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INVSN - Let the night love you

INVSN- Let the night love you

Clouds Hill / Warner
VÖ: 03.06.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Mondscheinmusik

Unter anderem mit den Zeilen "The grabbing hands grab all they can / Everything counts in large amounts" haben sich Depeche Mode unsterblich gemacht, und auch thematisch erwies sich Martin Gore einst als Prophet. Obgleich er die sozialen Auswirkungen des libertären Turbo-Kapitalismus womöglich nicht so düster vorhersah, wie sie eintraten respektive noch eintreten werden. Und zwar mit Wucht. Irgendwie schließt sich der Kreis, denn auch einem gewissen Dennis Lyxzén würden die Verse aus "Everything counts", jenem funkelnden Brecher aus 1983, gut zu Gesicht stehen. Angesichts des allzu frühen Todes von Andy Fletcher wird nicht nur der Schwede diesen Song und andere zeitlebens auf Händen tragen. Einst mit Refused den Hardcore komplett auf Links gedreht, als eigenlich keiner dazu bereit war, lud Lyxzèn mit The (International) Noise Conspiracy in liebenswert-penetranter Manier zum revolutinären Mod-Rock-Tanzcamp. Anno 2022 ist die Welt kein Stück menschlicher geworden und der umtriebige Lyxzén mit seiner Post-Punk-Formation INVSN im Sound auf recht breiter Fläche in den Achtzigern angekommen.

Atmete insbesondere das INVSN-Debüt noch Punk- und Indierock-Luft und stapfte der Nachfolger "The beautiful stories" energischer in den Post-Punk-Sumpf, gerät das dritte Album "Let the night love you" mehr auf die spärlich beleuchteten, spröde anmutenden Wave- und Industrial-Pfade der 1980er-Dekade. "Turn on the lights" ist das erste Zeugnis dieses Weges und lebt von einem Rhythmus, der sich vollends dem markanten Basslauf hingibt und den auch Depeche Mode immer mal nutzten, nahtlos hinführend zur Auskopplung "Slow disco". Diesem düsteren, aber zugleich auch luftigen Industrial-Synth-Popper, der hinten raus zur kleinen Hymne mutiert. Auffällig, dass Lyxzén sich am Mikro zurücknimmt, die erhöhte stimmliche Präsenz von Co-Vokalistin Sara Almgren ist über die volle Spielzeit deutlich wahrnehmbar und gehört zum neuen Sound-Plan. Denn "Let the night love you" ist absolut kein lautes, sondern ein mehr vor sich hin dämmerndes, waberndes, kühles Album geworden, das zugleich von fiebriger, unterschwelliger Energie lebt. Man höre das feine "How far have we fallen?", das Nachdenklichkeit und den Hang zur großen Geste vereint.

INVSN erzählen aus dem bewährt sozio-kritischen Blickwinkel in Zeiten, in denen vieles im Überfluss vorhanden ist und dennoch wertlos erscheint. Sie schreiben schöne Songs wie "Stay with me" für das letzte Aufbäumen ganzer Städte in Trümmern, für Idealisten inmitten zerbrechender Gesellschaften und Beziehungen, die weiterhin an eine positive Entwicklung glauben – und daran, nicht vollends verloren zu sein. Auch "Burn baby burn" schleppt sich auf einem Industrial-Thema und zieht mit Intensität weiter in die Platte rein. Kein Zufall, dass die neun Songs 2019 während bloß zwei Wochen in Göteborg hauptsächlich nachts entstanden sind – "ohne Sonnenlicht erschaffen", wie Lyxzén betont. Mit der Home-Ausrüstung wochenlang am neuen Material feilen? Nicht mit INVSN. "Wir wollten dieses Schnappschuss-Gefühl, diese Intensität", beschreibt der Frontmann die Herangehensweise. Jene hört man vor allem "Grind your fingers to the bone", einem knackigen und intensiven Post-Punk-Stück an Position eins der B-Seite. Jene offensive Seite von INVSN muss musikalisch jedoch zurückstecken, wie das flehende "It's a calling" zum Abschluss unterstreicht. Den Anspruch, unsterblich zu werden, verfolgen INVSN eher nicht: Ihr aktueller Sound vereint indes Vergänglichkeit mit Zeitlosigkeit.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Slow disco
  • Grind your fingers to the bone
  • How far have we fallen?

Tracklist

  1. Intro
  2. Turn on the lights
  3. Slow disco
  4. Burn baby burn
  5. Stay with me
  6. Grind your fingers to the bone
  7. Corrupt me
  8. How far have we fallen?
  9. The edge of time
  10. It's a calling

Gesamtspielzeit: 39:40 min.

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User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22687

Registriert seit 08.01.2012

2022-06-02 20:39:44 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

eric

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 2625

Registriert seit 14.06.2013

2022-01-31 09:46:06 Uhr
Für mich auch verwunderlich, wie mittelmäßig Refused klingen, wenngleich an den Sound von damals auch nicht leicht anzuknüpfen ist, eben weil er so zeitlos daherkam. Und wie super der Output von Lyxzén mit INVSN ist, finde beide Alben und die EP recht toll.

The (International) Noise Conspiracy hatten sich auch sehr interessant entwickelt, "Armed love" von 2004 war noch super, wenngleich mehr Sixties und Seventies im Sound. Lost Patrol, da mochte ich auch den Powerpop-Stil am liebsten, wenngleich das Debut mit "Alright" einen echten Hit hat.

Fake Names find ich eher etwas langweilig.

Affengitarre

User und News-Scout

Postings: 9897

Registriert seit 23.07.2014

2022-01-30 23:00:50 Uhr
Dass die Nebenprojekte nicht so nah an Refused sind ist ja eigentlich klar, hauptsache die Musik ist gut. Ich höre mich mal durch, danke!

derdiedas

Postings: 703

Registriert seit 07.01.2016

2022-01-30 22:59:09 Uhr
*"Capitalism stole my virginity", meine ich natürlich

derdiedas

Postings: 703

Registriert seit 07.01.2016

2022-01-30 22:58:13 Uhr
Wirklich nah zu Refused ist musikalisch eigentlich nichts davon (von der politischen Botschaft der Texte her schon eher). INVSN ist eben die Post-Punk/New Wave-Schiene, The (International) Noise Conspiracy eher so Garage Rock. Super eingängig, aber macht auch echt Spaß beim Hören. Als Anspieltip "Capitalism killed my virginity" oder "Smash it Up"

Die Lost Patrol Band Sachen kenn ich auch noch nicht

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