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Michael Head & The Red Elastic Band - Dear Scott

Michael Head & The Red Elastic Band- Dear Scott

Modern Sky / Rough Trade
VÖ: 03.06.2022

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Transatlantische Buslinie

F. Scott Fitzgerald ist nicht gerade die erste Referenz, die einem bei Michael Head in den Sinn kommt. Die exzessiven "Jazz Age"-Erzählungen des amerikanischen Schriftstellers haben weitaus mehr Glitzer in der Aura als der britische Songwriter, der sich als Mastermind von etwa The Pale Fountains und Shack in die alternative Musikgeschichte seines Heimatlandes eingeschrieben hat, ohne in rund 40 Karriere-Jahren je die Lorbeeren dafür zu ernten. Und doch verweist "Dear Scott", Heads zehnte Platte insgesamt und die zweite mit seiner jungen Red Elastic Band, auf eine Postkarte, die Fitzgerald an sich selbst schrieb, während er im dekadenten "The Garden Of Allah"-Hotel als sich abmühender Screenwriter nüchtern zu bleiben versuchte – ein Kampf, mit dem sich der selbst Suchtproblemen ausgesetzte Head womöglich identifizieren kann. Nicht nur in diesem Sinne schlägt er wieder einmal eine Brücke zwischen der grauen Arbeiterkulisse Liverpools und kalifornischen Palmenschatten: Mit bescheidenem Scouse-Dialekt trägt er seinen Jangle-Pop und psychedelischen Folk-Rock von Westküste zu Westküste, und auch seine Geschichten spannen transatlantische Sehnsuchtsbögen auf.

"I see a light", heißt es direkt im eröffnenden Heizstrahler "Kismet", einem Gitarrenpop-Juwel, das den 60-jährigen Schleifer so zum Strahlen bringt, als hätte er nie etwas Schöneres geschaffen. Ein Fiat Amigo fährt vorbei, Melodien sprießen aus allen Saiten und die im Schlussdrittel einsetzenden Bläser hieven den Song endgültig in jede geschmackssichere Jahresbestenliste. Ähnlich triumphal blüht der Refrain des durch frühlingswarme Hafengassen schlendernden Soul-Rocks von "Broken beauty" auf, der sein Motto "People try to put you down / They won't win" mit Streicher-Ballons in den Himmel schickt. Nicht nur hier zeigt sich die ganze Klasse der Produktion von Ex-The-Coral-Gitarrist Bill Ryder-Jones: Seine ausdrucksstarken orchestralen Arrangements machen Heads Kompositionen ausgehfertig für Hollywood, ohne ihnen je das Rampenlicht zu stehlen oder sie mit unnötigen Gewichten zu behängen. Gerade "The next day" klingt mit seinen Flöten und "Ba-ba-ba"s so leicht, als würden seine Instrumente aus Federn bestehen.

Im ähnlich luftigen "American kid" schwelgt ein nordenglischer Bub im US-kapismus und stößt damit die Tür für eine inhaltlich wie musikalisch fein verästelte zweite Albumhälfte auf. Bei "Fluke" erwacht der Erzähler eines Morgens auf den "boulevards of fractured dreams" und erfährt auf einer Touri-Bus-Tour, wo Al Pacino lebt und Ray Liotta – nun traurigerweise nicht mehr – mit den Nachbarskindern streitet. Los Angeles erstarrt hier in einer halluzinogenen Sepia-Trance, die ansatzlose Uptempo-Passagen wiederholt aufbrechen. Von Mafiafilm-Schauspielern zu echten Gangstern leitet "Gino and Rico" über, das Knarren zum Geburtstag verschenkt und Leichen verscharrt, während es nach ein paar Rhythmuswechseln wieder im Bläser-Walhalla landet. Gibt es eigentlich schon Jangle-Jazz?

Eine weitere Busfahrt steht im Zentrum von "The Ten", diesmal ruckelt Head über die Straßen seiner eigenen Jugend, auch wenn der finale Bossa-Nova-Part die Merseyside kurzzeitig unterhalb des Äquators verortet. Auch "The grass" überrascht per geografischer Verschiebung des Kopfkinos: Slide-Gitarren und heulende Celli projizieren ein Western-Panorama auf die Leinwand, in dem ein zentral platzierter Galopp einen Zugüberfall zu vertonen scheint. Klar, dass nach dieser Ansammlung von Mini-Suites mit dem kurzen Piano-Instrumental "Shirls ghost" nur ein ganz minimalistischer Ausklang folgen kann. Intimität und cineastisches Drama leben auf "Dear Scott" stets im Einklang, womit es das Album schließlich doch schafft, den Geist seines titelgebenden Selbstgesprächs perfekt einzufangen. Wenn Michael Head im Liverpooler Regen die Klampfe auspackt, ist L.A. kaum mehr als ein perlendes Riff entfernt.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Kismet
  • Broken beauty
  • Gino and Rico
  • The grass

Tracklist

  1. Kismet
  2. Broken beauty
  3. The next day
  4. Freedom
  5. American kid
  6. Grace and Eddie
  7. Fluke
  8. Gino and Rico
  9. The grass
  10. The Ten
  11. Pretty child
  12. Shirl's ghost

Gesamtspielzeit: 46:54 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Kalle

Postings: 247

Registriert seit 12.07.2019

2022-06-21 15:10:06 Uhr
Wunderbares Album, das zusätzlich zu den formidablen Songs von der Produktion von Bill Ryder-Jones profitiert.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22687

Registriert seit 08.01.2012

2022-06-16 20:12:59 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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