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Jamie T - The theory of whatever

Jamie T- The theory of whatever

Polydor / Universal
VÖ: 22.07.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Da isser doch

Als würden Affen Shakespeare schreiben. So beschreibt Jamie Treays, laut eigener Aussage "not a great songwriter", seinen stockenden Arbeitsprozess vor jedem neuen Album – und liefert damit selbst die Erklärung, warum er fast immer so lange braucht, dass "Where is Jamie T?"-Posts durch die Twitter-Feeds seiner Fans zirkulieren. Der Londoner ist und bleibt ein wandelnder Anachronismus. Er hat nahezu keine Social-Media-Präsenz, passt seinen unbeschwerten Sound zwischen The Clash, The Streets und Nuller-Indie-Disco keinen Trends an und hat dennoch verhältnismäßig großen Erfolg: Bis einschließlich "Trick" schafften es alle seine Platten in die britischen Top Five. Wenn er nun also auf der Glastonbury-Bühne seinem Publikum eröffnet, keinen Fick auf dessen Anwesenheit zu geben und das Ende seines Major-Label-Vertrags feiert, muss man sich höchstens ein kleines Bisschen darum sorgen, dass Treays der Musik endgültig den Rücken kehren könnte. Und kann sich stattdessen darüber freuen, dass der in der Vergangenheit von Angstattacken geplagte Mann so befreit wirkt und weiterhin nur seinen eigenen Gesetzen folgt.

Dennoch beginnt Treays' fünftes Album "The theory of whatever" ungewöhnlich. Der Opener "90s cars" samplet This Mortal Coils Coverversion von Big Stars "Kangaroo" und sonnt sich samt an Peter Hook erinnerndem Bass-Riff im Glanz der bittersüßen Lo-Fi-Nostalgie, die auch einem Mac DeMarco durch die Zahnlücke strahlt. Bleibt die schon vorsorglich emporgereckte Faust hier noch in halbhoher Irritation hängen, kann man sie in "The old style raiders" dann doch ganz in die Luft reißen. Es ist derjenige Song, welcher die Platte für Treays selbst "aufgeknackt" hat, was er mit besonders laut knirschenden Gitarren und maximaler Refrain-Inbrunst zelebriert. Diesen Opulenz-Level erreicht sonst nur das Herzschmerz-Lament "Old Republican", bei dem man sich mit jedem Hören wundert, dass gar kein wirkliches Orchester mitspielt. Mit großer Geste kleine, zwischen Mietwohnung und Pub-Eingang spielende Geschichten aus dem Herzen Londons sprechzusingen, beherrscht immer noch kaum jemand so gut wie der 36-Jährige.

Dementsprechend weiß man schnell, dass die Stärken von "The theory of whatever" nicht gerade in der subtilen Introspektion liegen. Sondern eher im Jangle-Pop-Punk von "A million & one new ways to die" oder dem gleichsam explosiven Hit "Between the rocks" – so gleichgültig können Treays seine Fans doch nicht sein, wenn er ihnen weiterhin solche Live-Highlights schenkt. "Everything I write, I feel another vibe ripped", heißt es in letztgenanntem Track als Abrechnung mit der Musikindustrie, doch Treays' Frust kennt auch noch größere Ziele, wie in der zusammen mit Frank Carter ausgeteilten Brexit-Ohrfeige "British hell". "Oligarch houses" stehen indes im Fokus von "Keying Lamborghinis", das den charakteristischen Raps einen tatsächlichen HipHop-Beat samt überraschend düsteren Synth-Drones und verspieltem Piano zur Seite stellt – und damit das stilistische Spektrum der Platte gewinnbringend erweitert.

Ähnliches lässt sich leider nur bedingt über die Balladen sagen, die in ihrer schwankenden Qualität verhindern, dass es für "The theory of whatever" zum ganz großen Wurf reicht. "St. George Wharf Tower" schlingt seine umwerfende Melodie über einen überteuerten Apartment-Komplex in Vauxhall, doch "Thank you" versinkt kurz darauf in einem dösigen Etwas verstrahlter Gesangsharmonien. Das nette Akustikliedchen "Talk is cheap" punktet zumindest mit seinen nackten Bekenntnissen, die von früherer Drogensucht bis zur unerwartet süßlichen Schlussnote "I think I'm still in love with you" reichen. Es sind natürlich nur minimale Makel, weswegen man Trears' Selbsteinschätzung seiner Skills als Songwriter weiterhin entschieden widersprechen muss – und ihm gerne sein eigenes Tempo zugesteht, solange er regelmäßig mit solchen schnodderig-hymnenhaften, aus der Zeit gefallenen Bestandsaufnahmen wieder auftaucht. Wie heißt es so passend im finalen "50,000 unmarked bullets": "Someone's holding on / Someone will not let go."

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • The old style raiders
  • A million & one new ways to die
  • Between the rocks
  • Old Republican

Tracklist

  1. 90s cars
  2. The old style raiders
  3. British hell
  4. The terror of Lambeth love
  5. Keying Lamborghinis
  6. St. George Wharf Tower
  7. A million & one new ways to die
  8. Thank you
  9. Between the rocks
  10. Sabre tooth
  11. Talk is cheap
  12. Old Republican
  13. 50,000 unmarked bullets

Gesamtspielzeit: 41:04 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

myvision

Postings: 29

Registriert seit 15.06.2013

2022-08-08 11:45:33 Uhr
Die Platte macht richtig Spass. Alle Alben bisher auf einem konstant hohem Niveau mit etlichen Perlen.

Francois

Postings: 468

Registriert seit 26.11.2019

2022-07-29 11:03:18 Uhr
„Trick“ und muffig??

Ansonsten eine 8/10 für mich.
einzig Track 3 und 4 für mich jetzt eher schwach

Blablablubb

Postings: 489

Registriert seit 20.04.2014

2022-07-29 08:10:36 Uhr
Ich finde die Rezi eigentlich ganz stimmig. Einige Songs sind wirklich nah am Optimum und das Beste was er seit Längerem gemacht hat, aber andererseits geht dem Album am Ende ein wenig die Puste aus.

"St. George Wharf Tower" ist super!
Für mich sein bestes seit "Kings & Queens". Ich würde würde eine gute 7, also sagen wir 7,5 geben. :)

diggo

Postings: 87

Registriert seit 02.09.2016

2022-07-28 20:20:29 Uhr
„Bewertung sehe ich um mindestens einen Punkt zu niedrig“ - dem kann ich voll zustimmen! Für mich persönlich mein bisheriges Album des Jahres... abwechslungsreich, musikalisch und textlich ausgezeichnet. So stark war er seit „Kings & Queens“ nicht mehr.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22899

Registriert seit 08.01.2012

2022-07-28 19:54:37 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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