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The Range - Mercury

The Range- Mercury

Domino / GoodToGo
VÖ: 10.06.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 10/10

Nicht auf Pappe

Im Internet richtig Geld verdienen? Dann ruft doch mal James Hinton alias The Range an. Nicht. Beziehungsweise: nicht nötig. Er findet Euch schon. Und zwar auf YouTube, wo der Mann aus New York bereits 2016 für "Potential" nach ausgeklügeltem Suchprinzip wilderte und Gesangsspuren aus möglichst obskuren Clips zog. Eigenen Angaben zufolge machte Hinton sogar einige User ausfindig und beteiligte sie am Erlös seines dritten Albums – ein feiner Zug, auch wenn die mutmaßlichen Beträge BibisBeautyPalace oder Pamela Reif lediglich gepudertes Naserümpfen respektive gelangweiltes Popowackeln entlocken dürften. Aber die produzieren schließlich keinen planvoll verschobenen Elektro, der es sich je nach verpflanzter Vocal-Performance zwischen Post-Dubstep, Downbeat, Neo-R'n'B und HipHop gemütlich macht.

Viel geändert hat sich daran nicht – jedoch hat der Amerikaner zahlreiche zusätzliche instrumentale Ebenen in seine ständig Haken schlagende Musik eingezogen, sodass "Mercury" schnell zum bewusstseinserweiternden Roundtrip von Geklacker nach Geklöppel und wieder zurück wird. Schon das artifizielle Artwork suggeriert: Die morphenden Sounds im Schrauberkeller wirken immer surreeller. Oder wie man es nennen soll, wenn die Vorabsingle "Bicameral" zu einem durchgeschleiften Backbeat losbimmelt und allmählich Four-to-the-floor-Rhythmen und eine raumgreifende Bass-Fläche ins Bild rücken. Als würde Burials "Archangel" nicht mehr ganz nüchtern durch den Nachthimmel eiern, plötzlich doppelt singen und am Ende über einem Friedhof neben dem Motown-Hauptquartier abschmieren. Man könnte auch Über- oder vielmehr Drüber-Tune dazu sagen.

"Do you wanna see me six foot deep?" fragt hingegen der erstaunlich gradlinige, aber auch ordentlich angestochene Rap in "Urethane", während Hinton schwer atmenden Groove und beschwichtigende Glitzer-Synthies wie in einem Reinraumlabor übereinanderschichtet. Zerspanter treibt es "Ricercar", das sich zwar ganz ähnlicher Mittel bedient, die gleichnamige barocke Kompositionsform aber genüsslich mit aufgeregten Percussions und stimmlichem Gehäcksel aushebelt – zwei Tracks, die sich wie vieles auf "Mercury" gegenseitig anziehen und wieder abstoßen und Hinton als Meister des gedämpften Zusammenpralls von Harmonie und Dissonanz zeigen. Und im unruhig wogenden "1995" oder spätestens beim detailverliebt zuckenden und menschelnden Quasi-Torch-Song "Every good thing" wird klar, wie viel Soul das Ganze tatsächlich hat.

Zum Beispiel, wenn der Piano-Taumel von "Not for me" mit unsacht fragmentierten Beats mauschelt oder "Balm" zunächst aus der House-Garage von Paul Woolfords Special Request zu senden scheint, im Grunde aber nur ein behutsames Stück Dream-Pop sein will. Den dicksten Brocken hat man da freilich bereits hinter sich: Mit seiner wurmartigen Sequenz und Geisterstimmen aus der Club-Zwischenwelt fackelt "Relegate" einen wunderbar fidelen Mittneunziger-Rave ab, der die Jahreszahl im Titel viel eher verdient gehabt hätte. Doch so einfach macht Hinton es einem natürlich nicht auf diesem an illustren Querverweisen und Rückgriffen so reichen Album, für das man nicht auf Pappe sein muss, damit das elektronische Langzeitgedächtnis durcheinandergewobbelt wird und dabei gehörig ins Schwitzen kommt. Hat jemand ein Fieberthermometer?

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Bicameral
  • Ricercar
  • Relegate
  • Every good thing

Tracklist

  1. Bicameral
  2. 1995
  3. Urethane
  4. Ricercar
  5. Not for me
  6. Relegate
  7. A tree day
  8. Balm
  9. Cantor
  10. Every good thing
  11. Violet

Gesamtspielzeit: 43:03 min.

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Armin

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2022-06-10 11:09:23 Uhr - Newsbeitrag
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