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The Regrettes - Further joy

The Regrettes- Further joy

Warner
VÖ: 08.04.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Dance the pain away

Als Lydia Night die erste Inkarnation von The Regrettes gründete, war sie gerade einmal zwölf Jahre alt. Klar, dass all die inneren Turbulenzen, die zum Erwachsenwerden so dazugehören, im Zuge des raschen Aufstiegs des Riot-Grrrl-inspirierten Vieres ein wenig in den Hintergrund rückten. Erst eine gewisse Pandemie bremste den Zyklus von Touren und Albumaufnahmen aus und zwang die 2000 geborene Night dazu, ihr vernachlässigtes Seelenleben auszuleuchten – wobei sie gleichzeitig auch die musikalische Ausrichtung ihrer Band hinterfragte. Vergruben die ersten beiden Platten noch große Hooks unter viel Krach und Punk-Energie, zelebriert "Further joy" nun die Lust am Pop in aller Offenherzigkeit. Als Verrat an der heiligen Gitarre werden diverse Indie-Nasen diesen Schritt sicher missbilligen, doch tatsächlich stellen The Regrettes damit schlicht den schon immer bestehenden Kern ihrer Identität ins Spotlight. Night wollte sich nach eigener Aussage nicht mehr darum kümmern, was irgendwelche 50-jährigen Dads in den Ecken abgeranzter Clubs von ihr denken, sondern das machen, worauf sie und ihr Gespann Bock hatten: ein tanz- und mitsingbares, auf einer Mainstream-Synth-Ästhetik fußendes Pop-Album. Und ist diese Attitüde, losgelöst von allen Erwartungen das eigene Ding durchzuziehen, nicht die wahre Essenz von Punk?

Zumal "Further joy" keinesfalls banal daherkommt, da sich unter seiner glattgeschliffenen Oberfläche eine textliche Geröllebene versteckt. "Anxieties (Out of time)" trägt sein Thema bereits im Titel und setzt damit seine von einem nervösen Instrumental begleitete Kinderliedmelodie in einen ernsteren Kontext, ehe "Monday" mit seinen "yeah yeah yeah"s schon am Wochenanfang in eine Existenzkrise rutscht. Mit der erfreulichen Direktheit ihrer Generation gesegnet, geht Night schonungslos mit ihren mentalen Krankheiten und Selbstzweifeln um, was einen beim freudigen Hüpfen durch die Wohnung immer wieder innehalten lässt. Man würde nicht vermuten, dass der fidele Elektropop-Ohrwurm "Barely on my mind" eine toxische Beziehung behandelt, doch genau das ist der Fall: "Sinkin' in your teeth actin' like you're sweet, car crash / Follow me around, hold me 'til I drown, whiplash." Im Hängematten-Banger "Subtleties (Never giving up on you)" zwitschern sogar die Vögel, während die Erzählerin seelenruhig von ihrer Dysmorphophobie erzählt. The Regrettes beherrschen das Spiel mit den Kontrasten und lassen selbst in einem aufs erste Ohr so unbeschwerten Sommerhit wie "La di da" metaphorische Nadeln über die Wirbelsäule schleifen.

Im Gegensatz dazu wählt "You're so fucking pretty" ein zurückhaltenderes Piano-Arrangement, um den Ton von Nights Introspektion zu treffen, die mit ihrer Bisexualität ins Reine kommt. Ohne aus ihren Pop-Schemata grundsätzlich auszubrechen, gestaltet sich die Platte generell recht variabel. Man höre allein, wie der sehnsüchtige Synth-Schmachter "Homesick" in "Better now" übergeht, einen zuckrigen Indie-Rocker, der die Gitarre als dominantes Instrument wieder ins Boot holt. Das verschleppte "That's what makes me love you" hätte sich indes auch gut auf Hayley Williams' tollem "Petals for armor" gemacht, und "Rosy" buddelt irgendwo in der Einöde des Cover-Fotos eine kleine Funk-Wurzel aus. "You can't live at all unless you can live fully now", lautet ein Zitat des britischen Schriftstellers Alan Watts, das durch sein prominentes Sample in "Nowhere" zum Motto des Albums wird. Zum ersten Mal scheinen sich The Regrettes vollumfänglich wohl in ihrer Haut zu fühlen, finden im neuen Sound nicht nur das Mittel, sich ihre Schmerzen, Ängste und Unsicherheiten von der Seele zu tanzen, sondern auch deren unmittelbarste Ausdrucksform – die negativen Emotionen einfach unter den Teppich zu kehren, wäre schließlich auch ungesund, gehören sie zum Leben schlicht dazu. Oder, wie es die finale Achtziger-Perle "Show me you want me" treffend pontiert: "You could break my heart / But that makes us alive."

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Barely on my mind
  • La di da
  • Better now
  • Show me you want me

Tracklist

  1. Anxieties (Out of time)
  2. Monday
  3. That's what makes me love you
  4. Barely on my mind
  5. Subtleties (Never giving up on you)
  6. La di da
  7. Homesick
  8. Better now
  9. Rosy
  10. You're so fucking pretty
  11. Step 9
  12. Nowhere
  13. Show me you want me

Gesamtspielzeit: 43:41 min.

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Armin

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2022-05-05 20:21:24 Uhr - Newsbeitrag
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