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...And You Will Know Us By The Trail Of Dead - XI: Bleed here now

...And You Will Know Us By The Trail Of Dead- XI: Bleed here now

InsideOut / Sony
VÖ: 15.07.2022

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Einmal hin, alles drin

...And You Will Know Us By The Trail Of Dead müssen Musik-Streaming hassen. Es lässt sich nicht anders erklären, warum "X: The godless void and other stories" ohne fließende Übergänge, "Lost songs" mit herausgerissenen Songs oder "The century of self" mit Fehlern in der Tracklist online sind. Verwundern tut dies allerdings wenig, ist ein Trail-Of-Dead-Album schließlich auch außerhalb der Musik immer eine Erweiterung des Mindsets von Frontmann Conrad Keely, mitsamt Zeichnungen und Artworks. Dass "XI: Bleed here now" ein ungewöhnlich schlichtes Cover zur Schau stellt, soll nicht täuschen – das elfte Album könnte als Versuch gelten, das gesamte Banduniversum in nur eine Platte zu packen. Alle Facetten der Band, kurze und epische Stücke, Karrierehighlights und Fragezeichen finden sich in stolzen 22 Tracks auf knapp 75 Minuten wieder. Es ist nicht das beste Werk der Texaner, aber mit Sicherheit das meiste.

Und ja, Trail Of Dead straucheln und stolpern mehr als einmal. "XI: Bleed here now" ist alles andere als perfekt, womöglich mit Absicht ein heilloses Durcheinander, was ein Songtitel wie "Our epic attempts" augenzwinkernd bemerkt. Gleich zwei Intros gönnt es sich – wie gewohnt mit dem gesprochenen Bandnamen, diesmal in verschiedenen Übersetzungen –, nach deren Pomposität überraschenderweise der flockig-poppige "Field song" wartet. "Sounds of horror" ist ein winziges Elektro-Interlude, das weder mit dem vorigen noch dem nachfolgenden Track irgendetwas gemein hat. Und "Taken by the hand" streckt und reckt sich über elf Minuten, die nicht nur durch Keelys gewöhnungsbedürftige Vocal-Abrokatik durchaus zur Geduldsprobe werden können. Dafür entlohnt der interessante Mittelteil für alles. Die Widersprüche sind eingebacken in dieses schier irre Vorhaben. Und doch gehören die Fehler zum Scope dazu. Wer versucht, hier eine kondensierte Version zu basteln, ist wie beim weißen Album der Beatles von vornherein auf dem Holzweg.

Im Gegensatz zu vorigen Werken ist "XI: Bleed here now" wenig an einem kohärenten Spannungsbogen interessiert, sondern zieht an der Hand von einem ins nächste Abenteuer. Die ersten Singles "No confidence" und "Salt in your eyes" verwirrten anfangs mit ihrer bierseligen Rifflaune, blühen aber im Kontext völlig auf. Ersteres fällt zwar zunächst mit dem Stereomix der quadrophonisch konzipierten Stücke eher in die Billy-Corgan-Gedächtniskategorie "Vocals vorne, Band irgendwo da hinten", aber reißt mit der zweiten Hälfte alles raus. Dort findet sich das "Calm as the valley"-Hauptmotiv des Album, welches auch Opener und Closer auffahren. Generell spielen Trail Of Dead gerne das Spiel der kleinen Hinweise und Schnipsel. Ja, das hübsch walzernde "Water tower" bedient sich melodisch bei "Gravity". Aber wer hat zudem das kleine Zitat von "A classic arts showcase" vom seligen "Worlds apart" bemerkt? Und wer möchte sich nicht vom überwältigenden "Golden sail" erst zurück in jene Ära zurückfönen lassen, um in der zweiten Hälfte in einen noch famoseren Kraut-Jam der Marke "Tao of the dead" geworfen zu werden?

Mit dem knapp gehaltenen Punk-Wutbrocken "Kill everyone", heuer Jason Reeces einziger Einstand am Mikro, und dem folgenden akustischen Sensibelchen "Growing divide" stecken zwei aufeinanderfolgende Tracks die imposante Bandbreite ab. Letzteres featured zudem Co-Texaner Britt Daniel von Spoon und verteilt kleine Herzmassagen: "Don't let the sight of the growing divide / Make you give up on humanity." Einer der schönsten Songs der Band, doch nicht der einzige dieser Klasse hier. Das fantastische "Penny candle" verbindet eine schüchterne Strophe, die auch auf den frühen Alben Platz gehabt hätte, mit der späteren Bombast-Phase im Refrain. "Contra mundum" steht in der Tradition von melancholischen Tränenziehern wie "The ghost within" und macht sich Hoffnung: "Tuning through these empty stations / Sound so desperate and devoid of any plan / But maybe someday if we're patient / Then eventually the world will change for us." Die Klimax trifft ins Mark.

