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The Plastik Beatniks - All those streets I must find cities for

The Plastik Beatniks- All those streets I must find cities for

Alien Transistor
VÖ: 25.04.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Tanzbares Biopic

Wenn man jemanden nach den einflussreichsten Beat-Literaten fragt, dann hört man wohl meist: Jack Kerouac, Allen Ginsberg oder William S. Burroughs. Eine wichtige, aber bis heute weitgehend unbekannte Figur fehlt oft in dieser Aufzählung: Bob Kaufman. Der Poet, der im legendären City-Lights-Verlag veröffentlichte, war Gerüchten zufolge sogar der Urheber des Begriffs "Beatnik" – und nicht zuletzt ein hellsichtiger Dichter, dessen Poesie sich nicht vor der eines Gregory Corso oder Allen Ginsberg verstecken muss.

Das Projekt The Plastik Beatniks hat sich vorgenommen, mit Tonspuren aus Kaufmans Werk zu experimentieren und ihm mit "All those streets I must find cities for" ein Denkmal zu setzen. Bei dem Namen The Plastik Beatniks könnte man vielleicht erstmal vermuten, dass da ein paar Hobbymusiker dahinterstecken, die sich das Projekt beim Schwänzen ihres Grundkurses Literatur ausgedacht haben. Tatsächlich aber ist die Kombo eine echte Supergroup: Gründungsmitglieder sind Markus und Micha Acher von The Notwist, sowie die musikalisch ebenfalls sehr umtriebigen Andreas Ammer und Leo Hopfinger. Für die Vocals konnte man unter anderem Patti Smith, die Jazzmusikerin Angel Bat Dawid, den Rapper DoseOne und die Poetin Moor Mother gewinnen. Große, spannende Namen also von diesseits und jenseits des Atlantiks. Aber was bleibt bei so viel Kollaboration und Gemixe von Kaufman übrig?

Um es kurz zu machen: ganz schön viel. Das liegt zum einen daran, dass The Plastik Beatniks nicht nur Kaufmans Gedichte vertonen, sondern ihn auch als Persönlichkeit einfühlsam vorstellen. Immer wieder werden Interviewschnipsel eingestreut, teils mit Kaufman selbst, teils mit Weggefährten, die sich sehr offen über ihn äußern. In "What he looks like" erklärt Allen Ginsberg so liebenswert wie indiskret: "He is a very beautiful guy / He has a very smooth skinned face, I remember."

Spannend ist auch, wie sich Rezitatoren und O-Töne abwechseln. Auf Tracks wie "Would you wear my eyes" und "All those streets I must find cities for" ist Kaufman selbst zu hören, mit einer Stimme voller Verletzlichkeit und lauernder Kraft. An seinen Gedichten lässt sich gut erkennen, weshalb die Beats als Initialzündung für heutige Bühnenliteratur wie beispielsweise der Slam-Poesie gelten. Das alles ist viel zu beweglich, viel zu aufgewühlt, um im Sitzen vor einem Wasserglas vorgetragen zu werden. Diesen Aufruhr fangen The Plastik Beatniks kongenial ein: Sie nutzen den Freiraum, den Kaufman ihnen bietet, ohne ihm die Show zu stehlen – bei den wilden Jazzsolos und hypnotischen Loops, die sich immer wieder um die Rezitation schleichen, ist das eine echte Leistung.

Klug gewählt sind auch die Auftritte der Gäste. Eines der Highlights "War memoir" startet mit Kaufmans Stimme als Intro, dann übernimmt die Poetin Moor Mother und transportiert den Text, begleitet von ekstatischem Getrommel, sanft ins Heute. Dass das funktioniert, liegt auch an den Zeilen, die Kaufman vorgibt und in denen er sozusagen Kontakt mit uns aufnimmt: "We were shocked from a life long gone before our own / We were indignant to the whisteling, thinking, singing, beating, swinging, living sound / Which marked us and let us feel sweet life again."

Auch am Kontrast von Patti Smith und Angel Bat Dawid lässt sich gut erkennen, wie variabel Kaufmans Poesie ist. "Ginsberg (for allen)" rezitiert Patti Smith voll zarter Intimität und knisternden Bekenntnissen: "I love him / Because his eyes leak". In Stücken wie "Bagelshop jazz" oder "Harwood Alley song", in dem Angel Bat Dawid den Gesang übernimmt, wird Kaufmans exaltierte Seite voll ausgereizt. Insgesamt ist "All those streets I must find cities for" ein forderndes, aber auch bereicherndes Hörerlebnis. Man könnte fast sagen: ein tanzbares Biopic, das viele leise Zeilen bereithält. Natürlich auch diese hier, nach der es benannt wurde: "Someone whom I am is no one / Something I have done is nothing / Someplace I have been is nowhere / I am not me / What of the answers / I must find questions for? / All these strange streets I must find cities for / Thank God for the beatniks."

(Dominik Steiner)

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Highlights

  • All those streets I must find cities for
  • War Memoir
  • Would you wear my eyes

Tracklist

  1. The sun is a negro
  2. Hollywood beat
  3. What he looks like
  4. Westcoast Sound 1956
  5. All those streets I must find cities for
  6. Bagelshop jazz
  7. War memoir
  8. Harwood Alley song
  9. Ginsberg (for allen)
  10. Would you wear my eyes
  11. A particular police officer
  12. The end always comes last

Gesamtspielzeit: 40:03 min.

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Armin

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2022-04-13 20:39:13 Uhr - Newsbeitrag
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