Listen



Banner, 120 x 600, mit Claim


Tomberlin - I don't know who needs to hear this...

Tomberlin- I don't know who needs to hear this...

Saddle Creek / Rough Trade
VÖ: 29.04.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Bury my heart at Saddle Creek

Nebraska oder Kentucky, Hauptsache irgendwo tief im limbischen System. Sarah Beth Tomberlin mag geografisch etwas zu weit östlich für den von Bright Eyes und Co. kultivierten "Omaha Sound" verortet sein, doch ihre Musik befähigt sie mühelos dazu, die Fackel des legendären Saddle-Creek-Labels weiterzutragen. Die in Louisville aufgewachsene Frau macht folkigen Indie-Rock, der es mit feinsinnigen Arrangements in erster und direktester Linie auf unsere Emotionen abgesehen hat. Die Stimme stellt uns unmittelbar die Nackenhaare auf, die Worte wollen tief in unser Fleisch dringen, die Melodien fest unsere Herzen ummanteln. "I don't know who needs to hear this…" zweifelt der schüchterne Albumtitel und übt sich damit in astreinem Understatement. Geschundene Seelen, die genau diese Form akustischer Empathie brauchen, gibt es schließlich genug auf der Welt. Und Tomberlin hat Verbandszeug für sie alle im Gitarrenkoffer.

Einen "Altar für die Gefühle" soll die Platte laut eigener Aussage errichten, was die künstlerischen Attribute der Pastorentochter wunderbar verdichtet. Wie bereits auf dem Vorgänger "At weddings" verliert man sich beim Hören zuweilen in der atmosphärischen Gravitas kirchlicher Stille. Der Opener "Easy" macht gleich den Raum zum Instrument: Tomberlins Organ streift über einen fragilen Beat und einsam verhallende Tastenanschläge, schwillt von Drones begleitet zu einem kleinen Refrain an, während jeder nicht gespielte Ton genauso präsent ist wie die tatsächlichen Klänge. Die Songs wahren sich auch im weiteren Verlauf einen diffusen Aggregatszustand, der sie in mindestens die gleiche Nähe zum Ambient-Folk einer Grouper wie zu den klassischen Saddle-Creek-Tugenden rückt. Doch diesmal schneidet Tomberlin ihre minimalistischen Kompositionen an einigen Ecken auf, um sie mit Band-Akzenten, Synth-Texturen und dezent jazzigen Holzbläsern anzureichern.

So prägen perkussives Zittern und ein nervöser Bass das suchende "Tap", das einen ganzen Wald von instrumentalen Seufzern und teils dissonanten Geräuschen durchrauschen lässt. Die Erzählerin versinkt in Selbstzweifeln und großen existenziellen Fragen, möchte sich in einen Baum verwandeln und mehr schlafen, bis sich eine unaufhaltsame Erkenntnis Bahn bricht: "I'm not a singer / I'm just someone who's guilty." Die etwas lebendigeren Arrangements hindern die 27-Jährige freilich nicht daran, mit ihren Texten regelmäßig die Zeit anzuhalten. Das von Orgeln und erwartungsvollen Saiten erwärmte "Sunstruck" trägt mit unmissverständlicher Bildsprache eine innerlich längst verrottete Beziehung zu Grabe: "Left you alone or I did my best / Not to water a garden that didn't want to live / There were signs of life but it wasn't my land / And I had my own to tend and I'd forgotten it." Am Ende des Tracks keimt die Hoffnung und das anschließende Saxofon von "Collect caller" erklingt in Erleichterung.

Die Subtilität der Musik und der ebenso entrückte wie intime Gesang vermögen es zusammen mit den schonungslosen Geschichten, uns gleichzeitig einzulullen und unsere eigenen Gefühlstumulte schmerzhaft wie trostvoll ans Licht zu holen. An ganz wenigen Stellen ermüdet dieser so langsam und weitflächig ausgebreitete Verzicht auf hörbare Höhepunkte etwas, beispielsweise im sich endlos wiederholenden Schlaflied-Closer "Idkwntht". Doch strahlen dadurch diejenigen Momente besonders hell, in denen Tomberlin ungewohnt laut nach vorne prescht, etwa wenn sich in "Stoned", einem vor Aufbruch knisternden Emo-Rocker, ihre Stimme überschlägt und sie Fanfaren aus Verzerrung die Bühne bereitet. Und auch "Happy accident" gibt sich unter einem Wasserfall herrlich sprudelnder Gitarren der pursten Katharsis hin. Die von ihren Ängsten und Sorgen oft so eingeschnürte Amerikanerin hat sich einen solchen Befreiungsschlag mehr als verdient.

(Marvin Tyczkowski)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen bei Amazon / JPC

Highlights

  • Easy
  • Stoned
  • Happy accident

Tracklist

  1. Easy
  2. Born again runner
  3. Tap
  4. Memory
  5. Unsaid
  6. Sunstruck
  7. Collect caller
  8. Stoned
  9. Happy accident
  10. Possessed
  11. Idkwntht

Gesamtspielzeit: 50:07 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Mr Oh so

Postings: 2155

Registriert seit 13.06.2013

2022-05-27 13:03:14 Uhr
Also ich hab sie hier schon vorliegen.

peter73

Postings: 962

Registriert seit 14.09.2020

2022-05-04 13:13:27 Uhr
ach kacke, die cd kommt erst am 10. juni raus...
bis dahin muss ich wohl mit der mp3-version vorlieb nehmen :/

peter73

Postings: 962

Registriert seit 14.09.2020

2022-05-04 13:11:07 Uhr
echt schönes ding! hab mir das neue album UND den vorgänger bestellt, die dame ist mir bis dato irgendwie durchgerutscht...

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22694

Registriert seit 08.01.2012

2022-04-27 20:49:23 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify