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Joan Shelley - The spur

Joan Shelley- The spur

No Quarter / Cargo
VÖ: 24.06.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Orchester im Babybauch

Einen der denkwürdigsten Auftritte in der Geschichte von "Top of the pops" erlebte die Musikwelt 1989, als eine im siebten Monat schwangere Neneh Cherry ihren Hit "Buffalo stance" darbot. Für ähnlich kinetische Performances ist die Folkerin Joan Shelley ohnehin nicht bekannt, doch immerhin trug diese ihre Tochter Tayla schon genauso lange im Bauch, als sie ihr siebtes Album "The spur" aufnahm. Die Schwangerschaft war neben einer gewissen Pandemie einer der Gründe, warum die sonst so reisefreudige Frau diesmal ein heimatnahes Studio in Kentucky aufsuchte. Dort arbeitete sie mit ihrem Ehemann und musikalischen Partner Nathan Salsburg sowie Produzent James Elkington an einer Platte, die Shelleys charakteristischen Minimalismus den Umständen zum Trotz aufbricht. Unter Mithilfe namhafter Gäste wie Jeff Tweedys Drummer-Sohn Spencer verästeln sich komplexe Arrangements um Kompositionen, die etwa in Writing-Sessions über Zoom bereits kollaborativ entstanden waren. Das ganze Werk prägt ein Spannungsfeld von intimer Häuslichkeit und Unruhe, das in jeder Textzeile und jedem Ton mitschwingt.

"Why not live here?", fragt in diesem Sinne ein Song schon im Titel, obwohl er weiß, dass der Stillstand der angesprochenen, rastlosen Person nur ein temporärer bleiben wird. "Home" ist demnach nicht einfach eine Ode an die Farm, in der Shelley mit ihrer kleinen Familie nun lebt, sondern stellt ein ambiges Verhältnis zu diesem doch sehr diffusen Konzept von Zuhause her: "Stalled in the driveway / The way in or the way out?" Gleich der Opener "Forever blues" zweifelt ob der Vergänglichkeit jedes noch so permanent erscheinenden Lebensabschnitts, wenn er Liebe in metaphorischen Mietverträgen verhandelt, während ein himmlischer Streicher-Schwarm in Formation fliegt. "I hide from the world because I don't know where I end", formuliert "Fawn" als emotionale Konsequenz der ständigen Unsicherheit.

Doch weil in Shelleys Brust mehrere Herzen schlagen, kann der Titeltrack ebenso glaubhaft dazu auffordern, ins Karussell der Existenz beseelt einzusteigen: "We'll dance like we're high / Come on, ride faster now / Till the world's a blur." Das Dobro-Mantra des Stücks beweist darüber hinaus die instrumentale Grazie von "The spur", mit der es subtil, aber vielschichtig über die Einsamkeit von Stimme und Akustikgitarre hinausweist. In "Amberlit morning" übernimmt Bill Callahan mit seinem grummligen Bariton die Rolle des männlichen Duettpartners, die auf früheren Alben zuweilen Will Oldham ausfüllte. Perkussive und elektrische Spitzen schwirren hier um ein gleichsam schönes wie ungeschöntes Naturbild, das sich auch vor toten Tieren nicht versteckt. Das besonders ausdrucksstarke "When the light is dying" porträtiert stattdessen menschliche Innenlandschaften und nutzt als Pinsel Stakkato-Cellos, von Berggipfeln fallende Bläser und Referenzen an eine 2016 verstorbene Songwriter-Legende: "I traced the black outline of every stubborn human thing / Alone on the horizon, 'You want it darker', Leonard sang / Well, the light is dying / Darling, come inside."

An anderer Stelle nimmt "Like the thunder" ein Country-Rock-Sonnenbad samt Fleetwood-Mac-Gesangsharmonien, deren Geister später den Closer "Completely" heimsuchen. Selbst eine zaghaft beginnende Pianoballade wie "Bolt" holt am Ende das Orchester aus der Tasche, doch trotz des verhältnismäßigen Hochbetriebs um sie herum hat Shelley die Kunst der Reduktion freilich nicht verlernt – hörbar vor allem im eindringlichen Lament "Breath for the boy". Das wie ein britisches Traditional klingende "Between rock and sky" verpackt kurz vor Schluss dann das ganze Leben in 110 Sekunden, staunt über das Wunder der Geburt, hat dabei aber bereits den Tod vor Augen – nicht aus Nihilismus, sondern als nötige Erkenntnis, um jedes Glück trotz der über allem schwebenden Flüchtigkeit vollumfänglich genießen und feiern zu können. Ein Hoch auf uns zu singen, sollte schließlich nicht nur künstlerisch bedeutungslosen Kitschbarden vorbehalten bleiben.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Amberlit morning (feat. Bill Callahan)
  • Like the thunder
  • When the light is dying
  • Breath for the boy

Tracklist

  1. Forever blues
  2. The spur
  3. Home
  4. Amberlit morning (feat. Bill Callahan)
  5. Like the thunder
  6. When the light is dying
  7. Breath for the boy
  8. Fawn
  9. Why not live here
  10. Bolt
  11. Between rock and sky
  12. Completely

Gesamtspielzeit: 41:18 min.

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Armin

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2022-07-04 19:34:06 Uhr - Newsbeitrag
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