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Joseph Boys - Reflektor

Joseph Boys- Reflektor

Flight 13 / Indigo
VÖ: 05.08.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Kubistisches Paraboldelikt

Punk-Post-Punk – ein Etikett, das noch nicht allzu viele Bands für sich beansprucht haben. Was es wohl sein mag? Die Quadratur des Kreises? Fünf Akkorde für ein OMG? Oder ein lautstarkes Prost beim alljährlichen Büdchentag in Joseph Boys' Düsseldorfer Heimat? Im Grunde egal: Weiß man, dass sich das Quintett selbst als audiosoziale Punk-Plastik versteht und sein Zweitling "Reflektor" eine parabolspiegelhafte Schallkanone von kubischer Kühle sein will, wird klar, dass sein Name nicht nur ein ausgesucht aberwitziger ist, sondern auch zu kunstscheißiger Überhöhung des eigenen Schaffens einlädt. Ironische Selbstinszenierung beherrschen die Rheinländer nicht nur mittels Marmor-Gesichtsmasken und anonymisierendem Glitzerfummel inzwischen also so gut, dass der Titel "Liebe Du Schwein" nachgerade profan wirkt für einen rau lospunkenden, mitgrölfähigen Zweieinhalbminüter, bei dem sich Amor nicht gerade von seiner besten Seite zeigt. Selbst Thees Uhlmann mag das Stück – ist das jetzt gut oder schlecht?

Sagen wir so: Es ist vielleicht nicht der stärkste Song eines Albums, das konsequentem Stilwillen in Bild und Ton eine omnipräsente Angekotztheit ob der aktuellen Zustände in Gesellschaft und Popmusik entgegensetzt. Oder anders ausgedrückt: Joseph Boys haben mehr drauf als nur das. Zum Beispiel mit "#Demokratie" einen schwer polternden, Reverb-beladenen Einstieg, "Absorber" von Heisskalt nicht unähnlich, aber statt von verspielten Samples von einem unbezähmbaren Groll gegen alle Querdenker und Deutschnationale durchdrungen, die unschuldige Begriffe so lange pervertieren, bis sie nicht mehr zu gebrauchen sind. Ebenfalls ein Dorn im Auge: der "Superlativator", der hier immer einen Tritt mehr in den Hintern bekommt als Du – mit weit aufgerissenen Gitarren und einem aufgebrachten Andi Artelt am Mikro, dem hochstapelnde Dummschwätzer offenbar genauso zuwider sind wie rechte Arschlöcher. Ein Song für jedes Delikt gegen die Menschlichkeit. Und Joseph Boys warten schon mit dem Bestrafungsbesteck.

Auch in der "Stadtdisko" ist jede Menge los, wenn der Bass besonders elastisch prengelt und der Groove schwer atmend in Richtung von Black Rebel Motorcycle Clubs "Stop" abzischt – nicht das einzige von zahlreichen mit knackigem Tanz-Drive ausgestatteten Stücke in Tradition des dynamischen "Rochus"-Highlights "Logische Obsoleszenz". Gleiches gilt für "Detlef Dackel Bottrop", einen swingenden Prekariats-Boogie, der die Riffs detailfreudig zerspringen lässt und bei dem man sich plötzlich sicher ist, dass Punkrock schon immer auf den Dancefloor gehörte. Wenigstens bei Joseph Boys, die auf "Reflektor" zudem mit zwanghaftem Sichnackigmachen in den Sozialen Medien, den dubiosen Segnungen plastischer Chirurgie und Verschwörungstheoretikern Schlitten fahren – und es fertigbringen, eine aus den Fugen geratene Realität mit dunkelgrauer Power und einem Humor abzubilden, die der momentanen Schräglage der Dinge mehr als entsprechen. Wenn das mal keine Kunst ist.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • #Demokratie
  • Superlativator
  • Stadtdisko
  • Detlef Dackel Bottrop

Tracklist

  1. #Demokratie
  2. Superlativator
  3. Stadtdisko
  4. Liebe Du Schwein
  5. Minecraft
  6. KennIchNich
  7. Detlef Dackel Bottrop
  8. Reisen teilen posten
  9. Brazilian Butt
  10. Plastik
  11. Hollywood
  12. Stereotyp
  13. Delirium tremens

Gesamtspielzeit: 44:04 min.

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Armin

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2022-08-05 20:02:06 Uhr - Newsbeitrag
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