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Sudan Archives - Natural brown prom queen

Sudan Archives- Natural brown prom queen

Stones Throw / PIAS / Rough Trade
VÖ: 09.09.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Local motion

Brittney Parks' künstlerische Bewegungen kannten bislang nur zwei Richtungen: vorwärts und nach draußen. Die autodidaktische Violinistin zog früh von Cincinnati nach Los Angeles, sog dort ein ganzes Meer diversester Einflüsse auf und entwickelte ihre eigene Sprache zwischen nordafrikanischem Geigenspiel, experimenteller Elektronik und R'n'B. Ihre Musik steht nie auf der Stelle, strotzt nur so vor Breaks und spuckt in einer solchen Frequenz Hooks aus, dass sie sich trotz aller Überforderung eine seltsame Eingängigkeit bewahrt. Vor diesem Hintergrund überrascht das Konzept von "Natural brown prom queen", Parks' zweitem Album als Sudan Archives: ein Blick zurück in die Kleinstadt-Heimat, auch wenn sich die – fiktive oder autobiografische? – Protagonistin ein paar Extravaganzen vorbehält, wie etwa mit pinkem Pelzbikini und Jeansrock auf ihrem Abschlussball zu erscheinen. "Homecoming" mag hier das Motto lauten, doch an Abenteuerlust mangelt es wahrlich nicht.

Der Opener "Home maker" braucht in diesem Sinne erst einmal eine Minute, um sich zu entscheiden, was für ein Song er sein will. Eine einsame Jazz-Trompete sticht durch ominöse Synths, die immer wieder abstoppen, bevor sich ein satter Boom-Bap-Beat aus dem Nebel materialisiert und Parks uns mit Circe-Stimme in ihr Heim zu locken versucht. "Sometimes I think that If I was lightskin / Then I would get into all the parties / Win all the grammys, make the boys happy / Fuck looking sassy they think I'm sexy", heißt es dann im Quasi-Titeltrack "NBPQ (Topless)", dessen perkussive Kurzschlüsse mit der Tür ins Haus fallen und bis zur finalen Streicher-Klage langsam ausglühen. Das Refrain-Mantra "I'm not average" wird in unterschiedlichen Kontexten mal zum Kampfschrei, mal zur Grübelei voller Selbstzweifel. "Selfish soul" verhandelt das Thema des Ringens mit sich selbst und dem eigenen Körper am Metonym der Haare, setzt dies aber in Kontrast zu seinem akustisch eingestampften Selbstbewusstsein.

Von einem Mini-Rap-Part abgesehen ist es einer der wenigen Songs, die sich von Anfang bis Ende ohne Überraschungen an einer simplen Melodie entlanghangeln. Trotz aller Hochklasse frustriert "Natural brown prom queen" zuweilen ein bisschen, wenn die Kompositionen oder Arrangements Wendungen nehmen, die man sich eigentlich nicht gewünscht hat. Doch im Gesamten erscheinen solche Momente nahezu nichtig, da Parks offenbar die Gedanken ihrer Hörer*innen lesen kann und stets perfekt platzierte Zuckerbrote verteilt. Wer sich etwa darüber ärgert, dass ihr Trademark-Instrument zumeist nur als Hintergrundtextur fungiert, bekommt nach zwei Albumdritteln das besonders prägnante Geigen-Riff von "TDLY (Homegrown land)", das selbst seiner eigenen Dekonstruktion standhält. An anderer Stelle scheint der "ChevyS10" im Soul-Schlamm festzustecken, ehe ihn ein paar Disco-Knallladungen einfach freisprengen.

Dieses nahe Beieinander von Ruhe und rhythmischer Bewegung verdichtet sich in umgekehrter Form auch im Doppel "Freakalizer" und "Homesick (Gorgeous & arrogant)": Ersteres düst trotz Synth-Träne im Knopfloch ohne Verschnaufpause seinen Funk-Groove entlang, während letztgenannte Ballade vier Minuten die Zeit anhält. Die zwei Tracks brechen eine Platte aufs Wesentliche herunter, die trotz ihres eigenständigen, auf positive Weise überladenen Sounds in erster Instanz nicht den Kunst-Kopf, sondern Tanzbein und Gefühlszentrum ins Visier nimmt – auch wenn der Trickreichtum von Parks' Musik zweifelsfrei ihr größtes Faszinosum darstellt. Es ist fast schon ein wenig ironisch, wie die Wahlkalifornierin im finalen "#513" "I'm going back to Cincinnati" verkündet, obwohl dieser Mix aus Achtziger-Bass, Kopfnicker-Beat und Ritualgesängen erneut eine ganz neue Route befährt. Auch mit konzeptioneller Heimatnähe ist der Vorwärtsdrang von Sudan Archives noch lange nicht besänftigt.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Home maker
  • NBPQ (Topless)
  • TDLY (Homegrown land)
  • #513

Tracklist

  1. Home maker
  2. NBPQ (Topless)
  3. Is this real? (Can you hear yourself?)
  4. Ciara
  5. Selfish soul
  6. Loyal (EDD)
  7. OMG BRITT
  8. ChevyS10
  9. Copycat (Broken notions)
  10. It's already done
  11. Flue
  12. TDLY (Homegrown land)
  13. Do your thing (Refreshing springs)
  14. Freakalizer
  15. Homesick (Gorgeous & arrogant)
  16. Milk me
  17. Yellow brick road
  18. #513

Gesamtspielzeit: 53:54 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Yndi

Postings: 321

Registriert seit 23.01.2017

2022-12-30 12:50:18 Uhr
Ja, das ist sehr gut und mit großem Abstand mein Pop/RnB Album des Jahres. Mit 2-4 Songs weniger hätte es vielleicht auch für die top 10 gereicht.

Z4

Postings: 8244

Registriert seit 28.10.2021

2022-12-30 12:46:42 Uhr
Eines der Alben des Jahres in vielen Listen und kein einziger Beitrag? Wtf?

Mir ist es etwas zu lang, aber schon sehr gut. Leider erst durch die Jahreslisten entdeckt.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26377

Registriert seit 08.01.2012

2022-09-05 20:56:28 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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