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Billy Woods - Aethiopes

Billy Woods- Aethiopes

Backwoodz
VÖ: 08.04.2022

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Zu Wort kommen

Künstlerische Integrität braucht eine Stimme, kein Gesicht. Mit diesem Credo veröffentlicht Billy Woods seit rund zwei Dekaden famose Alben, die ihm im Underground-Rap längst Kultstatus eingebracht haben, zugleich jegliche Konzessionen an den Mainstream verweigern. Vielmehr klopfen inzwischen dem Experiment zugeneigte Kollegen mit größerem Resonanzraum bei ihm an: Auf Earl Sweatshirts jüngstem Album "Sick!" tauchte er beispielweise als Teil des Duos Armand Hammer auf. Die wenigen veröffentlichten Fotografien zeigen ihn meist verpixelt, und dennoch existieren biographische Quellen zu Woods, die einen ersten Zugang gewähren mögen zu einem gleichermaßen enigmatischen wie profilierten Künstler. Die Mutter Literaturprofessorin, der Vater marxistischer Freiheitskämpfer, so verbrachte er unter verschiedensten Vorzeichen seine Kindheit in Washington, Simbabwe und New York. Relevant ist das vor allem für seinen ästhetischen Weitblick: messerscharfe Milieustudien, komplexe Wortspiele und ein globaler Zugang zu postkolonialen Diskursen prägen seine Texte auch auf "Aethiopes". Preservations vielschichtige Produktion grundiert sie mit düsterem Ambient-Jazz, Percussion-lastigen Beats in Zeitlupe und obskuren Samples – heraus kommt nicht weniger als ein Meisterwerk, auf dem kein Vers verschwendet wird.

"Asylum" beginnt mit Schlaglichtern aus Woods' Kindheit im Süden Afrikas, die Bilder gestochen scharf, während das jazzige Instrumental nur in der Hook die Saxofone voranpreschen lässt: "Avocado tree hang over the property line / I watch from as high as I can climb / The dog looks up and whines, the hills are alive with land mines." Das angedeutete Unheil potenziert sich in der Folge: "Sauvage" und "Wharves" legen mit klirrenden Percussions und grollendem Bass den exotisierenden Blick der Imperialisten frei; letzteres endet mit Field Recordings aus der Kolonialzeit, in der ein Mann mit dünner Stimme auf Deutsch die Überreste eines angeblich von Kannibalen bewohnten Hauses kommentiert. Historisches Trauma umfängt das Subjekt, auch in Boldy James' Strophe: "Dug down in my soul and did some soul searchin' / All I found was a police report for a missin' person." In der Folge drehen Preservations klaustrophobische Intrumentals die Schraube immer enger: "The doldrums" und seine titelgebenden Flauten bewegen sich mit synkopiert-taumelndem Beat und dissonanten Gitarrenfiguren auf den völligen Stillstand zu, als warteten sie auf Godot. "Haarlem" zerfällt in der zweiten Hälfte auf aberwitzige Weise in seine Einzelteile, klingt wie ein verstimmtes Klavier, das dem Abgrund entgegenstürzt. Und "Christine" wandert träge umher zwischen Film noir und Stephen Kings Horror, in den sich die tiefmelancholische Stimmung des Kindes mischt, das seine Umwelt nicht versteht: "Inflatable sky dancer said 'No money down' / Every sign said, 'If you lived here, you'd be home now'."

Woods' zahlreiche Features – von denen Run-The-Jewels-Mitglied El-P wohl das prominenteste darstellt – stören tatsächlich zu keinem Zeitpunkt den Fluss des Albums. Eher erweitern sie die verstörenden, verschachtelten Erzählungen der Tracks zu einer gemeinschaftlichen Perspektive, die zwischen abstrakten Stimmungsbildern, historischen Kommentaren und poetischer Lust an der Sprache pendelt. "NYNEX" eröffnet mit einem apokalyptisch-verwackelten Beat, zu dem Woods sein ganzes Repertoire auffährt: "Quinine powder and alcohol, stir until dissolved / The future isn't flying cars, it's Rachel Dolezal absolved / It's autonomous computers sendin' shooters back in time at the behest of defunct message boards." Mit der Hook und Elucids Strophen entwickelt sich eine manische Feier von 80s-Oldschool-Rhythmen, wahnsinnige Harmonika inklusive. Selten hat jemand das Konzept von "Back to the future" wohl so radikal gegen den Strich gebürstet.

Die literarischen Referenzen, mit denen Woods so mühelos hantiert, sind dabei mannigfaltig. Immer wieder tauchen Bezüge zum nigerianischen Nobelpreisträger Wole Soyinka auf, aber auch Albert Camus, Mark Twain, Shakespeare, die Bibel, ägyptische und westafrikanische Geschichte und Mythologie werden engmaschig und so subtil verwoben, dass sie nie als Selbstzweck erscheinen. Zum Abschluss belegt Woods zudem noch einmal, wie sehr seine Finesse auch emotionale Wirkung zu entfalten vermag. "Remorseless" zehrt von einem berührenden Synthie-Sample des polnischen Songwriters Czeslaw Niemen, auf dem Woods davonschwebt: "Treat African proverbs like Vegas flyers, I float above the peasants." Und der Closer "Smith + cross" vermählt auf humorvolle wie notwendige Weise die eigene Lebenswirklichkeit mit revolutionärem Geist: "Power cuts, no ice, so the Cuba Libre's strong." Doch als sich darin gerade so etwas wie ein Esprit des Aufbruchs etablieren will, schließt Woods mit einem erschütternden Bild, das ebenso lange nachhallen wird wie dieses Album: "Fire in the cane fields, generational trauma / At the museum, eyes glassy from the pain pills / Me and her in the diorama."

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Asylum
  • The doldrums
  • NYNEX
  • Remorseless
  • Smith + cross

Tracklist

  1. Asylum
  2. No hard feelings
  3. Wharves
  4. Sauvage (feat. Boldy James & Gabe Nandez)
  5. The Doldrums
  6. NYNEX (feat. ELUCID, Denmark Vessey & Quelle Chris)
  7. Christine (feat. Mike Ladd)
  8. Heavy water (feat. Breeze Brewin & El-P)Haarlem (feat. Fatboi Sharif)
  9. Versailles (feat. Despot)
  10. Protoevangelium (feat. Shinehead)
  11. Remorseless
  12. Smith + cross

Gesamtspielzeit: 39:04 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

maxlivno

Postings: 2486

Registriert seit 25.05.2017

2022-05-07 19:46:04 Uhr
Remorseless ist so stark

DerMeister

Postings: 800

Registriert seit 22.06.2013

2022-05-07 19:27:47 Uhr
Finde ich auch gut dass die hier nicht ignoriert wird. In meiner Top 10 des Jahres bisher.

Kojiro

Postings: 1417

Registriert seit 26.12.2018

2022-05-05 21:50:04 Uhr
Schön, dass das Album eine solch ausführliche und gute Rezension erfährt. Billy Woods ist - in der Tat - ein sehr spannender und v.a. eloquenter (Underground-)Act. "Hiding Places" mochte ich extrem gerne. War eines der Top Alben 2019.

Kann hier jedem empfehlen, in das neue sowie das von mir genannte "Hiding Places" reinzuhören. Und wer Gefallen an Woods hat, sollte sich auch mit Roc Marciano und KA beschäftigen.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22687

Registriert seit 08.01.2012

2022-05-05 20:22:19 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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