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Tom Rogerson - Retreat to bliss

Tom Rogerson- Retreat to bliss

Western Vinyl / Cargo
VÖ: 25.03.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Trip in den Abgrund

Ein Funfact zu Tom Rogersons 2017er Album "Finding shore" ist, dass der Musiker aus Suffolk dem ebenfalls aus der ostenglischen Grafschaft stammendem Brian Eno bei einem Konzert auf einer Toilette begegnete. Das Gespräch, das sich daraufhin entspann, intensivierte sich schließlich zur Arbeit an einem gemeinsamen Studioalbum. Auch zu Rogersons neuem Longplayer "Retreat to bliss" gibt es Hintergrundgeschichten, allerdings sind dies nicht nur Funfacts, denn seit "Finding shore" ist im Leben des Singer-Songwriters einiges passiert: Rogerson wurde Vater, hat einen Elternteil verloren, und ihm wurde eine seltene Form von Blutkrebs diagnostiziert.

"In den letzten Jahren habe ich einige Kämpfe, einiges an Glück und viel Veränderung erlebt", sagt der Sänger selbst und erklärt, welche Rolle sein Instrument für ihn dabei spielt: "Während meines ganzen Lebens war mein Piano mein treuer Begleiter, mein Beichtvater, mein bester Freund und mein größer Feind." Tatsächlich beschreibt Rogerson damit das Spannungsfeld sehr exakt, in dem sich "Retreat to bliss" bewegt. Und es spricht sehr für das Album, dass er mit dieser knappen, pathetisch anmutenden Umschreibung weder unter- noch übertreibt.

"Retreat to bliss" ist ein über weite Teile instrumentales Album, das aber dennoch nicht wortkarg wirkt. Gleich der Opener "Descent" ist bewegendes Storytelling, das ganz ohne Lyrics auskommt. Songtitel reichen als verbale Stimmungsbilder erstmal vollkommen aus, ob auf "Descent" oder wenig später, dramaturgisch gesteigert, auf "Buried deep". Rogerson betastet das Gefühl von ergreifender Tragik, ohne sich ihm ganz auszuliefern. Er spielt, als könnte er jeder bedrohlichen Tiefe eine noch tiefere Harmonie entgegensetzen. Der Albumtitel "Retreat to bliss" leuchtet deshalb bereits nach wenigen Minuten ein.

Der erste Höhepunkt des Albums ist der zweite Track "Oath". Er ist ein hymnisches Zusammenspiel aus luftigen Pianoklängen und Rogersons weicher, verletzlicher Stimme. Ein Song, wie eine unendliche Quelle an Kraftreserven. Interessant ist, wie Rogerson das Instrument im Laufe des Albums immer wieder seine Stimme dominieren lässt. Er ist auch Frontmann, wenn er singt. Trotzdem verlässt er nie ganz die Deckung, die ihm sein Instrument bietet. Auf "Chant", lässt er in seinem hypnotischen Spiel nur noch einen winzigen Korridor übrig, dem seine Stimme so virtuos wie ergeben folgt. Auf "Rapture 1" führt diese Auseinandersetzung mit dem Piano so weit, dass Rogersons Klagelaute wie in seinem Spiel ertrinken. Und auf "A clearing" erscheint Rogerson Stimme wie aus einer dunklen Vorahnung heraus im Hintergrund und ist trotzdem beklemmend präsent. Durch die ausgeklügelte Dramaturgie des Songs, der an Solostücke von Thom Yorke oder an die späten Talk Talk erinnert, zählt auch "A clearing" zu den Highlights des Albums.

Insgesamt ist "Retreat to bliss" ein absolut lohnenswerter musikalischer Trip in einen Abgrund, der mit sehr viel Wärme, aber auch mit echter Verzweiflung ausgeleuchtet wird. Wer ein Album für nebenbei sucht, wird hier eher nicht fündig, dafür sind die instrumentalen Parts zu sperrig und die Tracks mit Gesang zu fordernd. Wer sich aber für intimen und aufwühlenden Piano-Indie-Pop begeistert, kann sich auf ein Werk freuen, das zwar nicht alles, aber doch vieles davon einlöst, was dieses Genre großartig macht.

(Dominik Steiner)

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Highlights

  • Oath
  • Chant
  • A clearing

Tracklist

  1. Descent
  2. Oath
  3. Buried deep
  4. Toumani
  5. Drone finder part 2
  6. Chant
  7. Rapture 1
  8. Open out span wide view
  9. A clearing
  10. Retreat to
  11. Coda

Gesamtspielzeit: 44:13 min.

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Armin

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2022-04-13 20:39:56 Uhr - Newsbeitrag
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