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Kurt Vile - (Watch my moves)

Kurt Vile- (Watch my moves)

Virgin / Universal
VÖ: 15.04.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Held in Unterhosen

Als "Constant hitmaker" hat sich Kurt Vile 2008 auf seinem Debüt bezeichnet. Eine kleine Flunkerei, wie sich in der darauffolgenden Dekade herausstellte – es sei denn, man versteht unter "Hits" fünf- bis zehnminütige Gitarren-Wasserfälle, die ohne ausgeklügelte Struktur den Hang hinunterfließen. Nein, der langhaarige Mann aus Philadelphia kommt nicht gerne auf den Punkt. Ihm das zum Vorwurf zu machen, verkennt allerdings, dass der Punkt hier sowieso ein völlig anderer ist. Nur wenige andere Musikschaffenden vermögen es, ein solches Gefühl der Unmittelbarkeit zu erzeugen. Vile schmeißt das Tape an und schaut erstaunt zu, wohin ihn seine Worte und Finger tragen. Auch seine achte Platte "(Watch my moves)" ist wieder rund 75 Minuten lang und enthält zahlreiche Meta-Verweise auf die Genese des Moments: "Moog making noise now", "Guitars feeding back now." Trotz all ihrer eskapistischen Traumkonturen ist diese Musik vielleicht die direkteste vorstellbare Abbildung realen Lebens, weil sie sich ohne Drehbuch, aber auch ohne jede Aufregung in Echtzeit vor einem entfaltet.

Nach der kleinen Piano-Übung "Goin on a plane today" stellt sich "Flyin (like a fast train)" als ganz typischer Vile-Song dar. Die Saiten ranken sich um einen Hängematten-Beat, während dieser sofort seinem Urheber zuordenbare Singsang vom Musizieren in Unterwäsche nölt und überhaupt keinen Anlass dazu gibt, ihm nicht zu glauben. Die erste Single "Like exploding stones" breitet kurz darauf mit Synth-Unterlage und Saxofon-Akzenten von James Stewart (Sun Ra Arkestra) die Trademarks auf einem noch weitflächigeren Perserteppich aus. Was die Musik des ehemaligen Mitglieds von The War On Drugs mit seiner Ex-Band weiterhin gemein hat, sind die endlosen Sehnsuchts-Panoramen, in die sich jede abstrakte Emotion hineinprojizieren lässt. Im Gegensatz zu Adam Granduciel und Co. bleibt der 42-Jährige jedoch meistens so konsequent, die Stadion-Pop-Momente und offensichtlichen Höhepunkte wegzulassen – mit allen positiven wie negativen Aspekten, die dazugehören. In all seiner freiförmigen Tiefenentspannung funktioniert "(Watch my moves)" wunderbar, auch wenn dem Album die schrofferen Felsspitzen und angedeuteten Abgründe von Viles besten Werken "Smoke ring for my halo" und "B'lieve Im goin down" fehlen.

Der Schutzstern der Repetition schwebt also wieder über allem und doch schafft es Vile gemeinsam mit einer illustren Gästerunde, ausreichend Variation in die Kompositionen zu bringen. Warpaints Stella Mozgawa stampft einen saftigen Rhythmus für "Jesus on a wire", das sich samt Vocals und ausdrucksstarkem Pianospiel der großartigen Cate Le Bon tief unter die Haut zupft. Die von warmen Slide-Gitarren umhüllte Melodie im Herzen von "Cool water" ließe sich unter einer Ladentheke in Nashville sicher für ein hübsches Sümmchen veräußern, bevor die Streicher von "Chazzy don't mind" ein noch zärtlicheres Akustikballädchen in den Country-Himmel tragen und auch Chastity Belts Julia Shapiro mit anpackt. Mit Unterstützung einer leider nicht identifizierbaren männlichen Stimme fließt "Say the word" indes in einen Uptempo-Seitenarm und steigert die Intensität seiner Strömung immer mehr. Natürlich, ohne die sedative Schale des Gesamtwerks dabei auch nur anzukratzen.

Zur kuscheligen Stimmung trägt auch bei, dass Viles assoziative Texte diesmal weniger die dunklen Ecken seiner Psyche ausleuchten. Obwohl er im zentralen "Mount Airy Hill (Way gone)" wiederholt "I'm gone" deklariert, wirkt der Familienvater, der auf dem Coverfoto mit seinen beiden Töchtern posiert, ganz bei sich angekommen. Die düsterste Geschichte der Platte stammt dementsprechend nicht aus seiner eigenen Feder. "Wages of sin", eine "Born in the USA"-B-Seite von Bruce Springsteen, erzählt vom unausweichlichen Beziehungsscheitern mit dem Teufel auf den Fersen und strahlt in dieser hypnotischen, fast achtminütigen Neuinterpretation vor einer besonderen, einsamen Schönheit. Vile weiß um die amerikanische Musikgeschichte in seinem Nacken, verbeugt sich vor ihr, droppt ständig Namen und Songtitel, doch weiß er im finalen "Stuffed leopard" auch, wie egal ihr Schatten für die Wirkungskraft seiner Musik eigentlich ist: "And these chords here: Who was the first to play em? / Well, who could say? / Who's to say?" Kurt Vile bleibt der lässig auf der Veranda hängende Beweis dafür, wie man auch trotz klarer Referenzen völlig einzigartig sein kann.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Jesus on a wire
  • Chazzy don't mind
  • Say the word
  • Wages of sin

Tracklist

  1. Goin on a plane today
  2. Flyin (like a fast train)
  3. Palace of OKV in reverse
  4. Like exploding stones
  5. Mount Airy Hill (Way gone)
  6. Hey like a child
  7. Jesus on a wire
  8. Fo sho
  9. Cool water
  10. Chazzy don't mind
  11. (Shiny things)
  12. Say the word
  13. Wages of sin
  14. Kurt Runner
  15. Stuffed leopard

Gesamtspielzeit: 73:59 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

salarias

Postings: 58

Registriert seit 09.09.2016

2022-04-26 19:30:56 Uhr
jau, wirklich toll relaxed!!!!!

Quirm

Postings: 387

Registriert seit 14.06.2013

2022-04-22 12:09:29 Uhr
Hach. Herrlich entspanntes Album. Richtig zum reinlegen.

nörtz

User und News-Scout

Postings: 10511

Registriert seit 13.06.2013

2022-04-17 17:01:24 Uhr
Für mich auch ne 8. Die 2nd half ist nicht ganz so strong wie die erste, aber flowt dann doch ganz gut durch. Nur "Kurt Runner" fällt da für mich ab, weil das für mich wie ein dreimüntiger loop klingt.

Glynis

Postings: 198

Registriert seit 13.02.2022

2022-04-16 13:10:00 Uhr
Naja tom, wennan diese musik zum wihnung putzen hernimmt geb ich dir recht. Da growt nix, höchstens mein basilikum

Tom Green

Postings: 7

Registriert seit 25.08.2019

2022-04-16 10:51:00 Uhr
Es ist wie immer bei Vile, it takes a Vile! Zunächst bleibt nichts hängen, nach und nach offenbaren sich schöne Passagen, dann ganze Songs. Hätte mir mehr Songs in dem Stil des Openers gewünscht, der die Platte wie eine warme Sommerbrise eröffnet, danach gibt es viel im bekannten Stil, aber nach nach eingängiger Beschäftigung wieder mal tolle Arbeit. "Cool Water, "Crazy dont mind", "Flyin" - mit das beste was er je gemacht hat. 2-3 Songs zu lang, aber insgesamt ein richtiger Grower. 8/10
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