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Kavinsky - Reborn

Kavinsky- Reborn

Virgin / Universal
VÖ: 25.03.2022

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Untotentänze

Kavinsky ist ein Zombie. Das ist keine Metapher für seine konstanten Untotentänze auf den Gräbern der Achtziger, sondern in erster Instanz wörtlich gemeint. Die fiktive Backstory von Vincent Belorgeys Alter Ego geht nämlich so: 1986 kam der Mann bei einem Unfall in seinem roten Ferrari Testarossa um, nur um 20 Jahre später als Zombie wieder auf der Matte zu stehen und elektronische Musik zu produzieren. Ein Trash-Film-tauglicher Stoff, der es im Grunde unausweichlich machte, dass Kavinsky sein Schicksal eng mit einem der ikonischsten Hochglanz-B-Movies des Jahrtausends verknüpfen würde. "Nightcall" wurde nach seiner Verwendung als Titelsong für Nicolas Winding Refns "Drive" zu einem so pointierten Mega-Erfolg, dass mit dem erst zwei Jahre später veröffentlichten Debütalbum "OutRun" Kavinskys Geschichte bereits auserzählt schien, bevor sie wirklich begann. Der nun fast eine Dekade danach erscheinende Nachfolger bringt dementsprechend nicht gerade die Pop-Welt zum Schwitzen, was den Franzosen aber nicht davon abhält, seine Tracks wie die Begleitung zum nächsten Marvel-Hit zu inszenieren. "Reborn" heißt das Ding und steht natürlich nicht für Wiedergeburt, sondern pumpt den retrofuturistischen Maximalismus schlicht noch weiter auf.

Kavinsky zelebriert also weiterhin die glattgeschliffene Blockbuster-Version von Synthwave, die im Gegensatz zu anderen Genre-Vertretern eher nicht auf Metal-Festivals laufen wird und die eindeutig mehr Moroder als Carpenter im Blut hat. "Reborn" setzt sich im Wesentlichen aus zwei Arten von Stücken zusammen: Größtenteils instrumentale, cineastische Soundkulissen ergänzen sich mit von Gast-Vocals unterstützten Pop-Songs. Die Vertreter der ersten Kategorie funktionieren nach wie vor wunderbar. "Pulsar" mit seinem Herzschlag-Beat und der hoffnungsvollere Vocoder-Ambient von "Horizon" bilden einen stimmungsvollen Rahmen, zwischen dem sich Bilder von Kometenschauern, nächtlichen Highway-Fahrten und in Sonnenbrillen gespiegelten Weltuntergängen aufspannen. Den mit rasiermesserscharfen Streichern angetriebenen Dynamo von "Trigger" könnte sich Michael Mann notieren, falls er "Miami Vice" tatsächlich noch einmal neu adaptieren will, und auch "Outsider" serviert seine geschmackvoll glitzernde Dramatik mustergültig. An letztgenanntem Track war übrigens Gaspard Augé von Justice beteiligt, ebenso an "Zombie", dem er vielleicht die "Uh! Ah!"-Rufe aus der Gruft spendierte. Trotz seines distinktiven Sounds schwingen Kavinskys Wurzeln im French House stets mit, was nicht zuletzt auch an der stimmlichen Omnipräsenz des ebenfalls mit Justice verbandelten Morgan Phalen liegt.

Bei den konventioneller strukturierten Pop-Nummern fällt die Trefferquote etwas geringer aus. Stark geraten der melodisch funkelnde Titeltrack sowie "Plasma" mit seinen Disco-Riffs, zischenden Synth-Pfützen und Phalens bester Gesangs-Performance. "Zenith" bildet den, äh, Gipfel der Platte, beginnt im organischen Understatement mit Piano und Saxofon, bevor es sich samt herrlich käsigen Rock-Balladen-Gitarren jeden Cent seines Pathos verdient. Ähnliches lässt sich leider nicht über den MOR-Engtanz "Goodbye" sagen, in dem Sébastian Telliers "All I want is to be by your side"-Schmachtereien über den betont gefühlvollen Tasten eher unangenehme Körperreaktionen hervorrufen. Und dann wäre da noch "Cameo", Kavinskys saftloser Versuch, sich in Mainstream-Club-tauglicheren R'n'B zu bewegen, womit er letztlich einfach nur wie alle anderen klingt. Der Song pointiert darüber hinaus ein grundlegendes Problem von "Reborn", das sich trotz aller Klasse nicht von der Windschutzscheibe wischen lässt. Der 46-Jährige hatte seinen Zeitgeist-Moment und beeinflusste mit seiner Ästhetik Weltstars wie The Weeknd – doch anstatt wie ein neonfarbener Phoenix mit frischen Ideen aus der Asche aufzusteigen, humpelt er dem Pop-Zirkus nun etwas hinterher. Kavinsky ist ein Zombie – diesmal auch im übertragenen Sinn.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Plasma (feat. Morgan Phalen)
  • Zenith (feat. Prudence & Morgan Phalen)
  • Outsider

Tracklist

  1. Pulsar
  2. Reborn (feat. Romuald)
  3. Renegade (feat. Cautious Clay)
  4. Trigger
  5. Goodbye (feat. Sébastian Tellier)
  6. Plasma (feat. Morgan Phalen)
  7. Cameo (feat. Kareen Lomax)
  8. Zenith (feat. Prudence & Morgan Phalen)
  9. Vigilante (feat. Morgan Phalen)
  10. Zombie
  11. Outsider
  12. Horizon

Gesamtspielzeit: 47:23 min.

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Armin

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2022-04-13 20:38:16 Uhr - Newsbeitrag
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