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Black Square - Blumen am Abgrund

Black Square- Blumen am Abgrund

Plastic Bomb / Keep It A Secret
VÖ: 24.02.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Grenzen sprengen

Punk in und aus deutschen Landen rumpelt längst wieder. Das große Ganze, was man gemeinhin unter Innen-, Außen-, Europa- und, äh, Whatever-Politik versteht, macht es sowieso immer möglich, seit geraumer Zeit sogar notwendig. Rumpel-Punks gibt es wie Sand am Meer. Punkerinnen dagegen, die sich laut zu sagen trauen, was sich in Deutschland nicht zu sagen gehört – zumal als Frau (!) –, noch immer viel zu wenige. Was Black Square aus Nordrhein-Westfalen darüber hinaus lohnend macht? Unaffektierte, animierende Wut. Wut auf die Entwicklungen, auf mutlose Politiker*innen und auf eine gleichgültige, bloß noch auf materielle Dinge getrimmte, vollkommen unsolidarische Selbstdarsteller-Gesellschaft. Wut zudem auf das Demonstrieren von Intoleranz und latentem Rassismus als deutsche Normalität, Wut auf jene reaktionären Kräfte, die mit Scheuklappen in ihren Käfigen über vermeintliche Werte bellen und in religiöser Doppelmoral sowie alten Idealen verharren. Wut auf die noch immer praktizierte patrichachalische Erziehung, auf ein stur binäres Geschlechterverständnis, auf die Unterdrückung von Frauen in vielen Kontexten. "Macht und Herrschaftsverhältnisse im Wasserglas" ist die songgewordene Antwort von Black Square, ein Manifest zu diesem Thema. Das Duo nimmt dabei kein Blatt, ja nicht mal ein Taschentuch vor den Mund, was das Vokabular betrifft. Zum Glück.

Es geht um Wut, die in den endlosen Tagen und Nächten der Corona-Pandemie, als das Hamsterrad drei Gänge runterschaltete, zu einer Brachialität heranschwoll und sich nun in Black Squares ballerndem Hardcore-Punk wiederfindet. Dabei klingt die Musik des feministischen Duos nicht überraschend, aber sie knallt: Cleane, jaulende Gitarrenriffs und Hochgeschwindigkeits-Getrommel von Instrumentalist Bonny muten wie melodischer Neunzigerjahre-Hardcore an, die Shouts und das Geschrei von Sängerin Fini tragen den Sound ins Heute. Nachdem 2020 zunächst die EP mit dem hübschen Titel "Potatoes gonna potate" erschienen war, wurden die Songs neu aufgenommen, kraftvoller abgemischt und mit auf das Debüt "Blumen am Abgrund" gepackt. Linke Themen? Überall. Und überaus notwendig. Wenn die White-Privilege-Kritik in "Biomacht" auch an der persönlichen Wohlstandsblase kratzt? Muss man durch. "Warum soll ich Verantwortung empfinden / Für deutsche Kinder, deutsche Alte, deutsche Menschen / Wenn der Rest, der meine Kleider näht, mein Essen macht und meinen Wohlstand sichert / Abfall ist?! Abfall ist! Abfall ist!?" Dass die Grausamkeit der Welt vornehmlich auf männlich geprägten Herrschaftsstrukturen fußt? Keine bahnbrechende Neuigkeit. "Wendy II" ruft Frauen dazu auf, zu agieren. "Wir können fliegen lernen / Ganz ohne Glanz und goldenes Schiff / Wir nehmen seit jeher den Hexenbesen."

Strukturelle Ausgrenzung? Ein nationales wie internationales Problem. Nicht nur, aber gerade in der Pandemie. Während Europa stets von "Solidarität" spricht, Staaten sich aber vornehmlich um sich selbst kümmern, gibt es illegale Pushbacks an den Grenzen der EU, geht man mit Waffengewalt gegen Migrant*innen vor. "Das ist eine Katastrophe", analysieren Black Square zutreffend: "Täglich sterben Menschen an den Rändern dieser Staaten / Die Ihr mit allen Mitteln sauber halten wollt / Wofür bleibt Ihr denn zu Hause? Wofür steht Ihr morgens auf?" Ausgrenzung ist immer dann auch gemeint, wenn blanker Rassismus als "Vorfälle" abgetan wird, als ein simpler Strich für das nächste Getränk auf dem Bierdeckel. Gegen Rassismus sein? Genügt verdammt noch mal nicht! Wer in der persönlichen Reflektion bloß an der Oberfläche bleibt, Strukturen nicht hinterfragt, kann nichts verändern. Oder wie Black Square es im schnaubenden "Risikogruppe: PoC" halten: "Rassismus fängt da an, wo Du zwischen Dir und dem Anderen eine Grenze ziehst." Ein Schritt, der mit der alltäglichen, oberflächlich-stigmatisierenden Intoleranz beginnt, die man auch Kindern vorlebt. "Ich hab keinen Bock, mich zu beruhigen" geben Black Sqare unmissverständlich zu Protokoll. Wem es genauso geht, der hört "Blumen am Abgrund", eine bunt gefärbte Abrissbirne für die düstere Realität.

Einnahmen, die via Bandcamp generiert werden, spendet die Band an antifaschistische Gruppen, um Antirepressions-, Vernetzungs- und Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Das ist eine Katastrophe
  • You cannot spell Einzelfall without Netzwerk
  • Risikogruppe: PoC
  • Macht und Herrschaftsverhältnisse

Tracklist

  1. Intro
  2. Negativität und Schmerz
  3. Das ist eine Katastrophe
  4. You cannot spell Einzelfall without Netzwerk
  5. Interlude: Wendy I by Carla K.
  6. Wendy II
  7. Biomacht
  8. Risikogruppe: PoC
  9. Macht und Herrschaftsverhältnisse im Wasserglas (feat. Sabrina Lügt)
  10. Die neue Normalität
  11. Streiten ohne Verletzen
  12. Interlude: Die Zaunreiterin
  13. Hagazussa (feat. Ezra)

Gesamtspielzeit: 29:50 min.

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User Beitrag

wilson

Postings: 227

Registriert seit 10.08.2015

2022-04-08 19:18:41 Uhr
nervig! vor allem der gesang. da rettet auch die attitude nix. live war es auch öde.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22687

Registriert seit 08.01.2012

2022-04-06 20:10:09 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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