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Jeshi - Universal credit

Jeshi- Universal credit

Because
VÖ: 27.05.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 2/10

Nothing great about Britain

Eigentlich hatte Ken Loach 2014 seinen Ruhestand verkündet, doch die erneute Wahl einer konservativen Regierung in seinem Heimatland konnte der sozialbewussteste aller britischen Filmemacher nicht auf sich sitzen lassen. Mit "I, Daniel Blake" drehte er eines seiner besten, dringlichsten, wütendsten Werke über einen 59-jährigen Handwerker, dem trotz ärztlich bescheinigter Arbeitsunfähigkeit das Krankengeld verwehrt bleibt. Auch der rund 30 Jahre jüngere Jeshi spürte die Rute der Tory-Politik am eigenen Leib, kennt die eng eingezäunte Welt zwischen Arbeitslosigkeit und Armut. "Universal credit" heißt das Debütalbum des Londoner Rappers, benannt nach der britischen Stütze, auf dem Cover nimmt er unbeeindruckt den Monatsbetrag von 324 Pfund entgegen, den ihm feiernde Anzugträger als Riesen-Scheck überreichen. Dass dieser visuelle Sarkasmus für die eigentliche Platte allerdings nicht prägend ist, weiß man im Grunde schon nach 30 Sekunden, wenn erschreckend plastische Kotzgeräusche eher in Richtung eines humorlosen Realismus weisen. Der aktuellen Renaissance des Conscious-Rap im Vereinigten Königreich fügt Jeshi ein eigenes Porträt hinzu, welches das Leben am Existenzminimum mit betont düsteren Konturen zeichnet.

"Sick of things going wrong and never going right", erklärt gleich der Opener "Sick" und bohrt sich von da nur noch weiter nach unten. Das klaustrophobische Instrumental verschließt sich vor jedem Lichtstrahl, und Jeshi klingt wahrlich so, als würde er im endlosen Zyklus der leeren Exzesse langsam verrückt werden. Partys, Drogen und Alkohol spielen eine gewichtige Rolle in seinen Lyrics, jedoch nicht als glorifizierendes Rap-Klischee, sondern als alternativlose Fluchtwege aus dem Elend, denen eine ganz eigene Tragik innewohnt – nicht zufällig findet die deutlichste Auseinandersetzung damit in einem von traurigen Pianotönen begleiteten Track namens "Killing me slowly" statt. Die blinkenden Synths und Beat-Aussetzer von "Another cigarette" scheinen dann den Rausch direkt vertonen zu wollen, während Feature-Gast Fredwave benommen über die Hook stolpert. Erst das wunderbar soulige "Coffee" verschafft Lockerung und deutet Momente der Zärtlichkeit an, die es auch später noch auf dem Album gibt, wenn etwa "Two mums" von Jeshis Mama und Großmutter erzählt, den zwei Frauen, die ihn großzogen. Auch der Closer "National lottery" findet eine optimistische Schlussnote zwischen glücklichen Kindheitserinnerungen und der unerreichbaren Hoffnung, mit sechs richtig geratenen Zahlen aus dem finanziellen Abgrund zu entkommen.

Doch der Großteil von "Universal credit" versetzt uns in die Perspektive eines Erzählers, der sich so fühlt, wie es ein zentraler Songtitel pointiert: "Hit by a train". Wie geschickt Jeshi den Fokus seiner Geschichten zu erweitern und einzuengen weiß, beweist vor allem das Doppel aus "Generation" und "New hues": Ersteres wird per eingängiger Hook zur Hymne einer zukunftslosen, vernachlässigten Jugend, letzteres verschiebt zu intimeren Klängen den Blick vom gesellschaftlichen zum persönlichen Scheitern. Musikalisch hält sich die Platte die meiste Zeit zurück, bricht nur vereinzelt aus ihrem Nebel konzisen Depri-Raps. "3210" flirtet mit House und Rave, um sein Heil auf der Tanzfläche zu suchen, bevor die markante Stimme Obongjayars "Protein" eine interessante Schraffur verleiht. Der Nigerianer geistert auch in "Violence" umher, einem entrückt-unheimlichen Klagelied auf Gitarre und Klavier, dem man Jeshis Bewunderung für Radiohead tatsächlich ein bisschen anhört. Der lieber auf Anekdoten statt Ambitionen setzende Mann mag noch nicht die Klasse eines Dave, einer Little Simz oder Kae Tempest erreichen, doch spätestens letztgenannter Track verdeutlicht sein Potenzial dazu. Und Künstler*innen, die mit egal welchem Medium das Spotlight auf die Leidtragenden des Kapitalismus werfen, kann es sowieso nie genug geben.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Sick
  • Coffee
  • Violence (feat. Obongjayar & Fredwave)

Tracklist

  1. 1st of the month for the rest of your life...
  2. Sick
  3. Killing me slowly
  4. Another cigarette (feat. Fredwave)
  5. Coffee
  6. Hit by a train
  7. 3210
  8. Generation
  9. New hues
  10. Protein (feat. Obongjayar)
  11. Two mums
  12. Violence (feat. Obongjayar)
  13. National lottery

Gesamtspielzeit: 37:44 min.

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Armin

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2022-06-10 11:08:01 Uhr - Newsbeitrag
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