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Lykke Li - Eyeye

Lykke Li- Eyeye

PIAS / Rough Trade
VÖ: 20.05.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Immer wenn es regnet

"There's no hotel / No cigarettes / And you're still in love / With someone else." Auf die Frage, wie viele Alben über gebrochene Herzen sie denn noch schreiben wolle, antwortet Lykke Li mit einem nachdrücklichen "ja". Wo "So sad so sexy" jedoch mit seiner Trap-beeinflussten Mainstream-Ästhetik eher das letzte Wort seines Titels betonte, badet sein Nachfolger auch in akustischer Liebestrauer. Eingangs zitiertes "No hotel" ist nämlich nicht einfach ein ruhiges Intro für Lis fünfte Platte "Eyeye", sondern bildet deren Klangpalette mehr als repräsentativ ab. Die ambitionierte Schwedin wollte alles bewusst anders machen als zuvor und legte sich eine Reihe von Regeln auf: Ohne Clicktracks, ohne Kopfhörer und ohne digitale Instrumente spielte sie das Album komplett in ihrem Schlafzimmer ein und ließ sich bei der Produktion nur von ihrem alten Kumpanen Björn Yttling helfen. Ihr markanter, mit einem billigen Schlagzeug-Mikrofon aufgenommener Gesang steht im Vordergrund, begleitet von ein paar klagenden Gitarren und analogen Synths. Eine 180-Grad-Wende, mit der Li womöglich ein paar der von den dezidiert un-alternativen Pop-Annäherungen des Vorgängers verprellten Fans zurückgewinnen könnte – auch wenn diese Art extremer Lo-Fi-Intimität so ihre eigenen Hürden mitbringt.

"I feel I can't take it anymore / Do you not feel / I feel so alone", leidet die 36-Jährige in "You don't go away" über Saiten, die in ihrer dickflüssigen Schwere so klingen, als würden sie ihre eigenen Tränen aus Pech weinen. Was auf dem Papier wie ein melodramatischer Tauchgang ins Selbstmitleid wirken mag, trifft in der Realität mitten ins Trauerschleierschwarze. Man kauft Li ihren Vortrag komplett ab, zumal sie auch keineswegs untergeht, sondern im Anschluss einige Hoffnungsschimmer ins Wasser lässt. Manchmal muss man bei "Eyeye" an eine Pop-Version von Grouper denken, denn der Akzent liegt weiterhin auf den ersten drei Buchstaben. Seiner minimalistischen Produktion zum Trotz fährt etwa "Highway to your heart" eine einladend funkelnde Hook auf, auch wenn es wieder ein einsames Wiegen unter der Discokugel bleibt: "Get high / But it won't last / I'm still alone." In eine ähnliche Kerbe schlagen "5D" sowie das späte Highlight "Over": Tribal-artige Klopftöne und unheimliches Gepfeife spannen ein stimmungsvolles Panorama für den die ganze Welt umschlingenden Refrain auf, während sich die Erzählerin in Widersprüche verstrickt. "I don't need you / I don't want love", redet sie sich ein, doch es hilft ja alles nichts: "I'm not moving on, no, I'm still in your arms."

Mit ihrer Mischung aus charmant überzeichneten Gothic-Balladen und ebensolchen Sad Bangers nähert sich die Platte also tatsächlich wieder Lis großem Meisterwerk "Wounded rhymes" an. Zwar mag hier nichts die Intensität eines "I know places" oder den Drive eines "Get some" erreichen, doch war dieser Rückschritt zweifelsfrei eine gute Entscheidung. In seiner Verwaschenheit erzeugt das gesamte Werk eine eigentümliche Atmosphäre, besonders konzentriert im zentralen Doppel aus dem Ambient-artigen "Happy hurts" und dem Herzstück "Carousel", das sich im Schlussdrittel in einer unendlich schönen Landschaft aus Synth-Seufzern auflöst. Dazu ringen einem nicht nur die bewusste Askese, sondern auch das multimedial umgesetzte Konzept dahinter Anerkennung ab. Vielleicht freut sich sogar Max Herre darüber, dass "Eyeye" zwar nicht die Quadratur des Kreises, aber von hinten wie von vorne ein rundes Album geworden ist: Der palindromische Titel und die entsprechende Laufzeit sind kein Zufall, sondern formalisieren das Leitthema des ewigen Zyklus romantischer Enttäuschungen. Darüber hinaus sollen einminütige, betont arty gefilmte Loops die Platte bei Erscheinen auch visuell begleiten. Wahrscheinlicher Spoiler: Es wird um gebrochene Herzen gehen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • You don't go away
  • Carousel
  • Over

Tracklist

  1. No hotel
  2. You don't go away
  3. Highway to your heart
  4. Happy hurts
  5. Carousel
  6. 5D
  7. Over
  8. Ü&I

Gesamtspielzeit: 33:33 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Edrol

Postings: 352

Registriert seit 19.10.2018

2022-05-23 15:36:03 Uhr
Wie ihr tolles "I Never Learn" ein schön depressives Herzschmerz-Album. Was will man mehr von Lykke Li?

Highlights:

You Don't Go Away
Highway To Your Heart
Carousel
Over

7,5/10

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22694

Registriert seit 08.01.2012

2022-05-12 20:58:21 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 8195

Registriert seit 26.02.2016

2022-03-27 15:34:51 Uhr - Newsbeitrag
Neues Album am 20.5.22.

Tracklist:

01 “No Hotel”
02 “You Don’t Go Away”
03 “Highway To Your Heart”
04 “Happy Hurts”
05 “Carousel”
06 “5D”
07 “Over”
08 “u&i”

Single:

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