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Kratzen - Zwei

Kratzen- Zwei

Kratzen
VÖ: 23.09.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Motorische Reflexe

Es ist kalt in Deutschland. Das wussten Kratzen aus Köln bereits 2020 auf ihrem selbstbetitelten Debüt in Songs wie "Koalition der Angst" und "Dein Ruin" oder in der Zeile "Wart nur den Winter ab / Er schrumpft die Bäume zum Gerippe." Und das zu einer Zeit, als Energiekrise und Gasumlage noch gar keine Argumente waren. Gegen sozialen Frost hilft nun mal kein Preisdeckel der Welt. Kratzen dürfte das wenigstens musikalisch egal sein: Das Trio heizt auf seinen Platten lieber mit repetitiver Rhythmusgruppe und blickdichten Gitarren-Texturen. Krautwave nennen Melanie Graf, Stefanie Staub und Thomas Mersch das Ganze – und haben vollkommen Recht: Die Altvorderen des Factory-Labels sind in Hörweite, das Kraftwerk in der nächsten Rheinmetropole läuft ächzend auf Hochtouren, Motorik-Beats und Ausdünstungen von Space-Rock sorgen für ein strenges Soundbild, in dem jede kleine Veränderung zum Ereignis wird. Selbstdiagnose: "Klug und kühl". Womit die Essenz von "Zwei" schon auf den Punkt gebracht wäre.

Da lassen sogar die Handclaps zu Beginn des Openers "Die Nacht" aufhorchen, bevor sie sich klaglos in den pumpenden Fluss von "Zwei" einreihen. Ein verkappter Dancefloor-Kracher aus dem unterirdischen Post-Punk-Schuppen? Eher weniger – aber ein umso knackigerer Einstieg in ein Album, das sein Spiel treibt mit Gleichförmigkeit, Repetition und dem diskreten Charme assoziativ ins Getümmel geworfener Textfetzen. Monotonie schadet nie – auch nicht in "Tu crois", das zwar vergleichsweise verführerisch französelt, aber letztendlich doch wirkt, als würde sich Ralf Hütter mit Reimwörterbuch zum Eiffelturm durchfragen. Also gleichsam distanziert und charmant, während die Riffs immer die gleiche Stelle blankschrubben und der wiederkehrende, reflexartige Gitarren-Pliepf bei allem Brodeln und Schieben selbstbewusste kleine Pracht verbreitet. Was Kratzen nicht nur in ihrer relativen Ungooglebarkeit, sondern auch in puncto Hypno-Qualitäten mit den verblichenen britischen – aha – Indie-Krautrockern Appliance eint.

Feinsinnige Licks müssen dabei genauso mit auf die "Reise" wie unsanft hineingrätschende Riffs, ehe die dröhnenden Wuchtbrummen "Unten" und "Alles" von innerer Getriebenheit künden – mit Mersch als ungerührtem Kommentator suburbaner Un-Idylle und (post-)pandemischer Verunsicherung, die auch aus der zaghaft bei Tocotronic anklopfenden Akustik-Skizze "Was uns verbindet" spricht. Nicht der einzige Moment, in dem sich "Zwei" vorübergehend die Ruhe antut: "Still" träumt sich mit arglosen weiblichen Vocals und Glühwürmchen-Orgel in selbstvergessene Stereolab-Lieblichkeit, die kosmische Kurierfahrt "Glauben" stößt als schnittiger Raumgleiter in einen schillernden Spiralnebel vor. Beinahe möchte sich "Zwei" schon entspannt zurücklehnen – doch da macht "Geheimnis" nicht mit, lässt ungemütliche Reverbs zustechen und holt zum Schluss den pointiertesten Bass-Schlagzeug-Groove dieses köstlich schattigen Albums raus. Denn: "Uns verbindet ganz allein die Dunkelheit." Beleuchtungsorgie war gestern.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Die Nacht
  • Alles
  • Glauben
  • Geheimnis

Tracklist

  1. Die Nacht
  2. Tu crois
  3. Reise
  4. Still
  5. Unten
  6. Alles
  7. Klug und kühl
  8. Glauben
  9. Was uns verbindet
  10. Geheimnis

Gesamtspielzeit: 36:35 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

cargo

Postings: 575

Registriert seit 07.06.2016

2022-10-02 10:51:21 Uhr
Danke für die Rezension! Wäre sonst nicht auf dieses tolle Album gestoßen. Genau meine Baustelle.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 23491

Registriert seit 08.01.2012

2022-09-28 21:30:20 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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