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Emily Jane White - Alluvion

Emily Jane White- Alluvion

Talitres / Rough Trade
VÖ: 25.03.2022

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Kampfanklage

Uns steht das Wasser bis zum Hals. Wo man hinschaut: Ungerechtigkeit, Ignoranz und menschengemachtes Elend. Die sogenannte "Sixth Extinction" oder "Holocene Extinction", die das fortlaufende Aussterben unzähliger Arten von Tieren und Pflanzen durch das Verhalten und den Einfluss der Menschheit auf die Erde beschreibt, ist in vollem Gange. Was bleibt einem da noch, als zu verzweifeln? Für Emily Jane White ist die Antwort keinesfalls Öko-Aktivismus oder gar zur Waffe zu greifen. Sie lässt alles in die Musik fließen, um neue Kraft in die ausgelaugte Pumpe in der Brust zu drücken. In ihren düsteren Hymnen transportiert sie Mitgefühl und evoziert die Nachricht: Ich verzweifle zwar auch, aber ich bin hier und Du bist nicht allein.

Dabei ist die Amerikanerin sprachlich so kampfbereit wie nie zuvor: Im Opener fragt sie nach dem Weg zum Kriegsschauplatz. Der manifestiert sich gleich in vielfachen Schrecklichkeiten. Einmal ist es der Mord an George Floyd, ein anderes Mal das Abtreibungsverbot in Polen. Was Cringe hervorrufen könnte, wird in den mystischen Allegorien von White zur unbestreitbaren Wahrheit. Es funktioniert bei ihr, weil es nicht wie die geheuchelte Empathie einer privilegierten Person wirkt, sondern sie ihre Hypersensibilität in den letzten 15 Jahren schon oft unter Beweis gestellt hat. Sie kennt ihre Position und ist deshalb so bestimmt, aber einfühlsam in ihrer Herangehensweise. Titel wie "Battle call" und "Body against the gun" verkommen nicht zu bloßen Phrasen, sondern wirken solidarisch und ehrlich.

Genauso bestimmt ist die Langsamkeit, mit der die erfahrene Musikerin voranschreitet. "Alluvion" ist selbst für ihre Verhältnisse eher eine gemächliche Veranstaltung, was ihrer Dringlichkeit aber keinen Abbruch tut. Zu kraftvoll fühlen sich die Drums das ganze Album über an, zu entschlossen greifen Synthies und analoge Instrumente wie Gitarre und Piano ineinander und machen gemeinsame Sache. "Hollow hearts" fährt gar verzerrte Geräusche auf, die entfernt an Kanonenschläge erinnern. "I feel everyone, I spent the years frozen", singt White ganz spät auf dem Album und ist da längst Lawine und nicht mehr Schneeball, erinnert der Sound doch fast gar nicht mehr an ihre Americana-Wurzeln, sondern hat zumindest mal nachgeschaut, was diese "drone music" eigentlich ist. "Alluvion" ist mit Marissa Nadler befreundet, hält aber auch heimlich Kontakt mit Chelsea Wolfe.

Einzig "Poison" hat die weiten Landschaften der amerikanischen Peripherie im Gedächtnis und lockert gemeinsam mit der geflügelten, Optimismus vortäuschenden Melodie von "Crepuscule" auf, was sich sonst wie Kratzer an der menschlichen Seele anfühlt. White will diese heilen und spricht immer wieder mit maternaler Wärme in der Stimme auf uns ein. Es sind nur Kratzer, noch können wir es schaffen. Dass sie damit am Ende nicht besonders viel wird ausrichten können, weiß die verständnisvolle Künstlerin vermutlich selbst. Und doch hofft man, dass Emily Jane Whites hypnotische Elegien Gehör finden und zumindest die Gewissheit am Leben halten, dass die Hoffnung zuletzt stirbt.

(Arne Lehrke)

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Highlights

  • Show me the war
  • Body against the gun
  • Hollow heart

Tracklist

  1. Show me the war
  2. Crepuscule
  3. Heresy
  4. Poisoned
  5. Body against the gun
  6. The hands above me
  7. Mute swan
  8. Hold them alive
  9. Hollow years
  10. I spent the years
  11. Frozen
  12. Battle call

Gesamtspielzeit: 43:36 min.

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User Beitrag

peter73

Postings: 962

Registriert seit 14.09.2020

2022-03-17 08:20:42 Uhr
hab das album soeben bestellt, kann mir nicht vorstellen dass das album mich nach den zwei vorabsongs enttäuscht :)

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 22687

Registriert seit 08.01.2012

2022-03-16 20:23:14 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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