Überhaupt ist Keely gefangen zwischen der gereckten Faust und dem Kloß im Hals. "No confidence" stolpert mit juvenilem Übermut in seine kleine Revolutions-Anzettelung. "But only wicked gods would banish us from paradise / Why do they fear our power? / Because evil is what they are." Dass am Schluss "they" zu "we" wird, ist kein Zufall. "XI: Bleed here now" sucht nie die einfachen Antworten. "Redemption comes too soon / But for some, redemption never comes", heißt es im Rausch von "Golden sail". Der Weltschmerz ist allgegenwärtig – in der Melancholie von "Contra mundum" oder "Water tower", in der Wut von "Kill everyone" –, auch wenn die lyrischen Themen die Expansivität der Musik gleichermaßen widerspiegeln. Wer das beschriebene Ritual in "Taken by the hand" entschlüsselt hat, darf sich später im Album auf die Schulter klopfen lassen: "But in real life the strong will still survive / So smile when salt gets in your eyes."

Kurz zuvor tritt Ex-Dresden-Doll Amanda Palmer nach "So divided" ein weiteres Mal in den Bandkosmos ein und duettiert mit Keely im hochdramatischen "Millennium actress". Zu diesem Zeitpunkt ist bereits über eine Stunde dieses Wunderwerks durch und dennoch findet der Track immer noch ein emotionales Zentrum. Erst wenn das soeben zitierte "Salt in your eyes" kurzerhand mal wieder Instrumente zerlegt, statt sich ordentlich zu Ende zu bringen, ist der Weg frei für das wunderhübsche "English magic", oder wie es heißt: "Time for one more love song." Wie der Beginn ist auch der Schluss der Platte episch ausgelegt – wie auch sonst sollte man dieses Mammutwerk beenden? "XI: Bleed here now" ist in vieler Hinsicht Trademark-Pflege, aber durch den allumfassenden Anspruch und den neuen Weg in Sachen Produktion ein auf Album Nummer elf selten gesehenes Wagnis. Höhen und Tiefen, Lachen und Weinen, am Ende Faszination. Eine ganze Diskografie in einer Platte.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Penny candle
  • Growing divide (feat. Britt Daniel)
  • Golden sail
  • Contra mundum

Tracklist

  1. Our epic attempts
  2. Long distance hell
  3. Field song
  4. Penny candle
  5. No confidence
  6. String theme
  7. Kill everyone
  8. Growing divide (feat. Britt Daniel)
  9. Pigments
  10. Golden sail
  11. A life less melancholy
  12. Taken by the hand
  13. Contra mundum
  14. Darkness into light
  15. Water tower
  16. Sounds of horror
  17. Protest streets
  18. The widening gyre
  19. Millennium actress (feat. Amanda Palmer)
  20. Salt in your eyes
  21. English magic
  22. Calm as the valley

Gesamtspielzeit: 74:54 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Hierkannmanparken

Postings: 2912

Registriert seit 22.10.2021

2025-07-24 12:55:04 Uhr
Dabei ist das der eine Moment, den ich wohl niemals vergessen werde von dem Album. :D

Nachdem ich wieder mal damit durch bin, hab ich nicht unbedingt den Impuls, das Album nochmal durchzuhören. Das wird sowas sein, das ich alle paar Jahre mal besuche, glaube ich.

Die Rezi von Felix bringt das Erlebnis echt auf den Punkt. Finde das oft bemerkenswert, wie es Rezessenten gelingt, vorausschauend zu beschreiben, wie sich ein Album für mich nach sehr langer Zeit - nachdem vielleicht auch ein gewisser Hype angeklungen ist - anfühlen wird. Der Gesang in Taken by the Hand ist wirklich nicht geil. :D

didz

Postings: 2934

Registriert seit 29.06.2017

2025-07-24 11:39:30 Uhr
ach sooooo....siehste, so lang hab ich es schon nich mehr gehört :-D

Hierkannmanparken

Postings: 2912

Registriert seit 22.10.2021

2025-07-24 11:05:44 Uhr
@didz schon klar ;) ich zitiere die schräge Übersetzung aus dem Opener.

Meine erste Begeisterung kann ich sehr gut erklären. 40+ Grad-Sommertage, durch die mir die Außenwelt wie ein fremder, lebenswidriger Planet vorkam; Outer Wilds hatte ich gerade angefangen zu zocken; privat: Kündigung und Aufbruch in eine ungewisse Zukunft, und das alles kurz nach Corona. Zu dieser Zeit passte das Album wie die Faust aufs Auge, abenteuerlich, chaotisch, anstrengend, das Unbekannte aber immer auch romantisierend.

didz

Postings: 2934

Registriert seit 29.06.2017

2025-07-24 10:52:42 Uhr
hate to be that guy, aber die übersetzung is nich ganz korrekt ;-)

'...und ihr werdet uns an der spur der toten erkennen'
trifft es eher.

ansonsten...ich hab das album schon länger nich am stück gehört, müsst ich auch mal wieder machen.

Unangemeldeter

Postings: 2378

Registriert seit 15.06.2014

2025-07-24 10:14:14 Uhr
Bei mir leider überhaupt nicht. Kann auch meine erste Begeisterung kaum noch nachvollziehen. Die X ist immer noch großartig, die hier ist bei mir extrem abgestürzt, da funktioniert kaum was.
Zum kompletten Thread

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