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Vieux Farka Touré - Les racines

Vieux Farka Touré- Les racines

World Circuit / BMG
VÖ: 10.06.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Den Stammbaum gießen

Es mutet zunächst ein wenig seltsam an: Vieux – der alte – Farka Touré ist eigentlich der junge, zumindest in Relation zu seinem für die Musikszene Malis monumentalen Vater Ali. Der lockte Mitte der 90er Jahre Ry Cooder für eine stilprägende Kollaboration ins Land und machte das kleine Städtchen Niafunké nach und nach zum Epizentrum für jene hypnotisierende, mikrotonale Gitarrenmusik der Songhai, die der kargen Landschaft unweit des Niger eine eigene Mythologie einschreibt. Dass sein Sohn Boureima den Fußstapfen im Sahelstaub folgt, bildet dabei keine Randnotiz, denn die transgenerationale Erzählung spielt in der oral geprägten Geschichte der Region seit jeher eine wichtige Rolle. Auf dessen Debüt vor knapp 15 Jahren hatte der kurz darauf verstorbene Ali Farka Touré noch mitgewirkt, dann ging der Staffelstab über an den Sohn, der – von der Weisheit seiner Ahnen genährt – folgerichtig bereits mit nicht einmal 30 selbst zum "Alten" wurde und in Projekten mit Dave Matthews und dem Jazzgitarristen John Scofield eine neue Richtung einschlug. Ohne aber seine Herkunft aus den Augen zu verlieren: Sein sechstes Album setzt sich offen wie nie mit dieser doppelten Perspektive auseinander, deutet bereits im Titel das zentrale Thema an. "Les racines", die Wurzeln, benennen den Ursprung und fragen danach, wie sich mit Tradition überhaupt umgehen lässt.

"Gabou ni tie" rückt prototypisch an mit bluesigen Licks und Tourés nachdenklich klagendem Gesang, die sich in die Weite ausstreuen, bevor Chöre Orientierung geben. Sukzessive rastet ein kontemplativer Groove ein, immer seltener meldet sich die Stimme zu Wort, also wollte sie ihre Botschaft länger nachwirken lassen auf den Schwingen von Tourés repetitiven Melodien. Dezent gestützt wird seine sich geschmeidig windende Gitarrenarbeit dabei immer wieder von traditionellen Elementen und Instrumenten, die den Songs weitere Textur verleihen: Aufgewühlte Call-and-Response-Passagen zwischen Sänger und weiblichem Chor dynamisieren das Verhältnis von Individuum und Kollektiv in "Ngala kaourene", Flöten wehen dezent durch die Gitarren wie der Rauch nach dem erloschenen Lagerfeuer ("Be together"), Leiern verzieren massive Riffs und den fortwährenden gesanglichen Austausch ("Adou"). Und dann gibt es da wieder und wieder die synkopierten Rhythmen, mit denen sich die melancholische Atmosphäre auf "Les racines" tänzerisch verrückt: "Tinnondirene" zelebriert nach kurzer Spoken-Word-Einlage seinen schwergängig taumelnden Beat, der immer weniger aufzugeben scheint, je müder er wirkt. Und "L’âme" webt tatsächlich eine Hammond-Orgel in seinen verspielten Takt.

Um es klar zu sagen: Für all jene, die mit der musikalischen Landschaft Westafrikas noch nicht allzu vertraut sind, bildet das in Bamako entstandene "Les racines" womöglich nicht den idealen Einstiegspunkt. Im Gegensatz zu den rasanten Rocknummern von Songhoy Blues oder den noisig-schreddernden Sechssaiter-Eskapaden eines Mdou Moctar hält sich Touré bedeckt, zieht sich zurück in die Reflektionen traditioneller Mittel. So bleibt auch das Tempo durchgehend moderat, wohl überlegt werden Fäden miteinander verwoben, das Ensemble wirkt stets konzentriert. Wer jedoch die Geduld und Bereitschaft mitbringt, sich langsam davontreiben zu lassen von Tourés Besuch in der persönlichen und gemeinschaftlichen Vergangenheit, erfährt zahlreiche profunde Einsichten. "Lahidou" entführt mit seinem lyrischen Intro in ein Zwiegespräch aus Gitarre und der harfenähnlichen Kora, über dem der Gesang alt und entrückt klingt. Und dann wäre da noch der umwerfende Titeltrack, bezeichnenderweise ein Instrumental, das tiefere Schichten der Kommunikation freilegt. Auch hier spielt Touré ein zauberhaftes Intro, dann setzen ein wuchtiger Bass und das federleicht-schwermütige Flirren der Kora ein, entwickeln einen majestätischen Sog, der sämtliche geographische und zeitliche Grenzen kurzzeitig zu transzendieren imstande ist. Schwebt hier nicht gar der legendäre Dialog des Vaters mit dem Kora-Virtuosen Toumani Diabaté im Hintergrund, kurz vor Alis Tod aufgenommen? Es sind eben noch Lieder zu singen jenseits der Gegenwart.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Les racines
  • Tinnondirene
  • Lahidou

Tracklist

  1. Gabou ni tie
  2. Ngala kaourene
  3. Les racines
  4. Be together
  5. Tinnondirene
  6. Adou
  7. L'âme
  8. Flany konare
  9. Lahidou
  10. Ndjehene direne

Gesamtspielzeit: 47:22 min.

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Armin

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2022-06-10 11:10:46 Uhr - Newsbeitrag
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