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Vince Staples - Ramona Park broke my heart

Vince Staples- Ramona Park broke my heart

Blacksmith / Motown
VÖ: 08.04.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Spurensuche

Wer ist Ramona Park, die Herzensbrecherin? Mehrere Pfade führen zu einer Antwort: der direkteste einmal mehr nach Long Beach, rund 30 Kilometer südlich von Los Angeles gelegen und so etwas wie das Epizentrum in Vince Staples' musikalischem Kosmos. Ein kleines Viertel im Norden der Stadt trägt diesen Namen, unscheinbar auf der Landkarte, ohne besondere Wahrzeichen und so wesentlich für diejenigen, die dort aufgewachsen sind. Der inzwischen 28-jährige Staples begann seine Rapkarriere einst mit den ergreifenden, stilistisch heterogenen Jugendreminiszenzen von "Summertime '06", doch wird man das Gefühl nicht los, sein gesamter Output versuche seitdem, irgendwie die eigene Vergangenheit scharf zu stellen. "Ramona Park stole my heart" schreibt diese Coming-of-Age-Story als Ergänzung und Vertiefung des letztjährigen "Kurzalbums" fort, wirkt dabei noch konzentrierter und kontemplativer – beinahe scheint es, als setze Staples nun den thematischen Schlussstrich unter seine großen Themen: Wie verletzlich werden Freundschaft und Liebe, wenn hinter dem nächsten Block die Glock lauert? Wie lässt sich ihr Wert behaupten, ohne Schutz in der Abstumpfung zu suchen? Schnell wird klar: Ramona Park ist eine mehrdeutige Chiffre, mindestens so sehr geistiger wie physischer Ort, versehrend und ersehnt zugleich.

Das evokative Intro "The beach" collagiert konsequent Meeresgeräusche und Möwengeheul mit Zuschauerlärm, überblendet also Sinneseindrücke aus der Kindheit mit dem Erfolg des arrivierten Rappers. Nachdenklich und tight präsentiert sich Staples über einer Orgel und einem sanften Bass, bis plötzlich knallende Pistolenschüsse die Falltür in die Vergangenheit aufstoßen. "Aye (Free the homies)" knüpft an die nostalgische Grundstimmung an, verlegt sie zugleich ins Reich der Fiktion: Verschwitzt-glitzernde Gitarren und funkelnde Synthies lassen Staples erscheinen, als rappe er von einer Yacht in den Achtzigern. In der souligen Hook bekennt er: "If I had one wish / I’d free the homies" und ist sich schmerzlich und doch erleichtert bewusst darüber, wie viel ihn mittlerweile von manchen von ihnen trennt. Aus diesem Widerspruch speisen sich viele der Reflektionen des Albums, seine grundsätzliche Ambivalenz: "All my people in the hood / What's it finna take to have everybody living good?", fragt Staples in "DJ Quik", enttarnt das Prahlen mit dem erworbenen Reichtum als Suche nach einem Ausweg aus dem prekären Leben: "If it don't make dollars / Then it don't make sense." Misstrauen, Schuldgefühle und innere Leere sind schließlich schlimm genug, wenn man kein Geld hat.

In der Folge entfernt sich Staples selten von den nachdenklichen Midtempo-Beats, die seine Strophen grundieren, einzig die Vocoder-Einlagen von Lil Baby führen kurz nach Atlanta, während Lemonade im Bund mit Ty Dolla $ign als etwas seichte Sommererfrischung die Sorgen wegschlürft. Doch wünscht man sich bei jedem Feature die rasche Rückkehr von Staples' Überlegungen, vor allem "When sparks fly" mit seinem melancholischen Lyves-Sample ragt heraus: Staples entspinnt ein doppelbödiges Liebeslied an seine Pistole, das sich ebenso als sexuelle Fantasie lesen lässt: "I don't wanna use protection with you / But the glove'll keep you safe if you ever get loose." Wie eine Folie legen sich diese Mehrdeutigkeiten über seine Milieustudien, projizieren im Cloud-Soul über Trap-Beats von "Papercuts" oder der vermeintlichen Aufschneiderei von "Player ways" den Wunsch nach romantischer Erfüllung auf eine ständige Getriebenheit, die ihm keine Zeit gibt. "Only bringing flowers to the homies's grave", verrät ein bitterer Staples, nachdem ihn Spoken-Word-Interludes aus Sicht einer Freundin und seiner Mutter dazu zwingen, andere Perspektiven einzunehmen.

"Ramona Park stole my heart" ist somit auch das subtile Dokument einer Erschöpfung geworden. All die sozialen Kämpfe und unerfüllten Begehren lassen einen müden Protagonisten im bewegenden (und treffend betitelten) Closer "The blues" zu harten Einsichten kommen, während ihn zarte Lo-Fi-Gitarren grundieren: "What's success but guilt and stress?" Seine Arbeit sei bislang vorrangig eine Anthologie der eigenen Herkunft gewesen, verriet Staples kürzlich in einem Interview, nun sei dieses Vorhaben an seinem vorläufigen Endpunkt angelangt. Vielschichtig in der Erzählung, unaufgeregt und stilsicher in der Produktion, schreibt sein fünftes Album ein würdiges und reifes Schlusskapitel.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • The Beach
  • Aye! (Free the homies)
  • When sparks fly
  • Papercuts
  • The blues

Tracklist

  1. The Beach
  2. Aye! (Free the homies)
  3. DJ Quik
  4. Magic (with Mustard)
  5. Nameless
  6. When sparks fly
  7. East Point prayer (feat. Lil Baby)
  8. Slide
  9. Papercuts
  10. Lemonade (feat. Ty Dolla $ign)
  11. Player ways
  12. Mama's boy
  13. Bang that (feat. Mustard)
  14. The spirit of Monster Kody
  15. Rose Street
  16. The Blues

Gesamtspielzeit: 41:02 min.

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User Beitrag

Jonas

Postings: 7

Registriert seit 31.08.2021

2022-05-23 18:00:00 Uhr
Jo, hab' mich zuletzt durch die Diskographie gehört, und Banger-Dichte plus pushing-the-envelope-Faktor von Summertime und Big Fish sind immer noch groß. :-)

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 18757

Registriert seit 10.09.2013

2022-04-21 19:03:12 Uhr
Gutes Album wieder, auch wenn es nicht an die ersten beiden heranreicht. Ich höre seiner Stimme und seinen Geschichten immer noch gerne zu, er darf jetzt nach diesem "Schlusskapitel" jedoch auch gerne die Introspektion wieder etwas verlassen und musikalisch ambitionierter zu Werke gehen.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22687

Registriert seit 08.01.2012

2022-04-20 21:03:10 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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