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BTS - Proof

BTS- Proof

Big Hit / Republic / Universal
VÖ: 10.06.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Armee der Bunten

Die größte Band der Welt: Viele wollen es sein, wenige haben Anspruch darauf. U2? Der Drang ist da, aber die neuen Sachen erscheinen spärlich und sind schnell vergessen. Coldplay? Hapern gewaltig in ihrer Anbiederung an alle Welten. Immerhin haben sie allerdings verstanden, wer weltweit aktuell das Sagen hat, und für ihre Single "My universe" entsprechende Unterstützung geholt. Denn BTS haben sich nicht einfach nur aus der Masse der K-Pop-Bands hervorgetan. Dank ihrer meinungs- und zahlungskräftigen BTS Army sind die Billboard Hot 100 und andere global verteile Charts fest im Zangengriff. "Proof", die hier besprochene erste Anthologie des bisherigen Schaffens, verkaufte am ersten Tag des Erscheinens weltweit zwei Millionen Exemplare. Zwei. Millionen. Und ja: "verkaufte". Ein guter Zeitpunkt um draufzuschauen: Was ist dran an diesem Septett? Warum sind sie so unfassbar erfolgreich? Und warum kennt der Durchschnittsnormalo trotzdem höchstens ein bis zwei Songs von ihnen?

BTS formierten sich im Jahr 2010 – oder besser: wurden von Big Hit Entertainment formiert –, erst 2013 erschien jedoch ihre erste Single. Der Name steht für "Bangtan Sonyeodan", in etwa "kugelsichere Pfadfinder", was gleichermaßen nerdig wie cool klingt. Vier Sänger und drei Rapper bilden die Truppe, was erklärt, warum ihre ersten Songs sehr raplastig sind – und Hörer, denen nur "Dynamite" oder "Butter" geläufig sind, verblüffen dürften. "No more dream" hat in jedem Fall nichts Knuddeliges an sich, giert nach "big cars and big rings". "Boy in luv" pumpt mit bratzigen Gitarren aus den Boxen und "Danger" fasziniert, wie die aggressiven Strophen mit dem flehend-nervösen Refrain wie Zahnräder ineinander klicken. Die Texte bleiben zum Großteil in Koreanisch, wie im K-Pop üblich mit englischen Textfetzen garniert. Was nur am Anfang komisch wirkt, wenn 이 문장은 한국어로 끝납니다. Gerade diese HipHop-Songs versprühen eine ansteckende Energie. Mehr Synapsen-Overload als "Burning up (Fire)" findet man anderswo selten und in "BTS cypher pt. 3: Killer" stecken mehr Sounds und Ideen, als manch einer in vier Minuten verarbeiten kann.

Dicke Hose ist jedoch nicht der Kern, der BTS ausmacht. Ihre große Gefolgschaft schätzt vor allem auch, dass sie sich Themen wie mentaler Gesundheit widmen und sich zudem von klassischen Männlichkeitsidealen abwenden. Natürlich passiert das alles nicht auf subversive Weise, sondern ist als multimediales und maximalistisches Spektakel bis ins kleinste Detail durchkalkuliert. Dennoch könnten Millionen weltweiter Teens durchaus schlechtere Botschaften erhalten. Und nebenbei bemerkt auch schlechtere Musik. Der Wandel vom kantigen Rapsound hin zu poppigeren Klängen, die schließlich auch zum Durchbruch in Bubbles führten, denen K-Pop bislang ein Buch mit sieben Siegeln war, gerät dementsprechend fließend. Ein hypernervöses "Run" aus dem Jahr 2015 hat mit dem verträumten Discopop von "Stay" fünf Jahre später wenig gemein, aber ein roter Faden lässt sich ziehen. "Proof" tut dies auf zwei Arten.

Die erste Disc reiht die Leadsingles der Band chronologisch auf, dazu gibt es ein Rework des 2013 unveröffentlicht geblieben "Born singer" und den neuen Track "Yet to come (The most beautiful moment)". Beide Dreingaben sind in Ordnung, fallen jedoch hinter die Highlights der Werkschau zurück. Noch interessanter ist CD zwei, die einige Lieblingssongs der BTS-Fans enthält, welche nur Teile der Gruppe oder Solo-Darbietungen featuren, und zugunsten eines besseren Albumgefühls zwischen den Jahren springt. Das schlagfertige "Persona" entzückt mit weirden Stimmchen hinter dem Rap, während "Singularity" als Solo von V völlig reduziert, intim und fesselnd bleibt. Die Dynamik von "Ego" bekommen andere auch nicht ohne Mühe hin. Witzig ist, dass die Tracklist die "Intro"- und "Outro"-Präfixe der Songtitel von ihren Originalwerken beibehält – Details des Nerdtums in der koreanischen Musik.

