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Love A - Meisenstaat

Love A- Meisenstaat

Rookie / Indigo / The Orchard
VÖ: 19.08.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Scheiße bis zum Hals

Es sind sehr dünne Wände, die das letzte bisschen Durchhaltevermögen manchmal noch vor dem Einsturz bewahren. Bei den Rheinland-Pfälzern von Love A sind diese Gemäuer auf den letzten Alben schon einige Mal eingebrochen, doch irgendwie haben die Punkrocker sie immer wieder notdürftig zusammengekleistert. Zuletzt gab es beim Nebenprojekt von Sänger Jörkk Mechenbier, der – man möchte fast sagen – Indie-Supergroup Trixsi, aber auch Platz für Humor und sogar den ein oder anderen Kalauer. Geht es nun also auch auf Album Nummer fünf der eigentlich eher skeptisch eingestellten Band optimistischer zu?

Zumindest die Songtitel senden gemischte Signale. Neben den typischen Love-A-Titeln wie "Will und kann nicht mehr" oder dem Pendant "Kann und will nicht mehr", heißt es an anderer Stelle vielversprechend "Alles ist einfach". Eine Antithese zum Mittlerweile-Klassiker "Nichts ist leicht" also, könnte man meinen. Doch fünfeinhalb Jahre nach dem letzten Studioalbum der Band hat sich wenig am Gemütszustand getan. Denn auf den fehlleitenden Satzanfang "Alles ist einfach" folgt sehr schnell die Ernüchterung, wenn Mechenbier fast schon verzweifelt ergänzt: "… zu viel".

Die mental eh schon dünnwändige Talsperre ist in den letzten Jahren also immer weiter voll mit Scheiße gelaufen, durch ihre Risse kommt auch kein Licht mehr und ein kleiner Regen aus Fäkalien sprüht über die Orwellsche Gesellschaftsdystopie, von der Love A erzählen. Mit subversiver, beschwipster Gitarrenmelodie fragt sich beispielsweise "Kann und will nicht mehr", ob die Selbstoptimierung nicht längst zur Überoptimierung geführt hat und man sich selbst ausrangiert. Vor dem Klimawandel kann man sich währenddessen höchstens in Gated Communities blind stellen und der vulgäre Tocotronic-Gegenpol "Analog ist besser" treibt den hedonistischen Wahnsinn auf die Spitze, kackt bei offener Tür und lädt Penisbilder hoch, "weil alle es machen".

Musikalisch tun Love A dazu Love-A-Dinge und haben dafür nervöse Bassläufe und Gitarrenstakkato in den "Meisenstaat" importiert. Das ist zwar durchschaubar, aber Produzent und Schlagzeuger Karl Brausch hat die Regler so ausgerichtet, dass die nötige Dringlichkeit in der Instrumentierung und den scharf beobachteten Zeilen spürbar ist. Jede Nuance des Untergangs ist klar zu hören. Einen kurzen Moment gibt es dann sogar einen Hauch von Hoffnung, wenn Mechenbier in dem Fast-Liebeslied "Aus die Maus" ausdrücklich zum Küssen auffordert, obwohl sein erster Impuls immer die Flucht ist.

Kurz danach bricht der schmutzige, bröckelige Damm dann aber doch und das letzte bisschen Grün wird endgültig von einer trüben Masse begraben: "Hoffnung stirbt zuletzt sterben auch wir / Kaum noch Raum, um Neues zu probieren, während Stillstand weiter expandiert." Sieben Jahre nach 1000 leeren Stühlen findet sich die Fortsetzung im abschließenden "Schlucken oder spucken" in Form von 100.000 Jahren Hamsterrad und 100.000 Stufen zum Schafott. Schwer zu glauben, dass die Wände dieses Mal wieder repariert werden können.

(Arne Lehrke)

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Highlights

  • Will und kann nicht mehr
  • Aus die Maus
  • Schlucken oder spucken

Tracklist

  1. Frag nicht
  2. Will und kann nicht mehr
  3. Meisenstaat
  4. Genau genommen
  5. Klimawandel
  6. Analog ist besser
  7. Kann und will nicht mehr
  8. Achterbahn
  9. Alles ist einfach
  10. Aus die Maus
  11. Schlucken oder spucken

Gesamtspielzeit: 37:27 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

eric

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 2805

Registriert seit 14.06.2013

2022-08-29 15:02:15 Uhr
Ich kann mir kaum vorstellen, dass "Meisenstaat" die etwas rundere, 'zahnlose' Stimmung nicht zufällig hat. Nach dem lauten Aufbegehren (die großartige "Nichts ist neu") folgt nun so ein wenig die Resignation.

Mit dem Titelsong, "Genau genommen gut genug" und "Schlucken oder spucken" sind hier aber schon drei sehr starke Songs mit dabei. Der Rest gut bis okay, aber wohl etwas weniger packend als das Material auf dem Vorgänger.

Sick

Postings: 278

Registriert seit 14.06.2013

2022-08-28 01:38:16 Uhr
Wirklich interessant. Ich finde "Meisenstaat" klingt genau wie die beiden Vorgänger, nur mit etwas schwächeren Songs. Null musikalische Weiterentwicklung. Na ja, zwei, drei Songs für das "Best Of" sind wohl drin...

NeoMath

Postings: 1765

Registriert seit 11.03.2021

2022-08-21 00:25:20 Uhr
Interessant, ich finde das neue Album deutlich frischer und zackiger als die letzten beiden, die ich wiederum eher öde finde.

Kai

User und News-Scout

Postings: 2851

Registriert seit 25.02.2014

2022-08-20 22:58:07 Uhr
Bin bei Glufke (wobei ich die Jagd & Hund mag), hier bleibt wenig hängen...
Vielleicht liegts daran, dass das für mich eher in den Herbst passt aber da fehlts derzeit an vielen Ecken.

Ich find bei einigen Songs auch das Mastering ziemlich flach...

Glufke

Postings: 524

Registriert seit 15.08.2017

2022-08-20 22:00:21 Uhr
Gerade den ersten Durchlauf hinter mir und nach dem grandiosen Vorgänger schon eher enttäuschend. Musikalisch mit ähnlich wenig Biss wie die "Jagd & Hund" und textlich erstaunlich platt. Positiv aufgefallen sind mir bisher nur "Analog ist besser", "Achterbahn" und "Aus die Maus" (wobei sie auch mal wesentlich bessere Songtitel hatten). Vielleicht fehlt mir aber auch gerade die Stimmung dafür..

Gerade nicht besser als 6/10 für mich
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