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Tim Kasher - Middling age

Tim Kasher- Middling age

Thirty Something
VÖ: 15.04.2022

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Schöne Aussicht

"Don't wanna live in the now / Don't wanna know what I know." So hieß es des Hier und Jetzt ziemlich überdrüssig 2008 auf Cursives "Mama, I'm swollen". Tim Kasher halt, der alte Berufsskeptiker. Ein Status, der auch aus seinen Soloplatten "The game of monogamy" oder "Adult film" sprach: Liebe, Treue, potenziell prekäres Künstlerdasein und die Albträume, die man jeden Tag nach dem Aufwachen erlebt – es bleibt schwierig. Auch auf Kashers viertem Album "Middling age", wobei dem inzwischen 47-Jährigen die Erkenntnis dämmert: Heute ist zwar irgendwie doof, aber früher war auch scheiße. Midlife Crisis de luxe, wie bereits der Titel andeutet, aber immerhin stellt das Cover einen Lebensabend unter südlicher Sonne in Aussicht. Oder doch eher in der Klinik unter Palmen? Möglich, aber auch egal – erst mal müssen wir uns um die lästige Realität kümmern.

Und die sieht 2022 nicht viel rosiger aus als zu Zeiten von "The game of monogamy", wenn Kasher in "I don't think about you" die Mängelliste jahrelangen Zusammenlebens überschlägt: ungelenke Zweisamkeit im Bad, während sie unter der Dusche steht und er auf dem Klodeckel sitzt, lächerlich großes Doppelbett auf Wunsch einer einzelnen Dame, im Streit zerdepperte Hochzeitsgeschenke als brüchiges Unterpfand einer allmählich Risse zeigenden Ehe. Es ist dem Mann aus Omaha hoch anzurechnen, dass er eine so trübe Bestandsaufnahme in ein flockig-trostreiches Stück Americana-Folk einwickelt und mit dem deprimierenden Lebenslauf aus "You don't gotta beat yourself up about it" genauso verfährt: "We complete education / Then snag a vocation / And then maybe a retirement party / Life's work and then you die." Arbeit tadelt, Songs wie diese nicht.

Dennoch: Hätte Kasher das ursprünglich geplante Akustik-Album konsequent in die Tat umgesetzt, wäre aus "Middling age" auf Dauer wohl eine arg spröde, vielleicht sogar fade Angelegenheit geworden – und den Dämonen von Kindheit und Jugend, die er zuweilen exorziert, nicht gerade angemessen. Wir erinnern uns: Früher war auch scheiße. Zum Beispiel wegen des Serienmörders John Joubert, der in den Achtzigern drei Zeitungsjungen umbrachte und dem kleinen Tim solche Angst einjagte, dass er im Traum eine nach dem Killer benannte Band gründete. Entsprechend erinnert "The John Jouberts" an dessen Opfer und knatscht und rumort ansatzweise im Stil psychotischer Meisterwerke wie "The ugly organ" oder The Paper Chases "Now you are one of us" – freilich, ohne deren Klasse zu erreichen. Einige tolle Momente hat Kasher trotzdem auf der Pfanne.

Etwa den nervösen, an Bläser-Plärren und sägendem Cello geschärften Uptempo-Shuffle "On my knees", der dem Begriff Gottesfurcht ganz neue Seiten abringt: "Not scared of hell / Went to Catholic school / I found Jesus / To be a terrifying presence in my life." Und wenn Kasher schon zu Lebzeiten so lichterloh brennt wie hier oder in der hektischen Selbstoptimierungs-Parodie "Life coach", ist er gerüstet für die Kehrwoche im Fegefeuer. Und für die Zukunft als liebenswerter Zombie im wunderbar ausladenden Abschluss "Forever of the living dead". Laura Jane Grace leidet als zweite Stimme mit, der Weg zur Hölle ist mit schmierigen Saxofonen gepflastert, in Intro und Outro bringt sich seine neunjährige Nichte schon mal als Songwriterin der nächsten Generation in Stellung. Für uns mittelalte Säcke bleibt nur der Nachtfrost auf dem Friedhof. Schöne Aussichten.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • I don't think about you
  • On my knees
  • Forever of the living dead

Tracklist

  1. Middling age anxiety prologue (feat. "Long days" by Natalie Tetro)
  2. I don't think about you
  3. What are we doing
  4. The John Jouberts
  5. 100 ways to paint a bowl of limes
  6. On my knees
  7. You don't gotta beat yourself up about it
  8. Life coach
  9. Whisper your death wish
  10. Up and cut me loose
  11. Forever of the living dead

Gesamtspielzeit: 40:17 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22688

Registriert seit 08.01.2012

2022-04-27 20:47:50 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Kai

Postings: 1481

Registriert seit 25.02.2014

2022-04-15 15:42:42 Uhr
Forever ist mit abstand der beste Track der Album. Der Rest ist nicht schlecht aber so richtig bleibt das sonst nicht hängen.

Irgendwo zwischen 6 und 7 mit Tendenz nach oben

Kai

Postings: 1481

Registriert seit 25.02.2014

2022-04-01 20:19:55 Uhr
Das ist tatsächlich sehr schön.

Peacetrail

Postings: 3159

Registriert seit 21.07.2019

2022-04-01 19:56:23 Uhr
Schön.

eric

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 2624

Registriert seit 14.06.2013

2022-04-01 14:44:41 Uhr - Newsbeitrag
Neues Album "Middling age" am 15. April 2022 via Thirty Something.

Video zur Vorab-Single:

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