Ein dritter Silberling aus teils sehr hübschen und vor allem weniger bombastischen Demos bleibt zum Großteil den Käufern der physischen Version vorbehalten – lediglich das neue "For youth" beschließt ebenfalls die digitale Variante als bewegendes Crescendo. Nun sind "nur" zwei Stunden BTS am Stück dennoch ein ordentlicher Batzen, der sich besser in Etappen aufteilen lässt. Dennoch brilliert die Band in allem, was sie hier anfasst: Rap, Trap, Elektro, bissig oder introvertiert, angerockte Klänge oder eben purer Pop. Darf man diese passgenau zugeschnittene Ware gutfinden? Natürlich. BTS gehen aus der nicht zu Unrecht kontroversen K-Pop-Maschinerie jedenfalls mit dickem Plus auf dem Konto und als Ikonen vieler Fans weltweit raus. Hier versteht jemand das Handwerk über alle Maßen, das muss man mindestens respektieren – und darf man feiern.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • No more dream
  • Danger
  • Dynamite
  • Intro: Persona
  • BTS cypher pt. 3: Killer (feat. Supreme Boi)
  • Outro: Ego
  • Singularity

Tracklist

  • Part 1
    1. Born singer
    2. No more dream
    3. N.O
    4. Boy in luv
    5. Danger
    6. I need u
    7. Run
    8. Burning up (Fire)
    9. Blood sweat & tears
    10. Spring day
    11. DNA
    12. Fake love
    13. Idol
    14. Boy with luv (feat. Halsey)
    15. On
    16. Dynamite
    17. Life goes on
    18. Butter
    19. Yet to come
  • Part 2
    1. Run BTS
    2. Intro: Persona
    3. Stay
    4. Moon
    5. Jamais vu
    6. Trivia 轉: Seesaw
    7. BTS cypher pt. 3: Killer (feat. Supreme Boi)
    8. Outro: Ego
    9. Her
    10. Filter
    11. Friends
    12. Singularity
    13. 00:00 (Zero o'clock)
    14. Euphoria
    15. Dimple
  • Part 3
    1. For youth

Gesamtspielzeit: 128:52 min.

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User Beitrag

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 9236

Registriert seit 26.02.2016

2022-07-22 15:24:00 Uhr
Aber wenn man die Strukturen der K-Pop Industrie betrachtet, zu der sie ja nunmal gehören, lässt sich dieser Vorwurf nicht so leicht von der Hand weisen.

Ich habe auch gar nicht behauptet, dass die Musik nicht kalkuliert ist, im Gegenteil. Für mich ist Kalkuliertheit & Zielgruppenzuschnitt nur kein Qualitätsmerkmal und Porcupine Tree dazu eben das Beispiel, dass es auch außerhalb der Popmusik kalkulierte Musik gibt, auch wenn du das hier nicht so empfindest – Interviews sind halt kein Beleg.

Telecaster

Postings: 1265

Registriert seit 14.06.2013

2022-07-22 14:16:59 Uhr
Schade, es geht wohl nicht um Built To Spill hier.

Oceantoolhead

Postings: 2263

Registriert seit 22.09.2014

2022-07-22 13:51:34 Uhr
Aus den Interviews der Jungs nicht. Aber wenn man die Strukturen der K-Pop Industrie betrachtet, zu der sie ja nunmal gehören, lässt sich dieser Vorwurf nicht so leicht von der Hand weisen.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 9236

Registriert seit 26.02.2016

2022-07-21 18:20:47 Uhr
Es ist ziemlich genau das, was die Zielgruppe mögen dürfte und wagt auch nicht wirklich was anderes. Aus den Interviews von BTS lässt sich der Vorwurf der Kalkuliertheit übrigens auch nicht ableiten...

Oceantoolhead

Postings: 2263

Registriert seit 22.09.2014

2022-07-21 15:36:25 Uhr
Ich denke nicht das Wilson beim komponieren des neuen Porcupine Tree Albums einen Markt vor Augen hatte. Das geht aus den Interviews und der dort dargelegten Entstehungsgeschichte 0 hervor.

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