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Chat Pile - God's country

Chat Pile- God's country

The Flenser
VÖ: 29.07.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Manchmal hilft nur Schreien

Warum eigentlich? Warum müssen Menschen draußen leben, in der brutalsten Hitze, in der eisigsten Kälte? Erst recht, wenn sich das entsprechende Land seiner unbegrenzten Möglichkeiten rühmt? Schrei doch diese Erkenntnis in maximaler Wut und Verzweiflung hinaus! Wie krass kann das wohl klingen? Chat Pile zeigen es – in beeindruckender Härte. "Why" ist ein Statement, so rau, brutal und abweisend wie sein Thema. Und nur einer der Höhepunkte aus den tiefsten Tiefen von "God’s country", dem Debüt des Quartetts aus Oklahoma City. Ein "chat pile" ist der stumme Zeuge menschlicher Ausbeutung der Natur: das vom Bleibergbau aufgetürmte Restgestein – und in der Heimat der vier im Mittleren Westen der USA immer wieder anzutreffen. Und hier? Ein unablässiger Strudel bis ins bodenlose heruntergestimmter Saiteninstrumente trifft auf die Stimme und Texte von Raygun Busch, der die dazugehörige Grenzerfahrung besorgt: teils sonorer Sprechgesang, teils psychotisch, teils völlig neben der Spur keifender Wüterich.

Chat Pile bewegen sich zwischen Noise-Rock, Punk, Sludge und Industrial und rühren daraus einen apokalyptischen Mix an, der völlig verstört und aus dem es doch kein Entkommen gibt. "God’s country" ist kein bloßer Autounfall – Chat Pile fackeln gleich eine ganze Autobahn ab. Schon der Opener "Slaughterhouse" brilliert mit einer wüsten Mischung aus 1990er-Metal und einer Portion geistiger Durchgeknalltheit in der Stimme, die sonst nur Mike Patton erreicht, und thematisiert die immerwährende Waffengewalt in Amerika. Der "Wicked puppet dance" hingegen wütet schon in den ersten 30 Sekunden los, als müsse hier noch einmal bewiesen werden, wie heftig Industrial auf die Köpfe des Publikums einhämmern kann – und wem das nicht eindrücklich genug war, der erhält mit "Tropical Beaches, Inc." einen noch fieseren, groovenden Zwilling.

Chat Pile sind Eyehategod auf Steroiden, Melvins mit fetterem Bass-Sound, die frühen Nine Inch Nails mit noch mehr Selbstzersetzung – und "God’s country" eine 40-minütige angepisste Bestandsaufnahme eines fertigen Landes. Es hat sich etwas zusammengebraut und diese vier Typen entladen all das innerhalb von neun Songs gänzlich. So wild, dass eine Stop-Taste nötig scheint, die die Band auch vermeintlich selbst einmal drückt: "I don’t care if I burn" knistert in ruhiger Manier vor sich hin, Busch liefert dazu einen klaren Singsang, der trotz Stille sehr passiv-aggressiv wirkt und von einem Schrei in die Realität zurückgeholt wird. Den tonnenschweren Ballast ihres Sounds kontern Chat Pile laut eigener Aussage mit Unmengen an THC, dessen musikalisches Monument hier "grimace_smoking_weed.jpeg" ist – und den genau gegenteiligen Effekt der üblicherweise beruhigen Substanz hat. Neun Minuten lang entwickelt sich dieser Closer – eingangs noch klar strukturiert, zerfasert er immer weiter zu einem absoluten Horrortrip, der eins der in vielerlei Belangen härtesten Alben des Jahres beschließt. Doch hier ist das letzte Wort sicher noch nicht geschrien.

(Klaus Porst)

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Highlights

  • Why
  • Wicked puppet dance
  • Tropical Beaches, Inc.

Tracklist

  1. Slaughterhouse
  2. Why
  3. Pamela
  4. Wicked puppet dance
  5. Anywhere
  6. Tropical Beaches, Inc.
  7. The Mask
  8. I don't care if I burn
  9. grimace_smoking_weed.jpeg

Gesamtspielzeit: 40:21 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Mayakhedive

Postings: 2283

Registriert seit 16.08.2017

2022-08-11 16:21:09 Uhr
Hui, das ist aber wirklich mal ein fies brachialer Brocken von Album, den man kaum besser beenden kann als mit dieser Horronummer "grimace_smoking_weed.jpeg".
Auch der durchgeknallte Vokalist weiß zu gefallen und erinnert mich ganz generell angenehm an Tim Singer von den seligen Kiss it Goodbye.

Wundert mich, dass es hier so leer ist. Das Forum beherbergt ja doch einige Krachliebhaber.

u.x.o.

Postings: 295

Registriert seit 29.08.2019

2022-08-05 23:38:27 Uhr
Läuft seit einer Woche praktisch ununterbrochen. Sehnsüchtig erwartet, hat es meine Erwartungen komplett erfüllt, liegt bei mir bei 8/10, mit starker Tendenz zur 9/10.

Ziemlich sicher in meinen Top 3 des Jahres, battelt sich aktuell mit der Yoo Doo Right um den Spitzenplatz.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22899

Registriert seit 08.01.2012

2022-08-05 20:01:28 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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