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Maggie Rogers - Surrender

Maggie Rogers- Surrender

Debay / Capitol / Universal
VÖ: 29.07.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Zügel locker lassen

Bewunderung und Bürde lasten auf den Schultern der Musterschülerin, die früh ihre Lehrer eingeholt hat. Sechs Jahre ist es nun her, dass Pharrell Williams in seiner Autorität als Produzent die musikalischen Abschlussarbeiten der Studierenden an der New York University kommentierte – und in einem Fall eben keine Worte fand: "I have zero notes for this." "Alaska" hieß der Song, dem Williams so bereits eine ausformulierte Sprache in Perfektion attestierte, Maggie Rogers seine Schreiberin. Wenn nach all den Jahren Texte über die inzwischen 28-Jährige immer noch mit dieser Anekdote einsetzen, hat das verschiedene Gründe: Einerseits befriedigt ein solcher Durchbruch über Nacht freilich den Wunsch nach hollywoodreifen Momenten außerhalb der Leinwand, andererseits überschattet er bis heute ein wenig die Arbeit seiner Protagonistin. Während "Alaska" in der Tat eine schimmernde Melange aus Folk und Dance, Indie und Soul präsentierte, die den vorangegangenen Singer-Songwriter-Alben Rogers' gehörig entflogen war, stand sie zugleich etwas alleine in ihrer Brillianz. Sicher und glatt teilte das anschließende "Heard it in a past life" seine Karten aus, ein paar nette Radio-Ohrwürmer waren das Ergebnis. Aber eben nicht mehr.

Schnitt, drei Jahre später. "Surrender" sucht den Ausbruch im Nachgeben, das heißt vor allem: dem Abbauen von Schranken. Schon die erste Single "That's where I am" formuliert dabei so etwas wie eine neuerliche Selbstverortung: Verschlungenere Gesangsmelodien als auf dem Debüt koppeln sich mit Extravaganzen in der knisternd-elektronischen Produktion, über die sich dann doch so etwas wie ein astreiner Country-Refrain legt. Rasch wird deutlich, dass Rogers diesmal dem inneren Zensor zusetzt, die vibrierende Heterogenität ihrer Genre-Einflüsse auszuspielen bereit ist. Wenn Songs wie der Opener "Overdrive" oder "Honey" zunächst mit dem recht vertrauten Breitwand-Pop des Vorgängers kokettieren, dann geschieht auch dies nicht ohne Risse – vor allem letzterer rockt im Refrain ordentlich drauflos. Auch sonst wirbeln immer wieder bislang kaum vernommene Elemente die Kompositionen auf, brutzelnde Synthies und shoegazige Gitarren versammeln sich zu knackigen Bridges. Und "Symphony" wird mit seinen hypnotischen Chören, synkopierten Rhythmen und sanftem Geplucker gar von einer psychedelischen Brise getragen.

Das energetisch gesungene "Shatter" klingt mitunter so, als wollten sich Format-Radio und Post-Punk gegenseitig wegsprudeln. Im munteren Reigen des Albums folgen darauf zwei akustisch geprägte Balladen, die der Frühphase Rogers' als intime Bandcamp-Singer-Songwriterin zunicken. "Begging for rain" pointiert dabei ein Credo der Platte: "Turning all my faucets loose." Und die kecke Liebeserklärung "I've got a friend" lässt sich kaum irritieren von einem torkelnden Klavier und Hintergrundpalaver, stützt mit einer gezupften Gitarre die betrunkene Freundin auf der Party. Besonders im Mittelteil zelebriert Rogers die bislang besten Songs ihrer Karriere. "Anywhere with you" setzt mit einem melancholisch verwaschenen Ambient-Klavier ein und explodiert später, wenn sich wirbelnder Dream-Pop und unter einem Lo-Fi-Effekt leidenschaftlich ausbrechende Vocals gegenseitig befeuern. Und der epische Indie-Pop von "Horses" sinniert über existentielle Ambivalenzen – "But the truth about dreams is / They're a feeling that meets you in between / What you want and what you really need" –, während Rogers ihre Entfesselung mit spektakulären Vocals in einem Take vollzieht. Auch textlich gesteht sie sich auf "Surrender" mehr Kanten, mehr Sinnlichkeit zu: "Sucking nicotine down my throat / Thinking of you giving head."

Trotz des ein oder anderen weniger mitreißenden Tracks – die Hook des beschwingten Alternative-Dance von "Wait wait" gerät etwas uninspiriert, manche Songs warten vielleicht etwas zu lange auf ihren Clou – löst "Surrender" einen großen Teil des Versprechens ein, das seit Jahren im Raum steht. Nicht zufällig schien dafür eine wilde Feier des Lebens in seinen Facetten und Exzessen nötig, die auch vor musikalischen und thematischen Widersprüchen nicht scheut. Die ungezähmte Freude an Tanz und Erotik, die auch mal kontemplativ innehält, macht "Surrender" zu einem frischen und intensiven Pop-Album. Vor wenigen Monaten schloss Rogers im Übrigen auch noch ein Harvard-Studium ab – aus der einstigen Musterschülerin ist aber längst mehr geworden.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Anywhere with you
  • Horses
  • Symphony

Tracklist

  1. Overdrive
  2. That's where I am
  3. Want want
  4. Anywhere with you
  5. Horses
  6. Be cool
  7. Shatter
  8. Begging for rain
  9. I've got a friend
  10. Honey
  11. Symphony
  12. Different kind of world

Gesamtspielzeit: 46:16 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

köttbullar

Postings: 133

Registriert seit 03.10.2019

2022-08-04 21:01:36 Uhr
Yo stimmt. Und Thats where I am sollte auch auftauchen, dafür horses nicht. Naja, die Subjektivität einer Rezi….

Yndi

Postings: 179

Registriert seit 23.01.2017

2022-08-04 10:39:05 Uhr
Deutlich besser als der Vorgänger, auch wenn der Überhit Shatter da einiges überstrahlt. Wie der es nicht in die Highlights geschafft hat, ist mir ein Rätsel.

köttbullar

Postings: 133

Registriert seit 03.10.2019

2022-08-03 19:59:04 Uhr
Wunderbares Album. Irgendwie wie eine moderne Alanis Morissette. Tolle Songs, super arrangiert und eine dynamisch fordernde Stimme eben wie bei Alanis. Lohnt sich auf jeden Fall für ein paar intensive Durchläufe.

Plattentests.de-Sammelaccount

Postings: 26

Registriert seit 19.07.2022

2022-07-20 21:11:06 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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