab: "I'm starting to become my other self / Again."

Die neue Selbstsicherheit im Umgang mit der eigenen Stimme prägt "Exister", doch auch die rein instrumentalen Tracks sind reich an Ausdruckskraft. Weder das technoide "The pit" noch der von Sirenen eingeleitete Noise-Punk-Kurzschluss "Stupid child" benötigen Worte, um den Raum mit lange angestauter Wut zu fluten. Ein gänzlich anderes Biest ist der Titeltrack, der zum Albumabschluss ein Gefühl der Besänftigung artikuliert: Besonders die wuchtigen Drums scheinen mit unbeirrbarem Willen Lichtlöcher durch die schwarze Masse stampfen zu wollen. Die ganze Platte ist ein einziger Befreiungsschlag für Vasquez, der im Schaffensprozess genug mit sich ins Reine gekommen ist, um zum ersten Mal Feature-Gäste zu involvieren. Der für seine Arbeiten mit Lil Peep bekannte Producer Fish Narc gibt dem wieder klassischeren Hit "Him" eine derangierte Note, ehe Alli Logout von der Punkband Special Interest den Stressbrocken "Unforgiven" zusammenkeift – wobei der größere Überraschungsmoment Vasquez selbst gehört, wenn er zu Beginn des letztgenannten Songs eine völlig entfesselte Performance abliefert. Manchmal ist so ein wohlplatzierter Schrei ins kalifornische Nirgendwo eben das beste Mittel, um die inneren Dämonen loszuwerden.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Become the lies
  • Nada
  • Unforgiven (feat. Alli Logout)

Tracklist

  1. Sad song
  2. Answers
  3. Become the lies
  4. Face is gone
  5. Monster
  6. The pit
  7. Nada
  8. Stupid child
  9. Him (feat. Fish Narc)
  10. Unforgiven (feat. Alli Logout)
  11. Exister

Gesamtspielzeit: 36:56 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

boneless

Postings: 5436

Registriert seit 13.05.2014

2024-01-20 12:51:10 Uhr
Billboard Italy is claiming that the cause of death was fentanyl overdose: https://billboard.it/musica/electro/silent-servant-the-soft-moon-morti-a-los-angeles/2024/01/19150741/

Wenns stimmt, mal wieder dieses drecks Fentanyl. Traurig.

Das Debüt und die Total Decay Ep hab ich damals in Dauerschleife gehört. Danach wars dann nicht mehr so meins, dennoch einer der herausstechenden Künstler in diesem Bereich. Zum Glück damals live gesehen. Ruhe er in Frieden.

Thomas

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 96

Registriert seit 12.06.2013

2024-01-20 12:21:58 Uhr
Was für eine Scheiße.

https://www.youtube.com/watch?v=uED1KDGVYjY

Leider ironisch treffender Songtitel. Aber der Song zeigt, dass Vasquez seiner Zeit zumindest ein Stück weit voraus war. Post Punk vs. knarzende industrielle Club-Musik hatten beim Erscheinen von "Zeros" noch eher wenige auf dem Schirm. Plus Tracks mit Acts wie Blush Response. Und legendärer Auftritt von Robert Forster im "Wasting"-Video. Ohne Staubsauger.

R.I.P.

Thanksalot

Postings: 548

Registriert seit 28.06.2013

2024-01-20 12:03:31 Uhr
Das ist bitter. Wird mir auf jeden fehlen. RIP.

Talibunny

Postings: 2303

Registriert seit 14.01.2020

2024-01-19 18:47:11 Uhr
Billboard Italy is claiming that the cause of death was fentanyl overdose: https://billboard.it/musica/electro/silent-servant-the-soft-moon-morti-a-los-angeles/2024/01/19150741/

Was für eine Scheisse.

Hab The soft Moon sehr gern gehört.

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 20032

Registriert seit 10.09.2013

2024-01-19 17:58:12 Uhr
Oh nein :/
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