Jonny Greenwood - Bodysong

Jonny Greenwood- Bodysong

Parlophone / EMI
VÖ: 27.10.2003

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Durch Mark und Bein

Jonny Greenwood ist der Typ, dessen Gitarre "Creep" den Hals umdrehte. Er war es, der dem Song die häßliche "Bitte jetzt den Selbstmord begehen"-Stelle reinprügelte. Und seine Telecaster zerlegte "Paranoid android" in handliche Stücke. Jonny Greenwood ist aber auch der Mann, der sich als erster Radiohead gegen den Pop auflehnte. Er brachte betagte Elektrogeräte ins Spiel, fummelte auf der Bühne plötzlich an Transistor-Radios rum, und wurde zur treibenden Kraft hinter den vieldiskutierten Zwillingsalben der Band. Wie bunt es diese getrieben hätten, wenn die Kollegen ihren Kumpel nicht bisweilen ausgebremst hätten, läßt nun "Bodysong" erahnen. Ein Soundtrack-Soloalbum, auf dem es keine einzige Gitarre zu hören gibt. Dafür aber eine ziemlich beeindruckende Zusammenfassung von allem, was Jonny Greenwood sonst noch so kann.

Die Idee hinter dem Film "Bodysong" ist ebenso einfach wie ambitioniert: Regisseur Simon Pummel erzählt anhand zahlloser scheinbar unzusammenhängender Bilder die Geschichte eines gewöhnlichen Menschenlebens. Es gibt keine Dialoge und keinen erklärenden Sprecher, die akustische Unter- und Übermalung der Bilder liegt einzig und allein in den Händen von Jonny Greenwood. Und der läßt die Puppen tanzen. Von zündelnder Minimal-Elektronik über säurespuckenden Free-Jazz bis zur ungeschminkten Kammermusik gibt es all die abgefahrenen Dinge zu hören, an denen man bei Radiohead im neuen Jahrtausend gefallen gefunden hat. Mit dem feinen Unterschied allerdings, daß hier aber auch wirklich gar nichts in schöne Melodien gebettet wurde.

Gleich zu Beginn des ganzen Spuks klingt "Moon trills", als hätte Greenwood einen Ameisenhaufen auf den "Pyramid song" losgelassen. Wenn sein Soundtrack sich danach mysteriös gibt, mit zittrigen Händen brüchige Beats formt und durch gänzlich entmenschlichte Sprachfetzen irritiert, ist das höchstens ein kleines Luftholen vor dem nächsten der sonderbaren Anfälle, die diese Platte regelmäßig heimsuchen. In "Iron swallow" tanzt eine einsame Geige zum trägen Takt des Kontrabasses, während das gnadenlose "Convergence" Percussion jedweder Machart gegeneinander anrennen läßt. Bis einem fast der Kopf platzt. Dabei hat man die Blasinstrumente noch nicht mal gehört.

Im letzten Albumdrittel erhebt sich "Bodysong" zur handfesten Herausforderung. Störgeräusche treten zum Zweikampf an, die Stimmung kippt ins Giftige, und wenn die Bläser sich austoben, fällt saurer Regen von irgendwoher. Bassisten-Bruder Colin schaut unverhofft rein und spielt beim "24 hour charleston" mit - höchstens eine Randnotiz, während die Zügel weiter schleifen und die Klänge mit dämonischer Begeisterung an ihrem Eigenleben werkeln. Irgendwann ist schließlich der Punkt erreicht, an welchem dem regen Treiben mit Worten nicht mehr beizukommen ist. Und man weiß, warum der Film sich auf Bilder und Musik beschränkt.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • Moon trills
  • Iron swallow
  • Splitter
  • Milky drops from heaven

Tracklist

  1. Moon trills
  2. Moon mall
  3. Trench
  4. Iron swallow
  5. Clockwork tin soldiers
  6. Convergence
  7. Nudnik headache
  8. Peartree
  9. Splitter
  10. Bode radio/Glass light/Broken hearts
  11. 24 hour charleston
  12. Milky drops from heaven
  13. Tehellet

Gesamtspielzeit: 44:34 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
simon
2007-11-17 12:24:00 Uhr
Vor allem die B-Seite hats echt drauf! Rhythmisch ausgefallen und irgendwie geil, wunderschöne Streicherparts, irgendwie zugleich lässig, dunkelgroovig und klar.
Wär da mal die neue Radiohead langgegangen!
Matze
2005-11-11 20:59:00 Uhr
Wenn jemand das Album haben möchte:
Ich habe das Album vor kurzem geschenkt bekommen, habe es aber schon.

Die CD ist nagelneu(ungehört) und würde sie für einen sehr guten Preis verkaufen.

Meldet euch.

Matze
matt-web@gmx.de
scholle7
2005-08-10 19:12:58 Uhr
Höre grad die CD an. Beim ersten Mal hab ich sie wegen Arbeit und Zeitmangel mal liegen gelassen. Ach was... nicht mal bis Track 5 oder so durfte sie spielen. Jetzt ist sie grad wieder am Laufen. Ich muss sagen. Schon recht schräg das Ganze, aber ich liebe es wenn Songs, oder eben Soundtracks noch wachsen, und viel Raum für noch unentdeckte Bereiche vorhanden ist. Vor allem das Jazz-Zeug is sehr geil. That's the new Shit.

Für den Moment jedenfalls.

Grüße an das Forum. die scholle
sonic
2005-02-13 23:25:27 Uhr
hab sie jetzt schon ne zeit und höre sie mit ziemlicher regelmässigkeit.
simon
2005-02-13 22:13:34 Uhr
Dann hab ich ja heute abend noch eine gute Tat vollbracht. :)

Ich hab sie mir gestern gekauft und zweimal gehört. Gefällt mir ungemein gut, und sooo schwer find ichs nicht. Vor allem das erste Stück weiß auf Anhieb zu gefallen. Danach wirds ein wenig verworrener, aber die Rythmen sind auf jeden Fall große Klasse. Auch die Streicher mag ich sehr gerne. Hach, ich steh halt auf sowas =D
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