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Lucy Kruger & The Lost Boys - Teen tapes (for performing your own stunts)

Lucy Kruger & The Lost Boys- Teen tapes (for performing your own stunts)

Unique / Groove Attack
VÖ: 08.04.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Ruhe und der Sturm

"Lass uns alle Stunts selbst drehen", forderte einst die heute längst vergessene Band Karpatenhund. Und auch Jackie Chan ist bekannt dafür, sich niemals doublen zu lassen, was ihm schon die ein oder andere schwerwiegende Verletzung eingebracht hat. Stuntfrau Zoë Bell hat gar eine ganze Hollywood-Karriere auf ihrem Job begründet, für andere die gefährlichen Sachen zu machen. Was das mit einem "psychedelic folk/ambient punk/art pop collective" zu tun hat? Das nämlich sind Lucy Kruger & The Lost Boys – so zumindest lautet die Selbstbeschreibung auf Bandcamp. Die Band um die in Berlin lebende Südafrikanerin hat erst 2021 mit ihrer vertonten Geisterstunde "Transit tapes (for women who move furniture around)" Hörer*innen nicht nur in der Hauptstadt zum wohligen Schlottern gebracht. Als nun abschließendes Werk der "Tapes"-Trilogie, die 2019 mit "Sleeping tapes for some girls" ihren Anfang nahm, gibt es nach nur zehn Monaten fleißig Nachschub. Und "Teen tapes (for performing your own stunts)" stopft die meditative Zurückhaltung des Vorgängers erst einmal mit Anlauf in den Schredder: Willkommen im Land des Noise-Folk!

Auch bei diesem letzten Kapitel ist alles echt, ohne Netz und doppelten Boden: Bereits "Risk" jagt eine einsame E-Gitarre über die Prärie, als entstamme sie einem Jim-Jarmusch-Film in Schwarz-Weiß, und zeigt sich deutlich ruppiger als die bislang meist hochzarten Klänge der Wahlberlinerin. Kruger und ihre Mitmusiker lassen nach vormaligen Andeutungen jetzt endlich ordentlich die Röhren glühen. Gehauchte Vocals und verschroben-schiefe Akkorde auf Drumcomputer-Fundament vereinen sich auch in der Vorab-Single "Play" zu einem immer noch wohlig-morbiden, aber diesmal besonders markanten Schlag ins Gesicht, den Kim Gordon auch so in der Art verteilt hätte.

"You take me back to highschool corridors": Kruger reflektiert auf dem neuen Album wieder ihre innersten Dämonen, vergangene wie gegenwärtige Traumata und deren Bewältigung mit Hilfestellung von schrägem Folk und purem Getöse. Mit lockeren Schrammel-Akkorden, welche die Künstlerin einmal mehr in Richtung einer mies gelaunten PJ Harvey rücken, täuscht sie in "Spinning" verwegen einen waschechten Rock-Song an, der dann jedoch schnell wieder zur entschleunigten, mit Horrorfilm-artigem Abwärtssog versehenen Introspektive zurückfindet. "Hold you back" grenzt dagegen, von seiner reduzierten, aber durchschlagskräftigen Percussion einmal abgesehen, beinahe an unbekümmerten Pop, und Kruger fordert verzweifelt: "I want you to need me", während "Autobiography of an evening" wieder aus den Vollen schöpft.

Das zurückgenommene Liebeslied "Iscariot" fußt zunächst nur auf gediegenem Picking, verkaterten Vocals sowie Störgeräuschen aus dem Alltagsleben und hätte auch dem Vorgänger gut zu Gesicht gestanden. "I want my girl, and I want the ocean", fleht Kruger voller Sehnsucht zu schepperndem Schellenkranz, und singt sich später in Rage: "I wanna go home." Generell hat sich die zweite Hälfte des Albums ein wenig beruhigt und befindet sich wieder im Transit. "I could help you escape, in case you didn't want to stay": Auf und davon, Berlin lebt auch ohne uns weiter. Das großartige "Escape" zelebriert die Freiheit und das Ende der Nacht. Das versöhnliche "Unpack" hilft der Angebeteten dann beim Auspacken und beendet das Album sowie die gesamte Trilogie auf einer leichtfüßigen Note. Ist Lucy Kruger endlich angekommen? Das weiß wohl nur die Künstlerin selbst, aber mit "Teen tapes (for perfoming your own stunts)" hinterlässt sie ein äußerst atmosphärisches, experimentelles und hochintensives Gitarrenalbum, das gleichermaßen fulminante Krachorgie wie zerbrechliche Nabelschau ist. Sogar ganz ohne Doppelgängerin, die an den besonders brenzligen Stellen für sie einspringen musste.

(Ralf Hoff)

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Highlights

  • Spinning
  • Play
  • Iscariot
  • Escape

Tracklist

  1. Warm I
  2. Risk
  3. Spinning
  4. Play
  5. Amsterdam
  6. Autobiography of an evening
  7. Hold you back
  8. Iscariot
  9. Escape
  10. Unpack

Gesamtspielzeit: 38:41 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Klaus

Postings: 5354

Registriert seit 22.08.2019

2022-04-08 12:19:28 Uhr
Erster Durchlauf: Ein sehr dichtes, wunderschönes Album.

Hatte überlegt, mir das live zu geben. Aber die im Lido, nein danke.

Obrac

Postings: 1476

Registriert seit 13.06.2013

2022-04-06 22:31:23 Uhr
Letztes Album war super.

Klaus

Postings: 5354

Registriert seit 22.08.2019

2022-04-06 22:24:31 Uhr
Ach, schön dass da schon wieder was neues kommt.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22687

Registriert seit 08.01.2012

2022-04-06 20:11:36 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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